Connective Management | Competivation - Part 2
Strategische Vorausschau mit einem Game-Changer-Radar

Strategische Vorausschau mit einem Game-Changer-Radar

Am Anfang des Innovationsstrategie-Prozess steht die Vorausschau (Foresight) auf mögliche zukünftige Entwicklungen. Ein Game-Changer-Radar hilft beim Erkennen radikaler Innovationschancen.

 

In diesem Blogpost stellen wir einen neuen Ansatz vor, mit dem Sie die strategische Vorausschau in Ihrer Organisation verbessern können.

 

Beschleunigung an strategischen Wendepunkten

Die sogenannte Mobilitätswende hat sich lange abgezeichnet, nimmt aber gegenwärtig an Fahrt auf. Dies ist kein ungewöhnlicher Vorgang. In der Regel gibt es frühzeitig schwache Signale, mit denen sich strategische Wendepunkte (Inflection Points) ankündigen. Diese Signale werden häufig zunächst langsam stärker und erreichen dann eine Beschleunigungsphase, in der die Entwicklung in eine radikale Richtung geht oder sich wieder abschwächt.1 Strategische Wendepunkte eröffnen neue unternehmerische Möglichkeiten und stehen oft am Begin radikaler Innovationen. Die auf diese Weise entstehenden neuen Megatrends sind häufig zunächst nicht offensichtlich.2 Was die Führung daher benötigt, um diese Chancen zu nutzen, ist eine verbesserte Corporate Foresight als erste Phase des Innovationsstrategie-Prozess.3

 

Weiterentwicklung der traditionellen Foresight-Prozesse

Unter Corporate Foresight versteht man die Aktivitäten eines Unternehmens zur Vorausschau und Vorbereitung auf Veränderungen des Umfelds. Das Ziel ist die Entwicklung von möglichen Zukunftsvorstellungen. Dabei kommen Konzepte der Trend- und Zukunftsforschung, wie die Delphi-Methode und die Szenario-Analyse zum Einsatz, die schon vor Jahrzehnten entstanden sind.

Ein aktuelles Thema ist die Gestaltung der IT-Architektur von Unternehmen. Hier zeichnet sich seit langem eine Entwicklung von Insellösungen über Enterprise Architecture Tools zu neuen IoT- und KI-basierten Plattformkonzepten ab.4 Die Aufgabe von Corporate Foresight ist es, die für das eigene Unternehmen relevanten Trends herauszuarbeiten. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Beobachtung der IT-Anbieter. Neben etablierten Akteuren spielen auch Start-ups wie LeanIX, Bizzdesign ,Avolution und die BOC Group eine Rolle.5

Foresight ist ein durch die Führung und das Innovationsklima geprägter kreativer Prozess, der in fünf Phasen ablaufen kann. Diese sind auf eine Beantwortung der folgenden Fragen gerichtet:6

  1. Die Suchrichtung ableiten: Was ist für das Unternehmen der relevante Suchraum?
  2. Implizites und explizites Wissen generieren: Welche neuen Entwicklungen und Trends gibt es?
  3. Interpretieren: Welche Bedeutung haben diese Trends für das Unternehmen?
  4. Innovationsfelder identifizieren: Welche relevanten Innovationsfelder entstehen gegenwärtig?
  5. Handeln: Welche Schlussfolgerungen leiten Entscheider aus den Erkenntnissen ab?

Ein solcher Foresight-Prozess ist in der Regel in Strategie- und Innovationsprozesse integriert. Man spricht daher auch von Strategy and Innovation Foresight. Die Bearbeitung der Phasen erfolgt in einem iterativen Lernprozess durch agile Foresight-Teams, die interdisziplinär zusammenarbeiten.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die meisten Foresight-Methoden sind stark analyseorientiert. Daher vernachlässigen viele Unternehmen die Phase der Interpretation. Während die Analyse auf einen Austausch von Informationen und die Lösung konkreter Probleme gerichtet ist, kommt es bei der Interpretation darauf an, dass die Teilnehmer in einem offenen Prozess neue Bedeutungen entdecken.7 Dies ist insbesondere im Hinblick auf radikale Innovationen wichtig, fällt aber häufig dem Druck, schnelle Ergebnisse zu erzielen, zum Opfer.

Interessant ist nun, dass sich die Foresight-Forschung in der Vergangenheit wenig mit dem Thema radikale Innovation beschäftigt hat und auch in der Foresight-Praxis meist nicht zwischen inkrementellen und radikalen Innovationen unterschieden wird.8 Eine Weiterentwicklung der traditionellen Foresight-Prozesse sollte daher die Besonderheiten von radikalen Innovationen stärker berücksichtigen. Ein Ansatz hierzu ist der von uns entwickelte Game-Changer-Radar.

 

Game-Changer-Radar am Beispiel von individueller Mobilität im Stadtverkehr

Der Grundgedanke des Game-Changer-Radars ist, einen Suchraum in Suchfelder zu gliedern. Für jedes dieser Suchfelder analysiert das Foresight-Team relevante Entwicklungen und interpretiert, ob diese Entwicklungen einen radikalen Verlauf haben könnten. Eine Aufgabe, die viel strategische Intuition erfordert, ist es dann, die radikalen Entwicklungen zu verbinden und hieraus Zukunftsentwürfe mit Game-Changer-Potenzial abzuleiten.

Dieses Vorgehen wollen wir am Beispiel des Suchraums „Individuelle Mobilität im Stadtverkehr“ erläutern. Relevante Suchfelder für radikale Entwicklungen sind:

  1. Die Regulierung
  2. die Corona-Krise
  3. neue Transportmittel
  4. neue Antriebstechnologien
  5. Mobility as a Service
  6. das autonome Fahren
  7. eine seamless („nahtlose“) Mobility und
  8. das Kundenerlebnis.

Im Folgenden skizzieren wir radikale Entwicklungen, die sich auf einen strategischen Wendepunkt zubewegen und möglicherweise beschleunigen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Angesichts der Umweltbelastungen in Städten gibt es im Suchfeld Regulierung Entwicklungen zur Begrenzung der individuellen Mobilität z.B. durch Fahrverbote für ältere Diesel-Fahrzeuge und Umweltspuren, die zu langen Staus führen. Diese Entwicklungen könnten sich weiter verstärken. Der Ausgang ist weitgehend offen.

Eine gegenläufige Tendenz geht von der Corona-Krise aus. Der öffentliche Personennahverkehr ist reduziert und Fahrgäste fürchten die Infektionsrisiken. Möglich erscheint daher eine zumindest befristete Rückkehr zur individuellen Mobilität.

Im Suchfeld neue Transportmittel sind mit E-Bikes und E-Scootern innovative Kategorien entstanden, die sich steigender Beliebtheit erfreuen. Damit einher geht eine wachsende Kritik an der Sicherheit und Umweltverträglichkeit vor allem von E-Scootern. Dies begünstigt möglicherweise den Durchbruch von anderen Kleinfahrzeugen, die mit geringeren Risiken für die Verkehrsteilnehmer verbunden sind.

Das Suchfeld mit dem größten Veränderungsdruck für die Automobilindustrie waren in den letzten Jahren neue Antriebstechnologien. Nahezu alle Hersteller sind inzwischen dabei, ihr Angebot an Fahrzeugen mit Elektroantrieb zu erweitern. Dabei werden der breiten Öffentlichkeit erst allmählich die Probleme der vorherrschenden Lithium-Ionen-Technologie bewusst. Dies könnte zumindest mittelfristig die Suche nach alternativen Batterietechnologien verstärken. Ein anderes Dauerproblem ist die Ladeinfrastruktur, die viele Nutzer ohne entsprechende Möglichkeiten im Wohnhaus oder am Arbeitsplatz abwarten lässt, bis sich bessere Konzepte durchsetzen.

Ein weiteres Suchfeld, in dem viele Automobilunternehmen radikale Veränderungen erwartet haben, ist Mobility as a Service. Während beim Car Sharing eine gewisse Ernüchterung eingetreten zu sein scheint, wartet das Ridepooling z.B. mit Sammeltaxidiensten noch auf seinen Durchbruch. Bei neuen Fahrdiensten nimmt der Druck auf Unternehmen wie Uber zu, sich in einen Regulierungsrahmen einzuordnen.

Deutlich realistischer geworden ist die Einschätzung beim autonomen Fahren. In Städten sind die Anforderungen an Künstliche Intelligenz (KI-) Technologien so hoch, dass der Weg zu wirtschaftlichen Lösungen wohl noch weit ist. Die gilt zumindest für das Level 5, bei dem es keinen Fahrer mehr gibt.

Ein Hoffnungsträger für viele Kommunen ist die Seamless („nahtlose“) Mobility. Hierunter versteht man Mobilitätsketten, bei denen die Teilnehmer unterschiedliche Transportmittel nutzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Mobility Hubs wie Bahnhöfe oder Umsteigestationen und Multimodalitäts-Apps, die die Nutzer bei ihrer Planung unterstützen.

Ein weiteres spannendes Suchfeld ist das angestrebte Kundenerlebnis mit seinen Implikationen für die Markengestaltung und Kundenbeziehungen. Spannend insofern, als bislang offen ist, in welche Richtung sich z.B. die Statussymbole verschiedener Kundengruppen verändern. Ebenfalls offen ist, ob das Influencer-Marketing im Mobilitätssektor einen ähnlichen Bedeutungszuwachs erlebt, wie in anderen Bereichen.

 

Strategische Intuition bei der Verbindung von radikalen Entwicklungen

Die gedankliche Verbindung möglicher radikaler Entwicklungen erfordert strategische Intuition, eine Fähigkeit, über die die meisten Game Changer in besonderer Weise verfügen. Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal eine geistige Bereitschaft, die typisch für die aktive Suche nach Lösungsansätzen ist. Auf dieser Grundlage gelingt es dann, mit Hilfe von strategischer Intuition eigene und fremde Wissenselemente in einem kreativen Gedanken zu kombinieren. Strategische Intuition ist wichtig in neuartigen Situationen, benötigt aber meist Zeit, um sich zu entwickeln.9 Hierdurch unterscheidet sie sich von der Experten-Intuition z.B. eines Feuerwehrmanns, der in einer Gefahrensituation sehr schnell eine Lösung finden muss.

Personen mit strategischer Intuition haben ein ausgeprägtes assoziatives Denkvermögen. Dabei wirkt das Gehirn als intelligenter Speicher, der – häufig in einem entspannten Zustand – Wissenselemente aus unterschiedlichen Bereichen verbindet und kreative Synthesen schafft.

Lernprozess Innovationsstrategie

Der Game-Changer-Radar unterstützt also die strategische Analyse relevanter Entwicklungen in einem abgeleiteten Suchraum, die Interpretation ihrer Bedeutung im Hinblick auf radikale Wendepunkte und die Verbindung dieser Entwicklungen mit Hilfe von strategischer Intuition.

 

Anwendungsfall eines Connective Managements

In unserem letzten Blogpost habe ich mich mit der zunehmenden Bedeutung eines Connective Management beschäftigt, das verschiedene Bausteine von Systemen, Akteursgruppen oder Entwicklungen verbindet.10 Der Game-Changer-Radar ist eine konkrete Managementmethode, bei der eine solche Fähigkeit zur Konnektivität angewendet wird. Diese Fähigkeit ist in vielen etablierten Unternehmen nicht mehr so ausgeprägt vorhanden oder wird von der Führung nicht genügend gefördert. Dies ist einer der Gründe, warum sich diese Unternehmen bei radikalen Innovationen schwertun und im Wettbewerb mit Game Changern den Kürzeren ziehen.11 Daher kann der Game-Changer-Radar einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung von konnektiven Fähigkeiten leisten.

 

Fazit

  • Unternehmen, die in der Vergangenheit stärker auf inkrementelle Innovationen ausgerichtet waren, sollten ihre Foresight-Prozesse verbessern, um die Möglichkeit von radikalen Innovationen frühzeitig zu erkennen und zu nutzen
  • Ein methodischer Ansatz hierzu ist der Game-Changer-Radar, der hilft, radikale Entwicklungen z.B. bei innovativen Technologien und in neuen Anwendungsfeldern zu verbinden
  • Eine wichtige Rolle spielt dabei strategische Intuition, die eine besondere Ausprägung der Fähigkeit zur Konnektivität darstellt
  • Strategische Vorausschau mit einem Game-Changer-Radar ist also ein Beispiel dafür, wie Unternehmen ein Connective Management in der Praxis umsetzen können

 

Literatur

[1] McGrath, R.: Seeing Around Corners – How to Spot Inflection Points in Business Before They Happen, Boston 2019, S. 139 ff.

[2] Bhargava, R.: Non Obvious Megatrends – How to See What Others Miss to Predict the Future, 2020

[3] Servatius, H.G.: Analyse von Geschäftsmodell-Portfolios und Verbesserung des Risikomanagements. In: Competivation Blog, 19.11.2020

[4] Kaufmann, T., Servatius, H.G.: Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, Wiesbaden 2020, S. 101 ff.

[5] Heckel, M.: Ein Navi für die IT. In: Handelsblatt, 20. Januar 2021, S. 42-43

[6] Day, G.S., Schoemaker, P.J.H.: Peripheral Vision – Detecting the Weak Signals That Will Make or Break Your Company, Boston 2006

[7] Lester, R.K., Piore, M.J.: Innovation – The Missing Dimension, Cambridge 2004

[8] Gordon, A., Ramic, M., Rohrbeck, R., Spaniol, M.: 50 Years of Corporate and Organizational Foresight – Looking Back and Going Forward. In: Technological Forecasting and Social Change, 2020, Vol. 154

[9] Duggan, W.: Strategic Intuition – The Creative Spark in Human Achievement, New York 2007

[10] Servatius, H.G.: Personalführung im Zeitalter eines Connective Managements. In: Competivation Blog, 19.01.2021

[11] Servatius, H.G. Mit radikalen Entwicklungen gegen die Corona-Krise. In: Competivation Blog, 28.04.2020

Personalführung im Zeitalter eines Connective Managements

Personalführung im Zeitalter eines Connective Managements

Die Wurzeln eines Connective Managements liegen in der Personalführung. Eine Bewältigung komplexer Aufgaben wie Digitalisierung und Klimawandel erfordert von Führungskräften erweiterte Verhaltenspräferenzen bei der Zielerreichung.

 

In diesem Blogpost erläutern wir, warum viele Managementaufgaben mit einer „verbindenden“ Führung besser zu meistern sind.

 

Führung nach alter Schule

Wenn der Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens mit dem Aufsichtsrat über seine Vertragsverlängerung streitet, sich gar in einem „Kulturkampf“ mit dem Betriebsrat sieht, so lässt dies Rückschlüsse auf seine Verhaltenspräferenzen bei der Zielerreichung zu.

Dieses Beispiel mag heute kein Vorbild mehr für gutes Management sein.1 Es zeigt jedoch, wie Führung nach alter Schule lange Zeit funktioniert hat. Im Zentrum des Verhaltens erfolgreicher Führungskräfte stand eine ausgeprägte Macht- und Wettbewerbsorientierung, die durch die Managementausbildung verfeinert und von Vorgesetzen gefördert wurde.

Es gibt jedoch seit langem eine bessere Alternative: Die konnektive Führung, die unterschiedliche Verhaltenspräferenzen bei der Erreichung von Zielen verbindet.

 

Zunehmende Bedeutung einer konnektiven Führung

Das Konzept einer konnektiven Führung basiert auf den Arbeiten der US-Wissenschaftlerin Jean Lipman-Blumen, die an der zur Claremont Graduate University gehörenden Drucker School of Management in Kalifornien gelehrt hat. Connective Leadership integriert drei grundlegende Muster mit jeweils drei Verhaltenspräferenzen beim Erreichen von Zielen.2 Diese Muster sind die direkte, die instrumentelle und die beziehungsorientierte Führung.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die Verbreitung von Verhaltenspräferenzen hängt auch von der Führungskultur eines Landes ab. So dominiert z.B. in den USA das Muster einer direkten Führung, bei der eine Person eigene Ziele und Aufgaben gerne ohne Einschaltung eines Vermittlers verfolgt. Bei der Verhaltenspräferenz der Wettbewerbsorientierung steht der Wunsch, sich an externen Standards zu messen und zu gewinnen im Vordergrund. Bei der Machtorientierung geht es darum, die Führung zu übernehmen, zu dominieren, zu koordinieren und Ressourcen zu kontrollieren.

Ingenieure, Innovatoren und Start-up-Unternehmer sind häufig stärker intrinsisch orientiert. Bei ihnen stehen die innere Begeisterung für eine Aufgabe und eigene Leistungsstandards im Vordergrund. Zwischen Personen mit intrinsischer Verhaltenspräferenz und solchen mit ausgeprägter Macht- und Wettbewerbsorientierung kommt es nicht selten zu Konflikten.

Die Forschung zeigt nun, dass zur Bewältigung komplexer Probleme eine Erweiterung eigener, zu enger Verhaltenspräferenzen Erfolg versprechend ist. Hierbei kommen eine instrumentelle und eine beziehungsorientierte Führung ins Spiel. Instrumentell bedeutet, dass man neben der eigenen Person Netzwerke und Ressourcen als Mittel in einem politischen Prozess nutzt. Beziehungsorientierte Führungskräfte verbinden eigene Ziele mit den Zielen anderer, mit denen man sich identifiziert und so Brücken baut. Eine konnektive Führung spielt quasi auf der gesamten Klaviatur der Verhaltenspräferenzen und setzt diese situativ richtig ein.

Lernprozess Innovationsstrategie
Lernprozess Innovationsstrategie

Trotz des unmittelbar einleuchtenden Nutzens ist Connective Leadership in der Praxis europäischer Unternehmen bislang ein relativ wenig bekanntes Konzept. Dennoch beruht der Erfolg vieler Hidden Champions auf der zumindest unbewussten Anwendung einer stärker instrumentellen und beziehungsorientierten Führung.

 

Stärker instrumentelle und beziehungsorientierte Führung

Bei der instrumentellen Führung unterscheidet man zwischen den Ausprägungen einer persönlichen, sozialen oder anvertrauenden Führung. Die persönliche Führung setzt auf Eigenschaften wie Charisma, Symbole oder auch selbstironischen Humor und Überzeugungskraft. Personen, die eine soziale Führung praktizieren, legen Wert auf den Aufbau und die Pflege von informellen Netzwerken und Kontakten. Bei der anvertrauenden Führung wird Verantwortung ausgewählten Personen übertragen, die die Umsetzung übernehmen.

Wieder etwas andere Schwerpunkt legt die beziehungsorientierte Führung mit den Ausprägungen kooperativ, beitragend oder stellvertretend. Eine kooperative Führung bündelt Kräfte, um Konflikte zu lösen und gemeinsame Visionen zu erreichen. Der Begriff beitragend meint, anderen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Eng damit verwandt ist die stellvertretende Führung, bei der Personen eine Mentorenrolle für andere übernehmen.

 

Personalentwicklung mit einem individuellen Mentoring

In Zeiten erhöhter Unsicherheit und Mehrdeutigkeit steigt die Bedeutung einer verbindenden Führung. Gleichzeitig werden die Defizite einer zu engen direkten Führung deutlich. Jeder kennt Situationen, in denen es einen Mismatch gibt zwischen dem eigenen Verhalten und

– einer vorherrschenden Organisationskultur

– der jeweiligen Rolle in der Organisation

– dem Verhalten anderer Teammitglieder oder

– einer Interpretation des eigenen Verhaltens durch andere.

Gute Führungskräfte haben gelernt, mit solchen Situationen angemessen umzugehen. Eine wichtige Aufgabe der Personalentwicklung liegt darin, das Ausmaß derartiger Nichtübereinstimmungen zu reduzieren. Dies kann z.B. mit Hilfe von erfahrenen Mentoren geschehen, die ihren Mentees helfen, die Implikationen des eigenen Verhaltens besser zu verstehen. Das Ziel eines solchen individuellen Mentorings ist die angemessene Erweiterung der eigenen Verhaltenspräferenzen in komplexen Situationen.

 

Verbindungen zwischen den Bausteinen von Humansystemen

In unserem letzten Blogpost habe ich erläutert, warum das aus digitalen Architekturen entstandene neue Organisationskonzept der Ressourcen-Plattform mit agilen Teams ein Connective Management erfordert.3 Diese Überlegung lässt sich verallgemeinern. Seit langem gliedert man Managementsysteme in die Bausteine normatives, strategisches und operatives Management. Im Rahmen von Führungssystemen unterscheidet man zwischen den Bausteinen Personalführung, Kultur und Klima in Unternehmen und der Organisationsform. Ein konnektives Management betont die Verbindungen und Rückkopplungen zwischen diesen Bausteinen von Humansystemen. Die zunehmende Bedeutung eines Managements, dessen Kernkompetenz darin besteht, Bausteine zu verknüpfen, resultiert auch daraus, dass sich die klassischen Bausteine des Führungs- und des Managementsystems weiterentwickelt haben.

Lernprozess Innovationsstrategie

Eine wichtige Aufgabe des normativen Managements besteht heute darin, relevanten Stakeholdern einen gemeinsamen Sinn (Purpose) zu vermitteln.4 Ein neuer Schwerpunkt des strategischen Management ist es, das Portfolio der bestehenden und neuen Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.5 Im Mittelpunkt des operativen Managements stehen wie erläutert digitale Architekturen, aus denen eine neue Organisationsform hervorgegangen ist. Die Organisationskultur und das Organisationsklima sollen stärker als es in vielen etablierten Unternehmen in der Vergangenheit geschehen ist, Innovationen fördern.6 Bei all diesen Aufgaben kommt es auf Connective Leadership an, also eine Form der Führung, die es möglicherweise bei europäischen Hidden Champions schon lange gegeben hat, die wir aber wieder neu entdecken und an komplexe Herausforderungen anpassen müssen.

Ein konnektiver Manager ist ein Gestalter von Humansystemen, der Systembausteine und Menschen verbindet. Dies war der Gedanke, der uns bei der Gliederung des Innovations- und des Nachhaltigkeitssystems von Unternehmen in Bausteine geleitet hat.7 (Eine Erläuterung dieser Bausteine finden Sie hier) Die Herausforderung in beiden Disziplinen, die immer stärker konvergieren, liegt im Zusammenspiel der einzelnen Bausteine. Connective Leadership kann einen wichtigen Beitrag leisten, dass das Zusammenspiel besser funktioniert.

Lernprozess Innovationsstrategie

In zahlreichen Innovationsprojekten haben wir die Erfahrung gemacht, dass sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker dieser Erkenntnis bislang zu wenig Beachtung schenken. Hieran scheitert in vielen Unternehmen der digitale Wandel. Umso wichtiger ist es, sich von einer Führung nach alter Schule allmählich zu verabschieden.

 

Fazit

  • Das Verhalten vieler Führungskräfte ist auf wenige Präferenzen bei der Zielerreichung begrenzt. Eine verbindende Führung integriert zusätzliche Verhaltenspräferenzen
  • Mit einem individuellen Mentoring unterstützt die Personalentwicklung angehende Führungskräfte bei einer Erweiterung ihrer Verhaltenspräferenzen
  • Viele komplexe Aufgaben, wie z.B. der digitale Wandel lassen sich mit einem Connective Management besser bewältigen als mit traditionellen Ansätzen

 

Literatur

[1] Fockenbrock, D.: Ein schlechtes (Vor-)bild. In: Handelsblatt, 03. Dezember 2020, S. 26

[2] Lipman-Blumen, J.: Connective Leadership – Managing in a Changing World, Oxford 2000

[3] Servatius, H.G.: Die Ressourcen-Plattform mit agilen Teams als neue Organisationsform. In: Competivation Blog, 12.01.2021

[4] Servatius, H.G.: NachhaltigkeitsinnovationNen als Wertreiber in der Purpose Economy. In: Competivation Blog, 05.10.2020

[5] Servatius, H.G.: Analyse von Geschäftsmodell-Portfolios und Verbesserung des Risikomanagements. In: Competivation Blog, 19.11.2020

[6] Servatius. H.G.: Förderung einer Innovationskultur durch die Führung. In: Competivation Blog, 07.01.2020

[7] Servatius, H.G., Piller, F.T. (Hrsg.): Der Innovationsmanager – Wertsteigerung durch ein ganzheitliches Innovationsmanagement, Düsseldorf 2014

Die Ressourcen-Plattform mit agilen Teams als neue Organisationsform

Die Ressourcen-Plattform mit agilen Teams als neue Organisationsform

Eine klassische Regel sagt, die Struktur folge der Strategie. Aber auch das operative Management kann am Beginn der Organisationsgestaltung stehen.

 

In diesem Blogpost beschreiben wir, wie digitale Architekturen den Ausgangspunkt für das Entstehen einer neuen Organisationsform bilden.

 

Wettbewerbsvorteile mit digitalen Architekturen

Der Schweizer Start-up Alunid hat eine digitale Lösung für die „atmende“ Energieversorgung entwickelt. Dabei werden der Verbrauch, die Produktion und die Speicherung von Energie aus erneuerbaren Quellen mit Hilfe einer Internet of Things (IoT-) Plattform aufeinander abgestimmt. Die verwendeten Daten verbleiben in der Schweiz.1

Ein anderes Beispiel aus dem Energiesektor liefert der britische Anbieter Octopus, bei dem eine Künstliche Intelligenz (KI-) Plattform die agile Gestaltung komplexer Tarife und damit Kostenvorteile ermöglicht.2 Octopus nutzt die Cloud des Marktführers Amazon Web Services (AWS).

Abzuwarten bleibt, ob nationale Cloud-Initiativen oder das europäische Gaia-X-Programm gegenüber den US-amerikanischen und chinesischen Cloud-Anbietern AWS, Microsoft, Google und Alibaba an Einfluss gewinnen.3

Beide Beispiele zeigen, dass die Konvergenz von IoT- und KI-Technologien und die Gestaltung digitaler Architekturen zu einer wichtigen Quelle für Wettbewerbsvorteile werden.4 Darüber hinaus ist das operative Management mit innovativen IT-Architekturen ein Treiber neuer Organisationsformen.

 

Das operative Management als Treiber neuer Organisationsformen

Am Beginn dieser Entwicklung standen Internet-Giganten wie Amazon, die seit langem mit digitalen Architekturen für eine KI-basierte Wertschöpfung arbeiten. Ein solches Operating Model ermöglicht neben erweiterten Scale- und Scope Advantages vielfältige Möglichkeiten für radikale Innovationen und eine Produktivitätssteigerung ausgehend von KI-Technologien.

Den Kern einer solchen digitalen Architektur bildet eine zentrale Daten- und Technologie-Plattform. Über Application Programming Interfaces (APIs) arbeitet dieser zentrale Baustein Hand in Hand mit dezentralen, agilen Teams, die sich vor allem um innovative Kundenlösungen kümmern.5

Die Frage ist, welche Implikationen sich aus diesem Operating Model mit digitaler Architektur für die Organisation von Unternehmen und die Gestaltung nachhaltiger Innovationsökosysteme ergeben.6

 

Bausteine einer agilen Plattform-Organisation

Interessanterweise ist in einigen der wertvollsten Unternehmen der Welt ein neues Organisationskonzept entstanden, dessen Ausgangspunkt die skizzierten digitalen Architekturen bilden. Beispiele aus den USA sind neben Amazon Facebook und Google. Aber auch chinesische Unternehmen wie Alibaba, Didi, Huawei und Tencent haben ähnliche Organisationsmodelle realisiert.

Dieses neue Organisationskonzept einer agilen Plattform-Organisation besteht aus den folgenden drei Bausteinen, die sich ergänzen:

  1. Einer zentralen Ressourcen-Plattform
  2. einem internen Netzwerk agiler Teams und
  3. einem externen Partner-Netzwerk

Das Grundmodell kann entsprechend der Markt- und Wettbewerbssituation unterschiedliche Ausprägungen haben.7

Lernprozess Innovationsstrategie

In der Ressourcen-Plattform ist die zentrale digitale Architektur gebündelt und die Daten-Cloud angesiedelt. Hier werden gemeinsame Standards für die dezentralen Teams erarbeitet, und es erfolgt eine Unterstützung von Funktionen, wie z.B. der datenbasierten Markenführung. Wichtige Stakeholder-Beziehungen z.B. zu Politik und Gesellschaft werden von hier koordiniert.

Das interne Netzwerk agiler Teams ist vor allem für Kundenaktivitäten und dezentrale Innovationen verantwortlich. Dies gilt sowohl für das Wachstum in reifen Geschäften als auch für die Erschließung neuer Geschäftsmöglichkeiten. Ein gemeinsames Kennzeichen dieses Organisationsbausteins ist die Arbeit nach agilen Prinzipien.

Auf der anderen Seite der Ressourcen-Plattform steht das externe Netzwerk der Wertschöpfungspartner. Neben den klassischen Partnern in F&E und Produktion gehören zu diesem Netzwerk vor allem IT-Partner und App-Entwickler.

 

Zusammenarbeit mit einem unternehmerischen Staat

Für europäische Unternehmen in Branchen, die forschungsintensiv und von öffentlicher Regulierung abhängig sind, wie dem Energiesektor, stellt sich die Frage, mit welchem auf gemeinsamen Werten aufbauenden Governance-Modell die Erreichung der angestrebten Nachhaltigkeitsziele am besten gelingt.

Partner von Unternehmen mit agiler Plattform-Organisation könnte ein unternehmerischer Staat sein, der im Rahmen eines symbiotischen Ökosystems seinen Beitrag zur Erforschung risikoreicher radikaler Innovationen leistet, an deren Nutzung partizipiert und durch eine ausgewogene Regulierung die Vermarktung von Nachhaltigkeitsinnovationen fördert.8 Den politischen Rahmen hierfür bildet in den Ländern Europas eine sozial-ökologische Marktwirtschaft.

 

Auf dem Weg zu einem Connective Management

Eine wichtige Aufgabe von Führungskräften als Strategen, Kultur-Entwicklern, Organisationsarchitekten und Talent-Managern besteht darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Verbindungen zwischen den skizzierten Organisationsbausteinen und relevanten Stakeholdern gut funktionieren. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die persönliche Vorbildfunktion. Man kann daher festhalten, dass in einer Reihe innovativer Unternehmen außerhalb von Europa eine neue Organisationsform entstanden ist, die am besten mit einem Connective („verbindenden“) Management funktioniert.

Daher stellt sich eine weitere Frage nämlich nach der Relevanz und Anpassung eines solchen Organisations- und Managementkonzepts an die Situation und die politischen Rahmenbedingungen europäischer Unternehmen.

Vielleicht ergibt sich aus der neuen Organisationsform sogar ein weiterentwickeltes strategisches Management, das stärker auf Verbindungen setzt.

 

Digitaler Wandel in etablierten Unternehmen

Der digitale Wandel erfolgt in vielen etablierten europäischen Unternehmen über die Zwischenform von Digitaleinheiten mit kulturellem Abstand zur Basisorganisation. Nach einer solchen Experimentierphase mit Corporate Digital Units gibt es in einigen erfolgreichen Unternehmen Hinweise auf eine Evolution der Organisation in Richtung auf Ressourcen-Plattformen mit agilen Teams.

Ein Beispiel ist Bosch. Mit seiner IoT Cloud ist Bosch auf dem Weg zu einer Internet of Things Company. Das bedeutet, dass eine eigene IoT-Infrastruktur die Basis für unterschiedliche Anwendungsmuster bildet. Außerdem arbeitet Bosch seit langem mit agilen Methoden und erprobt die Skalierung von agilen Innovationsteams. Wichtig ist darüber hinaus, dass Führungskräfte bei Bosch in ihrer Arbeit selbst agile Prinzipien anwenden. Seine Software- und Elektronik-Kompetenz bündelt Bosch in einer neuen Geschäftseinheit. Dies sind wichtige Schritte in Richtung auf eine agile Plattform-Organisation.9

Spannende Fragen sind, ob sich die skizzierte Organisationsform und das Konzept eines Connective Management in etablierten europäischen Unternehmen durchsetzen werden, welche Entwicklungsmuster sich dabei abzeichnen, ob bestimmte Branchen hierfür besonders geeignet erscheinen und welche Führungskompetenzen hierzu erforderlich sind.

Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns gemeinsam mit befreundeten Hochschullehrern in einem praxisorientierten Forschungsprogramm, das unsere Beratungsprojekte und unser Führungskräfte-Mentoring begleitet.

Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, freuen wir uns auf einen weiteren Gedankenaustausch.

 

Fazit

  • Internet-Giganten wie Amazon haben eine digitale Architektur für die KI-basierte Wertschöpfung realisiert
  • Diese Art des operativen Managements hat den Weg für Ressourcen-Plattformen mit agilen Teams als neuer Organisationsform bereitet
  • Die Zusammenarbeit in einer solchen Organisation und mit relevanten Stakeholdern funktioniert am besten mit einem Connective Management
  • Mit der Frage, ob und wie die Anpassung dieser Konzepte in Europa gelingen kann, beschäftigen wir uns in unserer weiteren Arbeit

 

Literatur

[1] Danuser, A.: Atmende Energieversorgung für die Energiewende. In: Society Byte, Juli/August 2020

[2] Flauger, J.: Octopus Energy greift in Deutschland an. In: Handelsblatt, 25. November 2020, S. 23

[3] Kerkmann, C., Hoppe, T.: Das Jahr der Entscheidung für Gaia-X. In: Handelsblatt, 06. Januar 2021, S. 16-17

[4] Kaufmann, T., Servatius, H.G.: Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, Wiesbaden 2020

[5] Iansiti, M., Lakhani, K.R.: Competing in the Age of AI – Strategy and Leadership When Algorithms and Networks Run the World, Boston 2020

[6] Servatius, H.G.: Erfolgreiche Nachhaltigkeitsinnovationen mit verbesserten Stakeholder-Beziehungen. In: Competivation Blog, 20.02.2020

[7] Yeung, A., Ulrich, D.: Reinventing the Organization – How Companies Can Deliver Radically Greater Value in Fast-Changing Markets, Boston 2019

[8] Mazzucato, M.: The Entrepreneurial State – Debunking Public vs Private Sector Myths, London 2018, S. 176 f.

[9] Buchenau, M., Tyborski, R.: Bosch programmiert das Auto der Zukunft. In: Handelsblatt, 22. Juli 2020, S. 18-19

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