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Etablierte Unternehmen, die von Startups und Digital-Champions herausgefordert werden, stehen vor der Frage, wie bei ihren Führungskräften und Mitarbeitern ein agileres Mindset entstehen kann. Wir vergleichen zwei Ansätze und stellen deren Vor- und Nachteile zur Diskussion.

 

Was ist ein agiles Mindset?

Unter einem agilen Mindset versteht man die bewegliche Denkweise eines Menschen, die auch sein Verhalten prägt.

Inwieweit sich ein agiles Verhalten entfaltet, hängt von dem Umfeld ab, in dem sich der Mensch bewegt. So wird eine bewegliche Denkweise in einer Arbeitsumgebung, die dies ablehnt möglicherweise nicht zu einem agilen Verhalten führen.

Der Begriff Mindset bezieht sich also immer auf eine einzelne Person. Es ist aber wahrscheinlich, dass man in einem Unternehmen mit einem durch Agilität geprägten strategischen Verhaltensmuster1 viele Mitarbeiter mit einem ähnlichen Mindset antrifft.

 

Förderung eines agilen Mindset durch das Arbeitsumfeld

Es spricht einiges dafür, dass sich ein agiles Mindset bei einem Menschen frühzeitig entwickelt, diese Entwicklung aber durch das Arbeitsumfeld gefördert wird. Ein Mitarbeiter der seine berufliche Laufbahn in einem Startup beginnt, wird dort sozialisiert. Das bereits vorhandene agile Mindset verstärkt sich, wobei das agile Umfeld als normal wahrgenommen wird.

Anders ist die Situation, wenn Agilität bislang durch das Arbeitsumfeld nicht gefördert wurde, die Führungskräfte und Mitarbeiter nun aber agiler werden sollen.

 

Zwei Ansätze zu einem agileren Mindset

Wenn man die aktuelle Diskussion zum Thema Agilität verfolgt, so lassen sich zwei Ansätze unterscheiden, mit denen etablierte Unternehmen versuchen, die Agilität ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter zu steigern.

Der erste Ansatz setzt auf die Weiterbildung in agilen Methoden und deren Anwendung. Er geht von der Grundthese aus, ein agiles Mindset sei lehr- und lernbar. Daher bezeichnen wir diesen Ansatz als Lernschule.

Der zweite Ansatz sieht die bewegliche Denkweise als Teil der Entwicklung eines Menschen. Dieser Ansatz basiert auf der Grundthese, auch bei Erwachsenen gebe es klar unterscheidbare Entwicklungsphasen. Wir bezeichnen den Ansatz daher als Entwicklungsschule.

Interessant ist, dass beide Ansätze spezifische Vor- und Nachteile haben.

 

 

Vor- und Nachteile der Lernschule

Die theoretischen Wurzeln der Lernschule liegen in der Softwareentwicklung. Seit den 1990er Jahren sind dort agile Methoden wie Scrum entstanden,2 die später die Entstehung der Lean-Startup-Methode beeinflusst haben. Seit einigen Jahren setzen etablierte Unternehmen auch in ihren Kernbereichen verstärkt diese agilen Methoden ein.3

Der Vorteil der Lernschule ist, dass sich dieser Ansatz an dem konkreten Mindset orientiert, das in agilen Unternehmen vorherrscht. Die Methodenvermittlung dient der Annäherung an dieses Mindset. Ein weiterer Vorteil ist, dass dieser Ansatz vielen Verantwortlichen pragmatisch und machbar erscheint.

Der Nachteil ist, dass er möglicherweise nicht ausreicht und es zusätzlich erforderlich ist, die innere Haltung der Akteure zu verändern.

 

Vor- und Nachteile der Entwicklungsschule

Die Entwicklungsschule geht auf Entwicklungspsychologen wie Jane Loevinger (1918-2008) zurück. Eine größere Verbreitung erreichte das Spiral-Dynamics-Konzept,4 das auf der Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung von Clare Graves (1914-1986) basiert. Danach kann die Entwicklung von Weltbildern in Stufen von einer ich-bezogenen zu einer flexiblen Phase verlaufen, die bei Spiral Dynamics durch verschiedenen Farben symbolisiert wird. Heute vertreten einige Autoren die These, ein agiles Mindset sei mit dem Erreichen einer späteren Entwicklungsphase verbunden.5

Der Nachteil der Entwicklungsschule ist, dass der Zusammenhang mit Agilität vielleicht plausibel klingt, wissenschaftlich aber nicht belegt ist. Dagegen spricht, dass ein agiles Mindset in jungen Unternehmen verbreitet ist, deren Mitarbeiter noch keine lange persönliche Entwicklung durchlaufen haben. Ein weiterer Nachteil ist, dass die Veränderung des Mindset eines Menschen schwer von außen zu beeinflussen ist und viel Zeit erfordert.

Der Vorteil der Entwicklungsschule liegt darin, dass sie einen zusätzlichen Hebel jenseits der Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten bietet. Es erscheint allerdings erforderlich, die persönliche Weiterentwicklung eines Menschen genauer auf das Thema Agilität auszurichten, ohne seine bisherige berufliche Leistung zu entwerten.

 

Weiterbildung kombiniert mit persönlichen Coaching

Aus den Vor- und Nachteilen der beiden Ansätze ergibt sich die praktische Empfehlung, eine Weiterbildung in agilen Methoden mit einem persönlichen Coaching zu verbinden. Das Ziel eines solchen Coaching besteht darin, den Nutzen der eigenen Weiterentwicklung in Richtung Agilität zu verdeutlich und bei der Überwindung von Hürden zu helfen.

In unserer projektbegleitenden Forschung beschäftigen wir uns mit der Frage, wie etablierte Unternehmen im Rahmen des digitalen Wandels und der Zusammenarbeit mit Startups das Mindset ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter beeinflussen können.

 

Literatur

  1. Servatius, H.G., Mit dem Umfeld muss sich auch das Strategie-Grundmuster ändern. In: Competivation Blog, 6. August 2015
  2. Schwaber, K, Agile Project Management with Scrum, Redmont 2004
  3. Ries, E., The Startup Way – How Entrepreneurial Management Transforms Culture and Drives Growth, New York 2017
  4. Beck, D.E., Cowan, C.C.: Sprial Dynamics – Mastering Values, Leadership and Change, Malden 1996
  5. Hofert, S.: Das agile Mindset – Mitarbeiter entwickeln, Zukunft der Arbeit gestalten, Wiesbaden 2018