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Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Weltweit stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, bei der Künstlichen Intelligenz (KI) nicht den Anschluss zu verlieren und mit KI-Werkzeugen, die ihr spezifisches Wissen nutzen, Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Entwicklung führt zur Renaissance einer gestaltenden Management- und Innovationsforschung, die das Ziel hat, Theorie und Praxis zu verbinden. Dabei verlagert sich die Forschung von der empirischen Arbeit an Universitäten zu einem verbindenden Gestalten in Reallaboren des Wandels.

 

In diesem Blogpost skizziere ich die Entwicklung des gestaltenden Forschungsansatzes, zeige seine Vorteile auf und erläutere ein allgemeines Vorgehenskonzept.

 

Jahr der Entscheidung bei der Anwendung von KI

2026 könnte zum Jahr werden, in dem sich für viele Unternehmen entscheidet, ob bei der Anwendung von KI der Durchbruch gelingt oder ob es bei isolierten Pilotprojekten bleibt. Nach einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Forrester berichten nur 15 Prozent der Entscheider, dass der Einsatz von KI bislang messbar zum operativen Ergebnis ihrer Unternehmen beigetragen hat. Dies könnte dazu führen, dass diese rund ein Viertel ihrer geplanten Ausgaben für KI auf 2027 verschieben. Die Gefahr bei einer zu zögerlichen KI-Anwendung ist jedoch, dass so ein Rückstand entsteht, der nur schwer aufzuholen ist.1

Andererseits gelingt es Vorreiter-Unternehmen, mit einer an ihre spezifische Situation angepassten KI deutliche Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Pioniere praktizieren eine gestaltende Management- und Innovationsforschung, um so die Grundlage für Erfolge zu schaffen. Ein Beispiel ist Siemens, das das weltweite größte und breiteste Angebot an industriellen KI-Anwendungen gestalten und seinen Unternehmenswert verdoppeln möchte.2

Das Institut der Deutschen Wirtschaftsforschung (IW) prognostiziert, dass das Potenzial zur Steigerung der Bruttowertschöpfung durch den Einsatz von KI bis 2034 in Deutschland bei 440 Milliarden Euro liegt. Davon entfallen 110 Milliarden Euro auf mögliche Innovationen und 330 Milliarden Euro auf einer Steigerung der Produktivität. Für den Industriestandort Deutschland bildet vor allem die Anwendung von KI eine Chance. Das hat auch Google, die Tochter des US-Technologiekonzerns Alphabet erkannt. Man wird in Deutschland 5,5 Milliarden Euro investieren und in Berlin ein Zentrum für KI-Anwendungen eröffnen, wo auch eigene Forscher angesiedelt sind.3

Aus dieser neuen Lage ergeben sich spannende Implikationen für die Gestaltung von KI-Ökosystemen.

 

Gestaltung von KI-Ökosystemen

Die Chance für etablierte Unternehmen liegt in einer wissensspezifischen KI, bei der KI-Werkzeuge das spezielle Know-how der Unternehmen nutzen und verstärken.4 Dies gelingt am besten in KI-Ökosystemen.

Unter dem Begriff KI-Ökosystem versteht man ein dynamisches Netzwerk mit guten Verbindungen zwischen verschiedenen Akteuren, die KI-Technologien nutzen, um Innovationen zu gestalten und zu verbreiten. KI-Ökosysteme können auf eine Region konzentriert sein und sich um einen Kern herum entwickelt haben, z.B. eine Universität oder ein Unternehmen. Das bekannteste und einflussreichste KI-Ökosystem der Welt ist im Silicon Valley in der San Francisco Bay Area entstanden. Den Kern des Silicon Valley hat in den 1930er Jahren die Stanford University nahe Palo Alto gebildet. 1939 gründeten Bill Hewlett und David Packard dort in einer Garage das Unternehmen HP. Später haben sich hier führende Halbleiter-Unternehmen, die dem Tal seinen Namen gegeben haben und einige der großen KI-Anbieter angesiedelt.

Die Stanford University ist das Vorbild für Helmut Schöneberger gewesen, den Chef des Münchner Gründerzentrums Unternehmertum. Entscheidend für den Erfolg waren dabei die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und die Unterstützung durch die BMW-Gesellschafterin Susanne Klatten: Daneben sind in München weitere Gründerzentren entstanden, wie z.B. das Center for Digital Technology and Management (CDTM), das den transdisziplinären Master-Studiengang Technology Management anbietet, dabei eng mit Industriepartnern zusammenarbeitet und über 250 Unternehmensgründungen hervorgebracht hat.

2025 haben Startups in München 3,3 Milliarden Euro Risikokapital erhalten und damit bei diesem Kriterium Berlin auf Rang 2 verdrängt, wo Jungunternehmen 2,7 Milliarden Euro einsammeln konnten. Daneben sind aber auch in anderen deutschen Regionen KI-Ökosysteme mit erfolgreichen Startups entstanden.

Schlüsselakteure in KI-Ökosystemen sind:

  • Verantwortliche in relevanten Politikfeldern und auf verschiedenen Ebenen von Ländern und Regionen
  • Universitäten und Schulen
  • KI-Startups, die als Ausgründungen entstanden sind oder sich in einer Region angesiedelt haben
  • Wagniskapitalgeber, die mit Venture Capital das Wachstum der KI-Startups finanzieren
  • große Anbieter von KI-Hardware und -Software, die mit ihrer Kapitalkraft die Finanzmärkte prägen und einen erheblichen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft haben sowie
  • etablierte Unternehmen und ihre Mitarbeitenden, die KI anwenden, mit Startups zusammenarbeiten und sich an ihnen beteiligen.

Ein interessantes Beispiel für neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups liefert die Pharmaforschung.

Lernprozess Innovationsstrategie

In der Pharmabranche beschleunigen Techbio-Unternehmen, wie das französische Startup Owkin mithilfe von KI die frühe Wirkstoffforschung. Eine erste Welle von Medikamenten, die so entwickelt wurden, befindet sich in klinischen Studien. Eine mögliche Form der Zusammenarbeit ist, dass KI-Biotechs die frühe Wirkstoffsuche übernehmen und etablierte Pharma-Unternehmen die späteren Phasen und die Vermarktung. Eine andere Option ist, dass Pharma-Unternehmen die KI-Startups akquirieren und entsprechende eigene Kompetenzen aufbauen. In jedem Fall steht die forschungsintensive Branche vor einem grundlegenden Wandel, bei dem die Gestaltung von KI-Ökosystemen ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.5 Das Beispiel verdeutlicht, dass sich mit dem Wandel von Branchen auch die Managementforschung verändert.

Künstliche Intelligenz ist aber nicht nur Treiber von Produktivität und Innovation, sondern stellt auch eine potenzielle Bedrohung dar. Angesichts der Veränderungen der Geopolitik kommt es für Europa darauf an, Gestaltungsmacht zurückzugewinnen. Ein wichtiges Mittel hierzu kann eine vertrauenswürdige KI sein. Die jüngste Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung mit dem US-Startup Anthropic verdeutlicht, wie politisch die Gestaltung von KI-Ökosystemen inzwischen geworden ist.6 Auch dies führt zu gravierenden Veränderungen in der Managementforschung.

Ein wichtiger Aspekt, der bei KI-Ökosystemen häufig übersehen wird, sind die ökologischen und sozialen Wirkungen, die von KI-Technologien ausgehen. So erfordern große Sprachmodelle die Arbeit von Crawlern, die Daten zusammentragen und Annatoren, die Texte und Bilder kommentieren, bewerten und beschriften. Diese Arbeit läuft versteckt von der Öffentlichkeit häufig in Ländern des „globalen Südens“ ab. Die Transparenz dieser Lieferketten ist gering.7

 

Managementforschung in Reallaboren des Wandels

In der betriebswirtschaftlichen Forschung dominieren seit langem empirische Ansätze, die überwiegend von Universitäten ausgehen. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten publizieren die Autoren in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die Praktiker aber nur selten lesen. Die Kritik an diesem Rückzug in einen „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ bemängelt, die praktische Relevanz der Forschung habe abgenommen. Diese Kritik ist nicht neu, aber stärker geworden.8

Die Universitäten verteidigen ihre Position mit dem Argument, die Praxisrelevanz der empirischen Forschung basiere auf „Exkursionen ins Feld“, in denen die Sichtweisen relevanter Akteure analysiert würden. Das Ziel der Arbeiten liegt jedoch in der Regel nicht darin, konkrete Objekte wie z.B. neue KI-basierte Geschäftsmodelle in ihrem spezifischen Kontext zu gestalten.9

Insofern unterscheidet sich die betriebswirtschaftliche Forschung von dem gestaltenden Ansatz der Technikwissenschaften, der überwiegend in Laboren und Pilotanlagen abläuft.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung einer inter- oder transdisziplinären Forschung nimmt auch in der Managementwissenschaft inzwischen der Anteil eines verbindenden Gestaltens zu. Diese praxisnahe, Design-orientierte Forschung erfolgt zunehmend in Reallaboren des Wandels.10 Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz, die als Motor für die Gründung von Startups und eine Neuausrichtung etablierter Unternehmen wirkt. Wir vertreten die Auffassung, die Managementforschung sollte nach einer Phase des Rückzugs in Universitäten wieder stärker in der Praxis stattfinden und dabei gestaltende Ansätze nutzen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit dieser Antwort auf die Fragen nach dem Wie und Wo der Forschungsansätze beginnt ein neues Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der Managementforschung. Ein wichtiges Kennzeichen dieser Neuausrichtung auf ein Connective Design ist eine Forschung, in der Wissenschaftler, Berater und Praktiker ihre verschiedenen Perspektiven und Stärken zusammenführen. Der Nutzen liegt in einer besseren Lösung komplexer Probleme ausgehend von neuen wissenschaftlichen Erkentnissen.11

Ein Beispiel liefert die Entwicklung von humanoiden Robotern. In dem rasant wachsenden Markt haben die Unternehmen die besten Chancen, die Software- und Hardware-Kompetenz verbinden. Dabei sind Daten aus der realen Welt der größte Engpass. Der Metzinger Hersteller Neura Robotics hat sich daher entschieden, Trainingshallen für Roboter zu errichten. Eines der ersten dieser Gyms entsteht in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München im Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) am Flughafen München. Im internationalen Wettbewerb mit Unternehmen aus den USA und aus China kommt es bei dieser KI-Anwendung auf eine schnelle Skalierung an.12

Da die gestaltende Managementforschung weniger verbreitet ist, möchte ich kurz ihre Entwicklungsgeschichte skizzieren. Persönlich habe ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder erlebt, wie unterschiedlich die Denk- und Sprachmuster der relevanten Akteure in Theorie und Praxis sind.

 

Grundlagen und Pioniere einer gestaltenden Managementforschung

Die gestaltende Managementforschung basiert auf ähnlichen Grundlagen und wurde durch einige Pioniere geprägt.13 Diese Grundlagen sind:

  1. Das von dem Sozialpsychologen Kurt Lewin ausgegangene Action Research. Lewin setzte sich für eine Verbindung von Theorie und Praxis ein, um reale Probleme zu lösen.
  2. Die durch den Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon geprägte allgemeine Design-Theorie.14 Simon versteht hierunter eine Wissenschaft des Gestaltens von menschengemachten Artefakten und Systemen.
  3. Die von dem Harvard-Professor Chris Argyris konzipierte Action Science.15 Argyris Ziel ist es vor allem, Wissen nutzbar zu machen, um Handlungen in Organisationen zu verbessern.
  4. Dem von Alan Hevner an der Universität South Florida entwickelten Ansatz des Design Science Research (DSR).16 Bei diesem vor allem in der Wirtschaftsinformatik verbreiteten Konzept steht die Lösung von komplexen, realen Problemen durch innovative IT-Systeme im Mittelpunkt.
  5. Das von verschiedenen Wissenschaftlern beschriebene Action Design Research (ADR), das Action Research und Design Science Research verbindet.
Lernprozess Innovationsstrategie

Pioniere einer gestaltenden Managementforschung sind unter anderem die an der Universität Eindhoven lehrenden Joan Ernst van Aken und Georges Romme sowie David Denyer von der Cranfield University in Großbritannien. Van Aken verfolgt das Ziel, die Kluft zwischen Managementtheorie und -praxis zu verringern. Im Vordergrund steht dabei eine transdisziplinäre Forschung zur Lösung praktischer Managementprobleme. Ausgehend von der Design-Theorie erprobt Romme iterative Prozesse bei der Organisationsgestaltung.17 Denyer sieht Managementwissen als gestaltbare Ressource, um reale Probleme zu lösen. Sein Ansatz zur Lösungsorientierung versucht, den Praxistransfer durch Wirkmechanismen und eine Evidenzprüfung mit verschiedenen Informationsquellen zu sichern.

Besonders deutlich werden die Vorteile eines gestaltungsorientierten Ansatzes in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung.

 

Vorteile in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Bei der Anwendung von KI entfalten sich die Vorteile einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung vor allem in Unternehmen, die diesen Ansatz in selbstähnlichen Strategie 5.0-Laboren praktizieren. Das Ziel eines solchen Reallabors ist eine Verbindung der verschiedenen Handlungsfelder für KI-Anwendungen.18 Dabei hilft es, wenn das Gegenstromprinzip aus top-down entstehender KI-Strategie und einer sich bottom-up entwickelnden harmonischen Vielfalt der KI-Anwendungen funktioniert.

Nach unserer Erfahrung aus einer Reihe an Projekten haben die folgenden Vorteile eine besondere Bedeutung:

  • Die Beseitigung von Innovationsbarrieren
  • leistungsfähige und vertrauenswürdige Innovationsökosysteme
  • motivierte Hochleistungsteams
  • ein verbindendes Gestalten als Kernkompetenz
  • ein verbesserter Technologietransfer
  • beschleunigte Lernschleifen mit agilen Methoden sowie
  • konkrete Ergebnisse und messbare Erfolge für alle Stakeholder.

Diese Vorteile ermöglichen eine Neuausrichtung von Innovationssystemen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die Defizite bei der deutschen Energie- und Mobilitätswende sind ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Innovationsbarrieren zu beseitigen.19 Hierbei geht es darum, neue Erkenntnisse der Innovationsforschung in praktisches Handeln umzusetzen.

Das Ziel ist die Gestaltung von leistungsfähigen und vertrauenswürdigen Innovationsökosystemen.20 Ein Kennzeichen dieser Systeme ist die bessere Zusammenarbeit der Akteure aus den Sektoren Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Schlüsselrolle bei der gestaltenden Innovationsforschung haben motivierte Hochleistungsteams.21 Führungskräften kommt die Aufgabe zu, ein unternehmerisches Selbstbild vorzuleben und zu fördern. Dies beginnt bei der Ausbildung und setzt sich in der beruflichen Tätigkeit fort.

Eine dabei zu entwickelnde Kernkompetenz ist das verbindende Gestalten.22 Dies erfordert eine Neuausrichtung von Lehre und Forschung mit KI als Werkzeug. Eine solche Human-Centric AI durchdringt alle Disziplinen.

Ein positiver Nebeneffekt ist der verbesserte Technologietransfer.23 Dabei geht es um eine Überwindung des deutschen Paradoxes zwischen Stärken in der Grundlagenforschung und Schwächen bei der Vermarktung.

Ein Mittel hierzu sind beschleunigte Lernschleifen in Organisationen.24 Dabei kommen agile Methoden zum Einsatz. Wichtig ist, ein allgemeines Vorgehenskonzept an spezifische Problemtypen und die jeweilige Situation anzupassen.

Dabei sollten sich alle Stakeholder an konkreten Ergebnissen und messbaren Erfolgen orientieren.25 Bei gemeinsamen Programmen erfolgt dies mit Hilfe eines transparenten Performance Managements.

Im Folgenden möchte ich ein geeignetes Vorgehenskonzept erläutern.

 

Schritte eines allgemeinen Vorgehenskonzepts

Ein Beispiel für gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung ist die KI-basierte strategische und organisatorische Neuausrichtung eines Unternehmens.26 Bei Themen wie diesem hat sich ein allgemeines Vorgehenskonzept bewährt, das aus den in der Abbildung dargestellten sechs Schritten besteht.

Lernprozess Innovationsstrategie

Der erste Schritt ist eine Analyse des Standes der Forschung sowie von Best-Practise-Beispielen und der spezifischen Ausgangssituation. Hierbei stellt sich die Aufgabe, eine interne und eine externe Perspektive in einem Audit zu verbinden.

Entscheidend ist dann, ein umfassendes Verständnis der Problemkomplexität zu entwickeln, deren Ursachen zu verstehen und sich dabei zwischen den relevanten Akteuren abzustimmen. Erfolgreicher als disziplinäre Forschungsansätze ist dabei eine Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche mit der Praxis.

Auch bei der anschließenden Gestaltung und Auswahl von kreativen Lösungsansätzen spielen transdisziplinäre Teams eine wichtige Rolle. Was für eine einzelne Organisation Neuland, ist kann dabei in der Summe durchaus zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen.

Ein prägendes Kennzeichen der Design-orientierten Innovationsforschung ist die Durchführung von Pilotprojekten für Minimum Viable Solutions (MVS). Diese „minimal funktionsfähigen Lösungen“ werden in Reallaboren des Wandels getestet. Für etablierte Unternehmen erfordert das Arbeiten in Lernschleifen häufig einen Wandel des Mindset. Bei dieser Aufgabe kann die Personalentwicklung unterstützen.

Der fünfte Schritt ist die Planung und Durchführung der Umsetzung. Dies ist eng verbunden mit einer Finanzierung der Skalierung. Deutsche Startups beklagen seit langem Nachteile z.B. gegenüber den USA. Daher ist gerade bei diesem Schritt eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen anzustreben.

Parallel dazu erfolgt eine transparente Leistungsmessung z.B. mit der Objectives and Key Results (OKR-) Methode. Transparent bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Performance Management nicht in sektoralen Silos stattfindet. Für eine Politik, die zwar Ziele festlegt, aber die Erfolgsmessung vernachlässigt, ist dies mit einem Lernprozess verbunden, der auf eine gemeinsame Systemgestaltung durch Innovationsmanager gerichtet ist.

 

Innovationsmanager gestalten komplexe, evolutionäre Systeme

Bereits in unserer 2014 erschienenen Buchpublikation „Der Innovationsmanager“ sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine zentrale Aufgabe von Innovationsmanagern in der Gestaltung von Innovationssystemen und einer Verbindung verschiedener Handlungsfelder liegt.27 Danach haben wir uns intensiv mit der verhaltensökonomischen Perspektive eines solchen verbindenden Gestaltens beschäftigt.28

Die wissenschaftliche Grundlage für das Connective Design bildet die Theorie komplexer, evolutionärer Systeme. Die Übertragung dieses Ansatzes auf sozio-technische Systeme hat einen Paradigmenwechsel im strategischen Management ausgelöst.29 Das neue Management-Paradigma haben US-amerikanische Digital-Unternehmen besser gemeistert als die europäische Wirtschaft.30

Eine weitere Erkenntnis ist, dass es sich bei der Innovationsforschung um eine transdisziplinäre Gestaltungsaufgabe handelt.

 

Inter- oder transdisziplinär?

Wir verwenden bewusst den Begriff transdisziplinär, um deutlich zu machen, dass es nicht nur wie bei dem Begriff interdisziplinär um die Vermittlung zwischen wissenschaftlichen Fächern geht, sondern auch um die Einbeziehung von nichtwissenschaftlichen Akteuren und eine Verbindung zwischen der Theorie und einem praktischen Gestalten.31 Die besondere Komplexität einer transdisziplinären Innovationsforschung resultiert aus

  • der Heterogenität der Disziplinen, die von der naturwissenschaftlichen und technischen Forschung über verschiedene Politikfelder bis zur Managementwissenschaft und Organisationspsychologie reicht
  • den verschiedenen Interessen und Denkmustern z.B. von Wissenschaftlern und Praktikern
  • der Dynamik der Entwicklung und der Anzahl von Ebenen, von der Geopolitik bis zum einzelnen Menschen sowie
  • den unterschiedlichen Rollen der Akteure, z.B. als neutraler Beobachter oder persönlich Betroffener.

Leider mangelt es der transdisziplinären Innovationsforschung in Universitäten bislang an Anerkennung. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Ein wichtiger Grund ist wohl, dass das traditionelle Wissenschafts- und Publikationssystem eher disziplinäre Spitzenleistungen honoriert. Dies ist eine Chance für die anwendungsorientierte Forschung.

 

Transdisziplinäre Forschung zu Nachhaltigkeitsinnovationen

Unsere 1994 erschienene Buchpublikation zum „ökologischen Umsteuern“ von Automobilunternehmen ist aus Beratungsprojekten und einer begleitenden Forschung an der Universität Stuttgart entstanden.32 Diese Forschung war transdisziplinär, aber nur eingeschränkt gestaltend, weil deutsche Unternehmen und die Politik damals unsere Empfehlungen z.B. zu neuen Antriebssystemen nicht umgesetzt haben.

Dreißig Jahre später kämpft die für die deutsche Wirtschaft so wichtige Branche mit gravierenden Problemen. VW, der nach Fahrzeugabsatz zweitgrößte Automobilhersteller weltweit, befindet sich in einem Prozess der strategischen und organisatorischen Neuausrichtung.33 Gleichzeitig sind die geopolitischen Rahmenbedingungen von extremer Unsicherheit geprägt.

Das Beispiel verdeutlicht, dass beim Thema Nachhaltigkeitsinnovation eine transdisziplinäre und gestaltende Forschung für die Sicherung des Wohlstands unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist. 34 In den letzten Jahren hat sich das Thema dynamisch weiterentwickelt. Dabei ist die Verbindung von Umwelttechnik und Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Aus der Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit Digital Greentech Startups können neue Marktführer entstehen, wenn es der europäischen Politik gelingt, die Rahmenbedingungen zu verbessern. 35

Ein Beispiel ist das deutsch-luxemburgische Startup R3 Robotics, das eine KI-gestützte Robotik-Plattform für das Batterierecycling entwickelt hat. Auf diese Weise kann Europa seine Abhängigkeit von Importen verringern und die Nachhaltigkeit von Batterien erhöhen.36

Nach meiner persönlichen Erfahrung sind Studierende an solchen Themen nach wie vor sehr interessiert, weil sie die sich ergebenden Karrierechancen erkennen. Hiervon gehen für unser Expertenetzwerk wichtige Impulse aus.

 

Verbindung von Managementberatung und Personalentwicklung mit einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Unser Expertennetzwerk Competivation verbindet seit langem Managementberatung und Personalentwicklung. Der Vorteil für die Klienten ist ein besseres Preis-Leistungsverhältnis als bei traditionellen Consultants, da ein Schwerpunkt auf der Qualifikation der Mitarbeitenden liegt, die aktiv in die Projekte eingebunden sind.

Seit einigen Jahren ergänzen wir diese Dienstleistung durch eine gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung. Dabei betreuen wir die Abschlussarbeiten von dualen Studierenden und externen Doktoranden, die in der Klientenorganisation an entsprechenden Projekten arbeiten. Hierbei liegt der Vorteil darin, dass die Forschung auf die spezifische Situation des Unternehmens zugeschnitten ist. Die Forschenden und ihr Unternehmen profitieren von der langen Erfahrung unserer Experten.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit diesem Ansatz hat Competivation ein internationales Alleinstellungsmerkmal geschaffen, das auf die Bedürfnisse des KI-Zeitalters ausgerichtet ist.

Eine gestaltende Forschung hat auch weit reichende Implikationen für die Hochschullehre. Dabei verstehen wir uns als innovativen Bildungsanbieter, der die Fähigkeit zu einem KI-unterstützten verbindenden Gestalten von Lösungen für komplexe Managementprobleme vermittelt.37

 

Fazit

  • Bei der Anwendung von KI stehen viele Unternehmen vor der Aufgabe, ihre Position zu verteidigen und mit einem spezifischen Ansatz Wettbewerbsvorteile zu erzielen
  • Dabei kommt es entscheidend auf die Gestaltung von KI-Ökosystemen an
  • Parallel zu dieser Entwicklung verlagern sich Forschungsansatz und -ort in Richtung auf eine gestaltende Innovationsforschung in Reallaboren des Wandels
  • Dabei erlebt die gestaltende Management- und Innovationsforschung eine Renaissance, die sich aus einer Reihe von Vorteilen ergibt
  • Bei diesem transdisziplinären Forschungsansatz hat sich ein Vorgehen in sechs Schritten bewährt, das an den jeweiligen Problemtyp und die Situation angepasst wird.

 

Literatur

[1] Bomke, L., Wie Unternehmen den KI-Stresstest bestehen. In: Handelsblatt, 18. Februar 2026, S. 24

[2] Busch, R., „Wir erschaffen das industrielle Gegenstück zu ChatGPT“ (Interview). In: Manager Magazin, März 2026, S. 86-90

[3] Scheer, O., Das 440-Milliarden-Euro-Potenzial. In: Handelsblatt, 25. Februar 2026, S. 12

[4] Servatius, H.G., Wettbewerbsvorteile mit wissensspezifischer KI. In: Competivation Blog, 11.02.2025

[5] Smolak, H., Mehr Wirkstoffe, weniger Jobs? In: Handelsblatt, 24. Februar 2026, S. 22

[6] Matthes, S., Die Verfassungskrise der Maschinen. In: Handelsblatt, 13./14./15. März 2026, S. 5

[7] Muldoon, J., Feeding the Machine – Hinter den Kulissen der KI-Imperien, Harper Collins 2025

[8] Servatius, H.G., KI und die Zukunft der Management Education. In: Competivation Blog, 09.04.2025

[9] Servatius, H.G., KI als Werkzeug für das strategische Management. In: Competivation Blog, 01.05.2025

[10] Servatius, H.G., Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen. In: Competivation Blog, 29.01.2026

[11] Servatius, H.G., Lernen, Lösungen für komplexe Managementprobleme zu gestalten. In: Competivation Blog, 15.07.2025

[12] Buchenau, M., et al., Die deutschen Konkurrenten der Tesla-Roboter. In: Handelsblatt, 25.03.2026, S. 22-23

[13] Obdenakker, R., Cuijpers, C., Design Science Methodology for the Management Science – From Foundations to Implementation, Springer 2025

[14] Simon, H.A., The Sciences of the Artificial, 3. Aufl., MIT Press1996

[15] Argyris, C., Putnam, R., McLain Smith, A., Action Science – Concepts, Methods and Skills for Research and Intervention, Jossey-Bass 1985

[16] Hevner, A.R., et al., Design Science in Information Systems Research. In: MIS Quarterly, März 2004, S. 75-105

[17] Romme, G., The Quest for Professionalism – The Case of Management and Entrepreneurship, Paperbackshop UK Import 2016

[18] Servatius, H.G., Fraktale Organisation von Strategie 5.0-Laboren. In: Competivation Blog, 28.03.2023

[19] Servatius, H.G., Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ. In: Competivation Blog, 16.05.2022

[20] Servatius, H.G., Design von smarten Innovationsökosystemen. In: Competivation Blog, 12.05.2017

[21] Servatius, H.G., Eine Organisation auf Leistung trimmen. In: Harvard Manager, 1988, Nr. 4, S. 128-134

[22] Servatius, H.G., Let‘s Connect! Personalentwicklung für Stakeholder-Ökosysteme. In: IM+io, 2023, Heft 1, S. 40-41

[23] Servatius, H.G., Innovationsstrategien gemeinsam mit Stakeholdern gestalten. In: Competivation Blog, 31.08.2018

[24] Servatius, H.G., GenAI-basierte strategische Lernschleifen als verbindendes Prozessmuster. In: Competivation Blog, 15.08.2024

[25] Servatius, H.G., Von der digitalen Fitness zu Key Performance Indicators. In: Competivation Blog, 05.07.2017

[26] Servatius, H.G., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 07.06.2024

[27] Servatius, H.G., Gestaltung des Innovationssystems von Unternehmen. In: Servatius, H.G., Piller, F.D., (Hrsg.), Der Innovationsmanager – Wertsteigerung durch ein ganzheitliches Innovationsmanagement, Symposion 2014, S. 21-64

[28] Servatius, H.G., Wie Manager das Innovationssystem verhaltensökonomisch gestalten. In: IM+io, September 2015, Heft 3, S. 20-27

[29] Servatius, H.G., Entwicklung und Wandel des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 19.09.2025

[30] Servatius, H.G., Von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen. In: Competivation Blog, 12.07.2024

[31] Schmohl, T., Philipp, T. (Hrsg.), Handbuch transdisziplinäre Didaktik, Transcript 2021

[32] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Piper 1994

[33] Backovic, L., Weniger Volkswagen wagen. In: Handelsblatt, 20./ 21./ 22. März 2026, S. 50-54

[34] Servatius, H.G., Konnektivität bei Nachhaltigkeitsinnovationen. In: Competivation Blog, 01.02.2022

[35] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S. (Hrsg.), Mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zum klimaneutralen Unternehmen, SpringerGabler 2023, S. 71-94

[36] Höpner, A., Mit KI Elektroautos recyceln. In: Handelsblatt, 23. März 2026, S. 29

[37] Servatius H.G., Disruption der Management Education für KI-basierte Neuausrichtungen. In: Competivation Blog, 10.10.2025

Nachhaltigkeitsorientiertes strategisches Management

Nachhaltigkeitsorientiertes strategisches Management

Die dritte Entwicklungsstufe eines nachhaltigkeitsorientierten strategischen Managements (Strategie 3.0) baut auf der ersten, markt- und finanzorientierten Stufe und der zweiten, technologie- und innovationsorientierten Stufe auf und entwickelt diese weiter. Der angesichts des Klimawandels zunehmenden Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit stehen veränderte politische Bedingungen für den Klimaschutz gegenüber. Europa muss die Herausforderung meistern, seine ambitionierte Klimapolitik besser mit einer Erzielung von Wettbewerbsvorteilen für die heimische Wirtschaft zu verbinden.

 

In diesem Blogpost erläutere ich die Grundlagen und Charakteristika eines strategischen Nachhaltigkeitsmanagements und gehe auf das komplexe Verhältnis zwischen Management und Politik ein.

 

Veränderte politische Bedingungen für den Klimaschutz

Die politikwissenschaftliche Schule von Strategieprozessen hat eine lange Entwicklungsgeschichte, die für das Thema Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung ist. Diese Schule betrachtet die Entstehung von Strategien als Verhandlungsprozess, dessen Ergebnis stark von der Macht, Legitimität und Dringlichkeit relevanter Stakeholder abhängt.1

Seit der Wahl zum Europäischen Parlament im Jahr 2019 haben sich die politischen Bedingungen für den Klimaschutz verändert. Ein zentrales Versprechen der EU-Kommission war der „Green Deal“, der den Kontinent für das industrielle Wettrennen mit China und den USA fit machen sollte. Diese Erwartungen haben sich aus einer Reihe von Gründen nur zum Teil erfüllt. In Deutschland steht insbesondere das 2024 in Kraft getretene Gebäudeenergiegesetz (GEG) für eine ideologische Politik, die die Sorgen vieler Menschen verstärkt.2

Bei der diesjährigen Wahl zum europäischen Parlament musste die Fraktion Die Grünen / Europäische Freie Allianz große Verluste hinnehmen. Die Europäische Volkspartei (EVP) wurde wieder zur stärksten Fraktion. Nach ihrer Wiederwahl hat die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt, ihre oberste Priorität gelte der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft. Hierzu will sie einen „Clean Industrial Deal“ vorlegen, der die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessert. Die Klimaschutzgesetzgebung, die ihre erste Amtszeit geprägt hat, solle wirtschaftsfreundlicher gestaltet werden.3 Diese Entwicklung verdeutlicht den Einfluss der Politik auf das Nachhaltigkeitsmanagement.

 

Komplexes Verhältnis zwischen Management und Politik

Das Thema Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahrzehnten durch ein komplexes Verhältnis zwischen Management und Politik geprägt. Diese Komplexität resultiert zum einen aus dem breiten Spektrum des Nachhaltigkeitsmanagements von Unternehmen, das von passiv bis aktiv reicht. Darauf reagieren die nachhaltigkeitsorientierten Politikfelder mit unterschiedlichen Ansätzen, die einen fördernden und einen regulierenden Charakter haben können. Hieraus ergeben sich unterschiedliche Verhaltensmuster.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die europäische Politik setzt seit einigen Jahren auf eine strenger regulierte Nachhaltigkeitsberichterstattung, um passive Unternehmen zu einer Verhaltensanpassung zu bewegen. Dabei besteht die Gefahr einer zu starken Bürokratisierung, die insbesondere von aktiven Unternehmen als unnötige Barriere wahrgenommen wird.

Gleichzeitig praktiziert die Politik in Industrieländern unterschiedliche Formen der Förderung von Nachhaltigkeit sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Diese zielen auf Nachhaltigkeitsinnovationen zur Bewältigung des Klimawandels ab. Während die deutsche Politik z.B. bei erneuerbaren Energien vor allem die Nachfrageseite mit Steuergeldern gefördert hat, baut die chinesische Politik systematisch einheimische Weltmarktführer auf, die versuchen, ausländische Konkurrenten zu verdrängen. Dieses Muster hat zu einer zunehmenden Abhängigkeit Europas beigetragen. Da die europäische Politik gleichzeitig das Nachhaltigkeitsbewusstsein fördert, sehen sich die Kunden in einigen Feldern mit einem geringer werdenden europäischen Angebot konfrontiert. Angesichts dieser Situation erscheint eine strategische Neuausrichtung der europäischen Nachhaltigkeitspolitik und des Nachhaltigkeitsmanagements erforderlich.

Bevor wir uns näher mit den Charakteristika einer solchen Neuausrichtung beschäftigen, möchte ich die Grundlagen eines strategischen Nachhaltigkeitsmanagements skizzieren, dass wir als dritte Entwicklungsstufe des strategischen Managements (Strategie 3.0) betrachten.

 

Grundlagen in Technik, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft

Diese dritte Stufe hat sich aus einem Thema für Spezialisten entwickelt, dessen Grundlagen in Technik, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entstanden sind. Relativ wenig bekannt ist, dass das Konzept der Nachhaltigkeit in Europa seine Wurzeln in der Forstwirtschaft hat. So schreibt die Kursächsische Forstordnung von 1560 vor, dass Bäume, die abgeholzt werden, nachgepflanzt werden müssen. Im Zuge der industriellen Revolution hat das Prinzip, eine Ressourcenbasis nicht zu erschöpfen, aber einen Bedeutungsverlust erlebt.

Ebenfalls eine lange Entwicklungsgeschichte hat die natur- und ingenieurwissenschaftliche Disziplin der Umwelttechnik. Den Markt für Umwelttechnik (GreenTech) gliedert das deutsche Umweltministerium in die Segmente:4

  •  Umweltfreundliche Erzeugung, Speicherung und Verteilung von Energie
  •  Energieeffizienz
  •  Rohstoff- und Materialeffizienz
  •  nachhaltige Mobilität
  •  Kreislaufwirtschaft
  •  nachhaltige Wasserwirtschaft sowie
  •  nachhaltige Agrar- und Forstwirtschaft.

Diese Segmentierung liefert eine erste Orientierung des sich dynamisch verändernden GreenTech-Marktes.

Den freiwilligen Beitrag der Wirtschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung beschreibt der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR). Das Konzept ist in den 1920er Jahren in den USA entstanden und hat seit den 1950er Jahren und 1960er Jahren an Bedeutung gewonnen. Die Europäische Union (EU) beschäftigt sich seit 2001 mit dem Thema und hat hierzu 2014 eine Richtlinie erlassen, die 2017 in deutsches Recht umgesetzt worden ist. Bereits 2010 wurde die ISO-Norm 26000 „Guidance Social Responsibility“ verabschiedet, die den Charakter einer Leitlinie hat.5 Die Kritik an Corporate Social Responsibility ist, das CSR-Konzept spiele für viele Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle und diene primär der Image-Verbesserung.

Wichtige Impulse für das Thema Nachhaltigkeit sind von Umweltorganisationen wie dem Club of Rome ausgegangen. Im Auftrag dieses 1968 gegründeten Expertennetzwerks entstand 1972 der Bericht „Grenzen des Wachstums“, der im Zuge der Ölkrisen der 1970er Jahre eine große Bedeutung erlangte.6 Die Publikation basiert auf der von dem MIT-Professor Jay Forrester entwickelten System-Dynamics-Methode, mit deren Hilfe komplexe Wirkungszusammenhänge in dynamischen Systemen analysiert werden. Auf eine Mobilisierung der breiten Öffentlichkeit zielen die zum Teil spektakulären Aktivitäten der 1971 in Kanada gegründeten Kampagnen-Organisation Greenpeace ab.

1983 gründeten die Vereinigte Nationen (UN) die World Commission on Environment and Development (WCED). Deren Perspektivbericht „Our Common Future“ (Brundtland Bericht) lieferte 1987 eine wichtige Leitbildbeschreibung zum Thema nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development). Im Mittelpunkt steht dabei das Thema der intergenerativen Gerechtigkeit.7 Die UN-Konferenz in Rio de Janeiro führte 1992 erstmals global ein Recht auf nachhaltige Entwicklung ein, für deren Umsetzung allerdings die einzelnen Staaten verantwortlich sind. 2015 formulierte die UN mit den Sustainable Development Goals 17 globale Herausforderungen für Staaten und Unternehmen.

Zu einem zentralen Nachhaltigkeitsthema ist in den letzten Jahrzehnten der Klimawandel geworden. Eine wichtige Orientierung lieferte ein 2007 von Nicholas Stern herausgegebener Bericht, der versucht, die weltweiten wirtschaftlichen Schäden zu berechnen, die entstehen, wenn die Menschheit nichts gegen den Klimawandel unternimmt. Stern beziffert die Schäden bis 2100 auf 5,5 Billionen Euro pro Jahr.8 Diese dramatische Zahl hat zu einer Mobilisierung der Politik und der Formulierung ehrgeiziger Nachhaltigkeitsziele beigetragen, um den Klimawandel zu bewältigen.

Ende der 1990er Jahre ist die Unterscheidung zwischen den drei Nachhaltigkeits-dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales entstanden, die die traditionelle Fokussierung von Unternehmen auf die wirtschaftliche Dimension erweitert.9 Diese Erweiterung gibt aber keine befriedigende Antwort auf die Frage, wie Zielkonflikte zwischen den Dimensionen zu meistern sind. Inzwischen ist Nachhaltigkeit zu einem Modewort mit unklarer Bedeutung geworden. Dazu trägt die gleichzeitige Verwendung des Begriffs im Sinne der ursprünglichen Bedeutung „dauerhaft“ bei. Außerdem unterscheiden viele Nutzer des Begriffs nicht zwischen ökologisch und nachhaltig.

Diese begriffliche Unklarheit wird durch die ESG-Kriterien weiter verstärkt. Dabei steht die Abkürzung ESG für Ecology, Social and Governance. Die Schnittmenge zwischen den Nachhaltigkeitsdimensionen und dem ESG-Konzept liegt also bei den Dimensionen Ökologie und Soziales. Die wirtschaftliche Dimension wird beim ESG-Konzept hingegen auf den Aspekt Governance verengt. Auch das Thema ESG hat eine längere Entwicklungsgeschichte. Ein wichtiger Impuls ist 2004 von dem Bericht  „Who Cares Wins“ ausgegangen, den Finanzinstitute im Auftrag der UN publiziert haben. Das ESG-Konzept hat in den letzten Jahren eine zunehmende Bedeutung im Finanzmarkt erlangt.10 Bewertungen basieren häufig auf der Analyse von Rating-Agenturen, die allerdings unterschiedliche Kriterien verwenden. Diese methodischen Defizite haben zu einer Reihe von Greenwashing-Skandalen beigetragen, die Anleger verunsichern.

Lernprozess Innovationsstrategie

Aus dem Zusammenwirken dieser Grundlagen ist die dritte Entwicklungsstufe eines nachhaltigkeitsorientierten strategischen Managements entstanden,11 deren Charakteristika ich im Folgenden erläutern möchte. Eine wichtige Erkenntnisquelle sind dabei Pioniere mit einer glaubwürdigen Nachhaltigkeitsstrategie, von denen andere Organisationen lernen können.

 

Fokus auf eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategie

Den Ausgangspunkt für unser 1994 erschienenes Buch „Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance“ bildete die Vision von Führungskräften eines großen Automobil-Unternehmens.12 Leider konnten diese ihre innere Überzeugung damals nicht umsetzen, und die Entwicklung nahm einen anderen Verlauf. Toyota führte erfolgreich seinen Hybridantrieb ein und sehr viel später wurde Tesla zu einem Vorreiter bei Batterien und der Digitalisierung. Was andere von diesen Pionieren lernen können ist, dass es auch beim Thema Nachhaltigkeit darauf ankommt, Technologien als Mittel zur Befriedigung von Kundenbedürfnissen zu nutzen. Diese Lead User sind häufig bereit, für glaubwürdige Nachhaltigkeitsversprechen eine Preisprämie zu bezahlen.

Ein Beispiel für ein Unternehmen mit einer erfolgreich umgesetzten, glaubwürdigen Nachhaltigkeitsstrategie ist Werner & Mertz, der Mainzer Hersteller von Reinigungsmitteln und seiner bekannten Marke Frosch.13 In der folgenden Abbildung habe ich vier Gründe für den Erfolg des Unternehmens beim Thema Nachhaltigkeit zusammengefasst.

Lernprozess Innovationsstrategie

Viele Nachhaltigkeitspioniere sind Familienunternehmen, deren Gesellschafter aus innerer Überzeugung von der Notwendigkeit eines glaubwürdigen Nachhaltigkeits-managements aktiv werden. Reinhard Schneider, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Werner & Mertz, beschreibt, wie seine Vision, das Unternehmen ökologischer zu gestalten, aus einer wirtschaftlichen Krisensituation entstanden ist.

Bekannt geworden ist die Marke Frosch vor allem durch das mechanische Recycling von Verpackungsmüll als direktester Form einer Kreislaufwirtschaft. Hierzu startete Werner & Mertz 2012 gemeinsam mit Partnern seine Rezyklat-Initiative. Das Unternehmen schreibt hierzu auf seiner Website: „Ein Großteil unserer Verpackungen besteht mittlerweile zu 100% aus Rezyklat, davon zwischen 75-100% aus haushaltsnahen Sammlungen wie dem Gelben Sack – der Rest stammt aus der europäischen Pfandflaschensammlung.“

Von zentraler Bedeutung ist für Reinhard Schneider eine kritische Haltung gegenüber zahlreichen Ablenkungsfallen, mit denen ein Netzwerk von Akteuren Nachhaltigkeit bloß vortäuscht. Ein Beispiel sind die Tricks beim Greenwashing. Hierzu gehört auch die Verwendung des Begriffs „klimaneutral“ für eine Förderung fremder Maßnahmen, die in keinem Zusammenhang zur eigenen Wertschöpfung stehen.

Studien zeigen, dass die Marke Frosch herausragende Vertrauensprämien bei relevanten Stakeholdern erzielt. Insofern zahlen sich Glaubwürdigkeit und ein Handeln aus Überzeugung langfristig aus. Offensichtlich kann Nachhaltigkeit sinnstiftend wirken, was die eigenen Mitarbeitenden und Kunden als Belohnung empfinden.

Derartige Vertrauensprämien lassen sich am besten erzielen, wenn ein Unternehmen sein Nachhaltigkeitsmanagement als verbundenes System betrachtet.

 

Verbundene Handlungsfelder des Nachhaltigkeitssystems eines Unternehmens

Nachhaltigkeitspioniere haben frühzeitig einen integrierten Ansatz verfolgt und erkannt, dass das Nachhaltigkeitssystem eines Unternehmens aus verbundenen Handlungsfeldern besteht.14 In diesem Punkt ähneln sich das Nachhaltigkeits- und das Innovationsmanagement. Auch beim Nachhaltigkeitsmanagement liegt die Herausforderung in der Verbindung dieser Handlungsfelder, die ich kurz erläutern möchte.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die Basis für das Schaffen und Verbessern eines solchen integrierten Systems bildet die Umsetzung einer glaubwürdigen Nachhaltigkeitsstrategie. Diese Strategie ist auf die Gestaltung von nachhaltigen Geschäftsmodellen gerichtet. Dabei können Geschäftsmodellmuster Anregungen liefern.

Wichtige Impulse gehen von Unternehmen der Umwelttechnik und zunehmend auch von Digital-Unternehmen aus, die zusammen mit ihren Kunden Nachhaltigkeits-innovationen realisieren. Hierbei kommt es auf das Zusammenwirken von Akteuren aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in Stakeholder-Ökosystemen an. Diese Stakeholder-Ökosysteme stehen in einem härter werdenden internationalen Wettbewerb.

Die Politik beeinflusst die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wertschöpfung an den jeweiligen Standorten. Dabei nimmt auch beim Thema Nachhaltigkeit die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz (KI) zu. Aufgabe des Unternehmens ist es, mit einem vertrauensbildenden Marketing Kunden langfristig zu binden.

Im Hinblick auf die Wertsteigerung von Unternehmen wird eine integrierte Nachhaltigkeitsberichtserstattung immer wichtiger. Die neue Corporate Sustainable Reporting Directive (CSRD) der Europäischen Union (EU) steht im internationalen Wettbewerb mit anderen Reporting-Systemen.

Je nach Ausgangssituation erfolgt der Wandel zu einer nachhaltigkeitsorientierten Personalführung und Kultur unterschiedlich. Erfolgreiche Pionierunternehmen bevorzugen einen evolutionären Wandel in Form gemeinsamer Lernprozesse. Nachhaltigkeitsgegner versuchen eher, mit Hilfe der erwähnten Ablenkungsfallen den Wandel zu blockieren. Ein Gegenmittel ist die Entwicklung von Nachhaltigkeits-kompetenz bei allen Stakeholdern.

Auf dem Weg von einer nicht mehr zeitgemäßen bürokratischen Silo-Organisation zu einem agilen, verbundenen Unternehmen kann von dem Thema Nachhaltigkeit eine sinnstiftende Wirkung in der gesamten Organisation ausgehen. Insofern eröffnet das strategische Nachhaltigkeitsmanagement neue Wege zu Erzielung von Wettbewerbsvorteilen.

Eine Disruptionswirkung geht dabei von innovativen Technologien und nachhaltigen Geschäftsmodellen aus.

 

Mit innovativen Technologien zu nachhaltigen Geschäftsmodellen

Eine Herausforderung für spezialisierte Umwelttechnik-Anbieter liegt in der Verbindung von grünen Technologien mit digitalen Querschnittstechnologien. So prognostiziert die Boston Consulting Group in einer noch vor dem Boom um die generative Künstliche Intelligenz erstellten Studie, dass der Markt für Digital GreenTech von 2020 bis 2027 jährlich um 25 bis 30 Prozent auf 45 bis 55 Milliarden US-Dollar wachsen wird.15 Angesichts der Schwächen etablierter Unternehmen bei der Digitalisierung ist zu erwarten, dass neben Start-ups vor allem die Digitalgiganten besonders stark an diesem Marktwachstum partizipieren werden. Ein Beispiel liefert das autonome Fahren.

Im Wettbewerb um die weltweite Führungsposition liegt gegenwärtig die Alphabet-Tochter Waymo gut im Rennen. So startete Waymo 2020 in einem Randbezirk von Phoenix (USA) einen fahrerlosen Robotaxidienst und ist seit Oktober 2023 im gesamten Stadtgebiet von San Francisco mit Elektrofahrzeugen von Jaguar unterwegs. Die mit erheblichen Investitionen verbundene Vision des Google-Gründers Larry Page könnte sich in absehbarer Zeit auszahlen. Die Frage ist, wann dieses Geschäftsmodell auch finanziell erfolgreich sein wird.16

Erstaunlicherweise haben die verbreiteten Konzepte zur Beschreibung von innovativen Geschäftsmodellen das Thema Nachhaltigkeit lange Zeit ausgeblendet.17 Ein Sustainable Business Model Canvas bildet die Kommunikationsgrundlage für die Nachhaltigkeitsthemen eines Unternehmens. Neben den Wirkungen auf die Umwelt und Gesellschaft sind darin weitere nachhaltigkeitsrelevante Bausteine enthalten.

Besonders relevant erscheinen z.B. bei der Energie- und Mobilitätswende die Bausteine18

  •  politische und rechtliche Rahmenbedingungen und
  •  Interaktion mit Stakeholdern.

Eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage kann einen wichtigen Beitrag zur Zusammenarbeit der Akteure leisten. Dies gilt insbesondere auch für die öffentliche Förderung von entstehenden Volumengeschäften.

 

Marktführerschaft in Volumengeschäften durch öffentliche Förderung

In der ersten Entwicklungsstufe eines markt- und finanzorientierten strategischen Managements lag ein Fokus auf der Nutzung von Erfahrungskurveneffekten zur Erreichung der Marktführerschaft in Volumengeschäften.19 Dieses strategische Verhaltensmuster erlebt beim Nachhaltigkeitsmanagement eine Neuinterpretation. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Politik, die die Forschung und Entwicklung bei Erfolg versprechenden Technologien fördert, Anwendungen mit öffentlichen Mitteln unterstützt und Unternehmen subventioniert. Ein klassisches Lehrstück, aus dem Deutschland lernen kann, wie es besser geht, liefert die Solarindustrie.

So ist aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Anwendung der relevanten Produkte in Deutschland mit einem dreistelligen Milliardenbetrag gefördert worden. Davon haben auch deutsche Hersteller profitiert, und eine Zeitlang war die deutsche Solarindustrie weltweit führend. Diese Erfolgsphase dauerte aber nur so lange, bis subventionierte asiatische Wettbewerber die deutschen Anbieter in einem harten Preiswettbewerb allmählich verdrängt haben. Heute kommen rund 86 Prozent der in Deutschland eingesetzten Solaranlagen von chinesischen Herstellern.

Mit dem Rekordausbau der Photovoltaik steigt die Gefahr von instabilen Netzsituationen. Schlimmstenfalls kann es zu lokalen Stromausfällen kommen. Deshalb sollten Neuanlagen endlich mit intelligenten Mess-Systemen ausgestattet werden.20 Der Einsatz dieser Smart Meter in Verbindung mit dynamischen Stromtarifen hat sich in Deutschland immer wieder verzögert. Das Beispiel zeigt, dass eine bessere Abstimmung zwischen politischen Rahmenbedingungen und miteinander in Verbindung stehenden Geschäftsmodellen dringend notwendig wäre. Hierauf haben wir bereits in unserem 2010 erschienenen Buch Smart Energy hingewiesen.21

Eine etwas andere Situation liegt bei der Elektromobilität vor. Die Pionierrolle ist hier von dem US-Unternehmen Tesla ausgegangen. Die europäische Politik hat die Autohersteller zwar mit harten Zielvorgaben unter Druck gesetzt. Der Großteil der Batterien kommt aber von asiatischen Herstellern. Damit ist eine erhebliche Abhängigkeit entstanden. Die heimische Automobilindustrie wünscht sich für die Herstellung von Batteriezellen zwar europäische Lösungen. Gegenwärtig verzögert sich aber der Bau einiger Werke.22

Die Beispiele zeigen, dass es in Europa bei der Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft erhebliche Defizite gibt. Die weltweite Marktführerschaft in GreenTech-Volumengeschäften lässt sich aber nur mit leistungsfähigen Stakeholder-Ökosystemen erreichen. Dies gilt ebenfalls für die Erschließung neuer grüner Wachstumsfelder.

 

Erschließung neuer grüner Wachstumsfelder

Das Venture-Capital-Unternehmen Kleiner Perkins sieht bei dem Ziel Null Treibhausgasemissionen bis 2050 die folgenden sechs Prioritäten: 23

  •  Elektromobilität
  •  erneuerbare Energien
  •  grüne Landwirtschaft
  •  Regenwald und Ozeane
  •  energieintensive Produktion sowie
  •  die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und Speicherung.

Das wirtschaftliche Potenzial der Carbon Dioxide Removal (CDR) ist erheblich, wurde aber lange Zeit unterschätzt. Mittlerweile gibt es einen breiten Konsens, dass CDR ein zur CO2-Reduktion komplementärer Ansatz ist. Für die deutsche Industrie interessant sind die Möglichkeiten, die sich hier für den Maschinen- und Anlagenbau, aber auch für Start-ups bieten.24

Auch dieses Beispiel zeigt, dass jedes einzelne der grünen Wachstumsfelder und der GreenTech-Sektor insgesamt besser koordinierte Programme im Rahmen einer europäische Nachhaltigkeitsstrategie erfordern. Es wird interessant sein zu beobachten, inwieweit die neue EU-Kommission der Forderung nach einer Ergänzung ihres „Green Deals“ um eine industriepolitische Dimension nachkommt. Diese Forderung resultiert unter anderem aus der Sorge der Wirtschaft, die neuen Ansätze zur Nachhaltigkeitsberichterstattung würden Unternehmen überfordern.

Diese Sorge betrifft die Kernfrage, die sich eine Reihe von Branchen stellen, nämlich, wie sie die Herausforderung bewältigen können, die aus den Zielkonflikten zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsdimensionen resultieren und wie der evolutionäre Wandel zu nachhaltigen Unternehmen gelingt.

 

Evolutionärer Wandel zu nachhaltigen Unternehmen

In den meisten Branchen ist der Wandel zu nachhaltigen Unternehmen ein komplexer, langfristiger Prozess, der abgestimmte Aktivitäten in einer Reihe verbundener Handlungsfelder erfordert. Daher ist die häufig politisch motivierte Vorstellung von einer kurzfristigen „grünen Transformation“ unrealistisch. Obwohl diese Transformationsversuche meist scheitern, erfreut sich das Schlagwort Transformation immer noch einer großen Verbreitung.25

Eine wichtige Grundlage für den erfolgreichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit sind realistische und verlässliche politische Strategien für Technologien und Branchen. Diese können einen zeitlichen Rahmen enthalten, der aber nicht den Charakter von starren Zielvorgaben haben sollte. Das Beispiel des europäischen Übergangs zur Elektromobilität zeigt, wie schwierig es sein kann, solche Ziele zu erreichen.

In diesem zeitlichen Rahmen muss es europäischen Unternehmen möglich sein, den evolutionären Wandel von vorhandenen zu nachhaltigen Geschäftsmodellen finanziell zu meistern. Bei dieser Portfoliobetrachtung kann die Standortstruktur eine wichtige Rolle spielen. So ist möglicherweise an einem vorhandenen Standort ein neues, ökologisch besseres Geschäftsmodell auf absehbare Zeit nicht wirtschaftlich, der Erhalt von Arbeitsplätzen leistet aber einen wichtigen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit. In dieser Situation befindet sich gegenwärtig die Stahl-Tochter des traditionsreichen Unternehmens Thyssen-Krupp. Der mit öffentlichen Mitteln geförderte Übergang zur Produktion von „grünem Stahl“ in Duisburg liefert ein mögliches Modell für die Stahlproduktion der Zukunft. Gleichzeitig ist die Sicherung von Arbeitsplätzen im westlichen Ruhrgebiet von großer regionalpolitischer Bedeutung. Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, ein Unternehmen erfolgreich zu sanieren, nach neuen Investoren zu suchen und gleichzeitig den ökologischen Wandel voranzutreiben.26

Neben diesen spezifischen Herausforderungen bedeutet die neue Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der Europäischen Union (EU) für alle größeren Unternehmen einen erheblichen Mehraufwand. Dabei besteht die Gefahr, dass sich die Priorität beim Wandel in Richtung auf die Nachhaltigkeits-berichterstattung verlagert und Innovationen vernachlässigt werden. Es erscheint daher notwendig, den Reporting-Ansatz einer kritischen Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

 

Zusammenfassung der Charakteristika einer Strategie 3.0

Wir haben gezeigt, dass die dritte Entwicklungsstufe eines nachhaltigkeitsorientierten strategischen Managements (Strategie 3.0) von einem glaubwürdigen Verhalten von Unternehmen ausgeht. Dabei liegt die Herausforderung in einer Verbindung der relevanten Handlungsfelder. Auf diese Weise kann es gelingen, mit innovativen Technologien nachhaltige Geschäftsmodelle zu gestalten.

Dies ist wichtig, oft jedoch nicht ausreichend. Hinzu kommen muss eine gezielte öffentliche Förderung, um die Marktführerschaft in Volumengeschäften zu erringen und zu verteidigen. Der europäischen Wirtschaft ist das in der Vergangenheit häufig nicht gut gelungen. Zur Erschließung neuer grüner Wachstumsfelder bedarf es daher besser koordinierter europäischer Programme. Der Wandel zu nachhaltigen Unternehmen erfolgt evolutionär. Er erfordert die Fähigkeit zu gemeinsamen Lernprozessen und einem stärker dialogbasierten Handeln der Akteure von der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen bis zur Umsetzung der Strategien.

In der folgenden Tabelle sind diese Charakteristika eines strategischen Nachhaltigkeitsmanagements zusammengefasst. Erfolgsentscheidend für Europa ist, dass Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft besser zusammenarbeiten.

Sowohl das Nachhaltigkeitsmanagement als auch das Innovationsmanagement verbinden als Querschnittsdisziplinen die klassischen betriebswirtschaftlichen Funktionslehren.27 Dies erfordert ebenso wie die Interaktion mit Stakeholdern konnektive Fähigkeiten. Daher sollte die Aus- und Weiterbildung der Entwicklung dieser Fähigkeiten einen hohen Stellenwert einräumen. Besonders geeignet sind hierfür interdisziplinäre Programme und Projekte. Ausgehend von dieser Erkenntnis gestalten wir gegenwärtig einen neuen Master-Studiengang für Nachhaltigkeits-management. Darüber hinaus erscheint im Rahmen einer internationalen Nachhaltigkeitspolitik auch eine bessere Kooperation der relevanten Politikfelder notwendig.

 

Fazit

  • Die Europäische Union möchte mit ihrem „Clean Industrial Deal“ die Rahmenbedingungen für Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit verbessern.
  • Ausgehend von verschiedenen Grundlagen knüpft ein nachhaltigkeits-orientiertes strategisches Management an die politikwissenschaftliche Schule von Strategieprozessen an.
  • Die Pioniere betrachten die Handlungsfelder des Nachhaltigkeits-managements ihres Unternehmens als verbundenes System.
  • Eine Herausforderung für europäische Unternehmen liegt in der Gestaltung von Geschäftsmodellen, die Umwelttechnik und digitale Technologien verbinden. Bei der Erzielung der Marktführerschaft in Volumengeschäften spielt die öffentliche Förderung eine wichtige Rolle.
  • Im Hinblick auf die Erschließung von neuen grünen Wachstumsfeldern sollte Europa aus Fehlern in der Vergangenheit lernen und die Zusammenarbeit von Stakeholder-Ökosystemen verbessern. Hierzu bedarf es der Fähigkeit zu koordinierten Programmen.
  • Beim Wandel zu nachhaltigen Unternehmen gilt es, eine angemessene Balance zwischen Innovation und Berichterstattung zu finden.

 

Literatur

[1] Mintzberg, H., Ahlstrand, B., Lampel, J., Strategie Safari – Eine Reise durch die Wildnis des strategischen Managements, Ueberreuter 1999

[2] Gusbeth, S. et al., Bye-bye, Klimaschutz? In: Handelsblatt, 14./15./16. Juni 2024, S.44-50

[3] Scheer, O., Volkery, C., Von der Leyens Neustart, In: Handelsblatt, 19./20./21. Juli 2024, S.1,12-13

[4] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.), GreenTech made in Germany 2.0 – Umwelttechnologie-Atlas für Deutschland, 2. Aufl., Vahlen 2009

[5] Schneider, A., Schmidpeter, R. (Hrsg.), Corporate Social Responsibility – Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis, 2. Aufl., Springer Gabler 2015

[6] Meadows, D., Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Deutsche Verlags-Anstalt 1972

[7] The World Commission on Environment and Development, Our Common Future, Oxford University Press 1987

[8] Stern, N., The Economics of Climate Change – The Stern Review, Cambridge University Press 2007

[9] Elkington, J., Cannibals with Forks – Triple Bottom Line of 21st Century Business, Capstone Publishing 1997

[10] Hill, J., Environmental, Social, and Governance (ESG) Investing – A Balanced Analysis of the Theory and Practice of a Sustainable Portfolio, Academic Press 2020

[11] Servatius, H.G., Strategie 5.0 zur Bewältigung der neuen Herausforderungen. In: Competivation Blog, 28.06.2022

[12] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Pieper 1994

[13] Schneider, R., Die Ablenkungsfalle – Die versteckten Tricks der Ökologie-Bremser, Oekom 2023

[14] Servatius, H.G., Wettbewerbsvorteile durch die Gestaltung eines Nachhaltigkeitssystems. In: Tomaschewski, D., Völker, R. (Hrsg.), Nachhaltige Unternehmensentwicklung, Kohlhammer 2016, S. 27-32

[15] Vikash, J., et al., The Next „Digital“ – Unlocking $50 Billion GreenTech Opportunity, April 2022

[16] Rest, J., Vorsprung durch Technik. In: Manager Magazin, Juli 2024, S. 32-38

[17] Osterwalder, A., Pigneur, Y., Business Model Generation – A Handbook for Visionaries, Game Changers, and Challengers, Wiley 2010

[18] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S. (Hrsg.), Mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zum klimaneutralen Unternehmen – Strategische Frameworks und Best-Practice-Beispiele, SpringerGabler 2023, S. 71-93

[19] Servatius, H.G., Evolution des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 28.06.2024

[20] Stratmann, K., Angst vor dem Solar-Infarkt. In: Handelsblatt, 30.Juli 2024, S. 1, 4-5

[21] Servatius, H.G., Schneidewind, U., Rohlfing, D. (Hrsg.), Smart Energy – Wandel zu einem nachhaltigen Energiesystem, Springer 2012

[22] Backovic, L., Fasse, M., Hubik, F., Sorge um Europas Batterieproduktion. In: Handelsblatt, 27.Juni 2024, S. 22-23

[23] Doerr, J., Speed & Scale – An Action Plan for Solving Our Climate Crisis Now, Portfolio Penguin 2021

[24] Stratmann, K., Milliardengeschäft CO2-Entnahme. In: Handelsblatt, 26.Juni 2024, S. 10-11

[25] Servatius H.G., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 17.06.2024

[26] Wermke, I., „Ohne Hoffnungswerte und ohne Schönfärberei“. In: Handelsblatt, 12. August 2024, S. 19

[27] Servatius, H.G., Innovations- und Nachhaltigkeitssysteme verbinden klassische Managementaufgaben. In: Competivation Blog, 09.09.2021

 

Nachhaltigkeitsorientiertes strategisches Management

Sustainability-oriented strategic management

The third development stage of sustainability-oriented strategic management (Strategy 3.0) builds on the first, market- and finance-oriented stage and the second, technology- and innovation-oriented stage and develops these further. The increasing importance of sustainability in the face of climate change is accompanied by changing political conditions for climate protection. Europe must master the challenge of better combining its ambitious climate policy with the achievement of competitive advantages for the domestic economy.

 

In this blog post, I explain the basics and characteristics of strategic sustainability management and discuss the complex relationship between management and politics.

 

Changing political conditions for climate protection

The political science school of strategy processes has a long history of development, which is of particular importance for the topic of sustainability. This school views the development of strategies as a negotiation process, the outcome of which depends heavily on the power, legitimacy and urgency of relevant stakeholders.1

Since the European Parliament elections in 2019, the political conditions for climate protection have changed. A key promise of the EU Commission was the „Green Deal“, which was supposed to make the continent fit for the industrial race with China and the USA. For a number of reasons, these expectations have only been partially fulfilled. In Germany, the Building Energy Act (GEG) in particular, which came into force in 2024, stands for an ideological policy that reinforces the concerns of many people.2

In this year’s elections to the European Parliament, the Greens/European Free Alliance group suffered major losses. The European People’s Party (EPP) once again became the strongest group. Following her re-election, EU Commission President Ursula von der Leyen announced that her top priority would be the competitiveness of the European economy. To this end, she wants to present a „Clean Industrial Deal“ that improves the framework conditions for companies. The climate protection legislation that characterized her first term of office is to be made more business-friendly.3 This development illustrates the influence of politics on sustainability management.

 

Complex relationship between management and politics

In recent decades, the topic of sustainability has been characterized by a complex relationship between management and politics. On the one hand, this complexity results from the broad spectrum of corporate sustainability management, which ranges from passive to active. The sustainability-oriented policy fields react to this with different approaches, which can have a promoting and a regulating character. This results in different patterns of behavior.

Lernprozess Innovationsstrategie

For some years now, European policy has focused on more strictly regulated sustainability reporting in order to encourage passive companies to adapt their behavior. There is a risk of excessive bureaucratization, which is perceived as an unnecessary barrier, particularly by active companies.

At the same time, policymakers in industrialized countries practice different forms of promoting sustainability on both the supply and demand side. These are aimed at sustainability innovations to tackle climate change. While German policy, for example, has primarily promoted the demand side of renewable energies with taxpayers‘ money, Chinese policy is systematically building up domestic global market leaders who are trying to squeeze out foreign competitors. This pattern has contributed to Europe’s increasing dependence. At the same time, as European policy promotes sustainability awareness, customers in some fields are confronted with diminishing European supply. In view of this situation, a strategic reorientation of European sustainability policy and sustainability management appears necessary.

Before we take a closer look at the characteristics of such a realignment, I would like to outline the basics of strategic sustainability management, which we consider to be the third development stage of strategic management (Strategy 3.0).

 

Fundamentals in technology, society, politics and economics

This third stage has evolved from a topic for specialists, the foundations of which were laid in technology, society, politics and the economy. It is relatively little known that the concept of sustainability in Europe has its roots in forestry. For example, the Electoral Saxon Forestry Code of 1560 stipulates that trees that are cut down must be replanted. In the course of the industrial revolution, however, the principle of not depleting a resource base has become less important.

The scientific and engineering discipline of environmental technology also has a long history of development. The German Ministry of the Environment divides the market for environmental technology (GreenTech) into the following segments:4

– Environmentally friendly generation, storage and distribution of energy

– energy efficiency

– raw material and material efficiency

– sustainable mobility

– circular economy

– sustainable water management and

– sustainable agriculture and forestry.

This segmentation provides an initial orientation of the dynamically changing GreenTech market.

The term Corporate Social Responsibility (CSR) describes the voluntary contribution of business to sustainable development. The concept originated in the USA in the 1920s and has gained in importance since the 1950s and 1960s. The European Union (EU) has been addressing the topic since 2001 and issued a directive on the subject in 2014, which was transposed into German law in 2017. The ISO standard 26000 „Guidance Social Responsibility“, which has the character of a guideline, was adopted back in 2010.5 The criticism of corporate social responsibility is that the CSR concept only plays a subordinate role for many companies and primarily serves to improve their image.

Important impetus for the topic of sustainability has come from environmental organizations such as the Club of Rome. This network of experts, founded in 1968, commissioned the report „Limits to Growth“ in 1972, which became very important in the wake of the oil crises of the 1970s.6 The publication is based on the system dynamics method developed by MIT professor Jay Forrester, which is used to analyze complex interdependencies in dynamic systems. The sometimes spectacular activities of the campaign organization Greenpeace, founded in Canada in 1971, are aimed at mobilizing the general public.

In 1983, the United Nations (UN) founded the World Commission on Environment and Development (WCED). In 1987, its perspective report „Our Common Future“ (Brundtland Report) provided an important description of the guiding principles of sustainable development. The focus is on the topic of intergenerational justice.7 The UN conference in Rio de Janeiro in 1992 introduced a global right to sustainable development for the first time, although individual countries are responsible for its implementation. In 2015, the UN formulated 17 global challenges for countries and companies with the Sustainable Development Goals.

Climate change has become a key sustainability issue in recent decades. An important orientation was provided by a report published by Nicholas Stern in 2007, which attempts to calculate the global economic damage that will occur if humanity does nothing to combat climate change. Stern puts the damage at 5.5 trillion euros per year by 2100.8 This dramatic figure has contributed to the mobilization of politicians and the formulation of ambitious sustainability goals to tackle climate change.

At the end of the 1990s, the distinction between the three dimensions of sustainability – economic, environmental and social – emerged, expanding the traditional focus of companies on the economic dimension.9 However, this extension does not provide a satisfactory answer to the question of how conflicts of objectives between the dimensions can be mastered. In the meantime, sustainability has become a buzzword with an unclear meaning. The simultaneous use of the term in the sense of the original meaning „lasting“ contributes to this. In addition, many users of the term do not distinguish between ecological and sustainable.

This conceptual ambiguity is further reinforced by the ESG criteria. The abbreviation ESG stands for Ecology, Social and Governance. The overlap between the sustainability dimensions and the ESG concept therefore lies in the ecological and social dimensions. The economic dimension, on the other hand, is narrowed down to the aspect of governance in the ESG concept. The topic of ESG also has a long history of development. An important impetus came in 2004 from the „Who Cares Wins“ report published by financial institutions on behalf of the UN. The ESG concept has become increasingly important in the financial market in recent years.10 Assessments are often based on the analysis of rating agencies, which, however, use different criteria. These methodological shortcomings have contributed to a series of greenwashing scandals that have unsettled investors.

Lernprozess Innovationsstrategie

The third development stage of sustainability-oriented strategic management has emerged from the interaction of these foundations,11 whose characteristics I would like to explain below. Pioneers with a credible sustainability strategy are an important source of knowledge from which other organizations can learn.

 

Focus on a credible sustainability strategy

The starting point for our book „The future of the car has only just begun – ecological change of direction as an opportunity“, published in 1994, was the vision of managers at a large automobile company.12 Unfortunately, they were unable to realize their inner conviction at the time, and developments took a different course. Toyota successfully introduced its hybrid drive and much later Tesla became a pioneer in batteries and digitalization. What others can learn from these pioneers is that when it comes to sustainability, it is also important to use technology as a means of satisfying customer needs. These lead users are often willing to pay a price premium for credible sustainability promises.

One example of a company with a successfully implemented, credible sustainability strategy is Werner & Mertz, the Mainz-based manufacturer of cleaning products and its well-known Frosch brand.13 In the following illustration, I have summarized four reasons for the company’s success in the area of sustainability.

Lernprozess Innovationsstrategie

Many sustainability pioneers are family businesses whose shareholders take action out of an inner conviction of the need for credible sustainability management. Reinhard Schneider, Chairman of the Management Board of Werner & Mertz, describes how his vision of making the company more ecological arose from an economic crisis.

The Frosch brand has become known above all for the mechanical recycling of packaging waste as the most direct form of a circular economy. To this end, Werner & Mertz launched its Recyclate Initiative together with partners in 2012. The company writes on its website: „The majority of our packaging now consists of 100% recyclate, of which between 75-100% comes from household collections such as the Yellow Bag – the rest comes from the European deposit bottle collection.“

For Reinhard Schneider, it is of central importance to take a critical stance towards the numerous distraction traps used by a network of players to merely feign sustainability. One example is the tricks used in greenwashing. This includes the use of the term „climate-neutral“ to promote third-party measures that have no connection to the company’s own value creation.

Studies show that the Frosch brand achieves outstanding trust premiums with relevant stakeholders. In this respect, credibility and acting out of conviction pay off in the long term. Sustainability can obviously have a meaningful effect, which is perceived as a reward by employees and customers.

Such trust premiums are best achieved when a company views its sustainability management as a connected system.

 

Interconnected fields of action of a company’s sustainability system

Sustainability pioneers pursued an integrated approach at an early stage and recognized that a company’s sustainability system consists of interconnected fields of action.14 In this respect, sustainability and innovation management are similar. The challenge in sustainability management also lies in linking these fields of action, which I would like to explain briefly.

Lernprozess Innovationsstrategie

The basis for creating and improving such an integrated system is the implementation of a credible sustainability strategy. This strategy is aimed at designing sustainable business models. Business model templates can provide inspiration for this.

Important impetus comes from environmental technology companies and increasingly also from digital companies that work with their customers to realize sustainability innovations. This depends on the cooperation of players from politics, science, business and society in stakeholder ecosystems. These stakeholder ecosystems are facing increasingly fierce international competition.

Politics influences the framework conditions for sustainable value creation at the respective locations. Artificial intelligence (AI) is also becoming increasingly important when it comes to sustainability. The company’s task is to retain customers in the long term with trust-building marketing.

Integrated sustainability reporting is becoming more important with regard to increasing the value of companies. The new Corporate Sustainable Reporting Directive (CSRD) of the European Union (EU) is in international competition with other reporting systems.

Depending on the initial situation, the transition to sustainability-oriented HR management and culture takes different forms. Successful pioneering companies prefer evolutionary change in the form of joint learning processes. Opponents of sustainability tend to try to block change with the help of the aforementioned distraction traps. One antidote is the development of sustainability competence among all stakeholders.

On the way from an outdated, bureaucratic silo organization to an agile, connected company, the topic of sustainability can have a meaningful effect throughout the entire organization. In this respect, strategic sustainability management opens up new ways of achieving competitive advantages.

Innovative technologies and sustainable business models have a disruptive effect.

 

Using innovative technologies to create sustainable business models

One challenge for specialized environmental technology providers lies in combining green technologies with digital cross-sectional technologies. In a study conducted before the boom in generative artificial intelligence, the Boston Consulting Group predicts that the market for digital green tech will grow by 25 to 30 percent annually between 2020 and 2027 to between 45 and 55 billion US dollars.15 In view of the weaknesses of established companies when it comes to digitalization, it is to be expected that digital giants will participate particularly strongly in this market growth alongside start-ups. One example is autonomous driving.

The Alphabet subsidiary Waymo is currently well ahead in the competition for the global leadership position. In 2020, Waymo launched a driverless robotaxi service on the outskirts of Phoenix (USA) and has been driving Jaguar electric vehicles throughout the city of San Francisco since October 2023. Google founder Larry Page’s vision, which involves considerable investment, could pay off in the foreseeable future. The question is when this business model will also be financially successful.16

Surprisingly, the widespread concepts for describing innovative business models have long ignored the topic of sustainability.17 A Sustainable Business Model Canvas forms the communication basis for a company’s sustainability issues. In addition to the effects on the environment and society, it contains other sustainability-relevant components.

The building blocks of the energy and mobility transition, for example, appear to be particularly relevant18

– political and legal framework conditions and

– interaction with stakeholders.

A common basis for communication can make an important contribution to cooperation between the players. This also applies in particular to the public promotion of emerging volume businesses.

 

Market leadership in volume business through public funding

In the first stage of development of market- and finance-oriented strategic management, the focus was on using experience curve effects to achieve market leadership in volume business.19 This strategic pattern of behavior is being reinterpreted in sustainability management. An important role is played by politics, which promotes research and development in promising technologies, supports applications with public funds and subsidizes companies. The solar industry provides a classic lesson from which Germany can learn how to do things better.

As a result of the Renewable Energy Sources Act (EEG), the use of the relevant products in Germany has been subsidized to the tune of hundreds of billions of euros. German manufacturers have also benefited from this, and for a while the German solar industry was a world leader. However, this period of success only lasted until subsidized Asian competitors gradually squeezed out the German suppliers in fierce price competition. Today, around 86 percent of the solar systems used in Germany come from Chinese manufacturers.

With the record expansion of photovoltaics, the risk of unstable grid situations is increasing. In the worst-case scenario, this can lead to local power outages. This is why new installations should finally be equipped with intelligent metering systems.20 The use of these smart meters in conjunction with dynamic electricity tariffs has been repeatedly delayed in Germany. This example shows that there is an urgent need for better coordination between political framework conditions and related business models. We already pointed this out in our book Smart Energy, published in 2010.21

The situation with electromobility is somewhat different. The pioneering role here was played by the US company Tesla. European politicians have put pressure on car manufacturers with tough targets. However, the majority of batteries come from Asian manufacturers. This has created a considerable dependency. The domestic automotive industry would like to see European solutions for the production of battery cells. However, the construction of some plants is currently being delayed.22

The examples show that there are considerable deficits in Europe when it comes to cooperation between politics, science, business and society. However, global market leadership in GreenTech volume business can only be achieved with efficient stakeholder ecosystems. This also applies to the development of new green growth areas.

 

Development of new green growth areas

The venture capital firm Kleiner Perkins sees the following six priorities in the goal of zero greenhouse gas emissions by 2050: 23

– Electromobility

– renewable energies

– green agriculture

– rainforest and oceans

– energy-intensive production and

– the extraction of CO2 from the atmosphere and storage.

The economic potential of carbon dioxide removal (CDR) is considerable, but was underestimated for a long time. There is now a broad consensus that CDR is a complementary approach to CO2 reduction. Of interest to German industry are the opportunities offered here for mechanical and plant engineering, but also for start-ups.24

This example also shows that each of the green growth areas and the green tech sector as a whole require better coordinated programs as part of a European sustainability strategy. It will be interesting to see to what extent the new EU Commission meets the demand to add an industrial policy dimension to its „Green Deal“. This demand is partly the result of industry’s concern that the new approaches to sustainability reporting would overburden companies.

This concern relates to the core question that a number of industries are asking themselves, namely how they can overcome the challenge resulting from the conflicting goals of economic, ecological and social sustainability dimensions and how the evolutionary change to sustainable companies can be achieved.

 

Evolutionary change towards sustainable companies

In most industries, the realignment to sustainable companies is a complex, long-term process that requires coordinated activities in a number of related fields of action. Therefore, the often politically motivated idea of a short-term „green transformation“ is unrealistic. Although these transformation attempts usually fail, the buzzword „transformation“ is still widely used.25

Realistic and reliable political strategies for technologies and sectors are an important basis for successful change towards sustainability. These can include a time frame, but should not have the character of rigid targets. The example of the European transition to electromobility shows how difficult it can be to achieve such targets.

Within this time frame, European companies must be able to financially master the evolutionary change from existing to sustainable business models. The location structure can play an important role in this portfolio analysis. For example, a new, ecologically better business model may not be economically viable at an existing location in the foreseeable future, but the preservation of jobs makes an important contribution to social sustainability. The steel subsidiary of the long-established company Thyssen-Krupp is currently in this situation. The publicly funded transition to the production of „green steel“ in Duisburg provides a possible model for the steel production of the future. At the same time, safeguarding jobs in the western Ruhr region is of great importance in terms of regional policy. The example shows how difficult it is to successfully restructure a company, look for new investors and at the same time drive forward ecological change.26

In addition to these specific challenges, the new Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) of the European Union (EU) means a considerable amount of additional work for all larger companies. There is a risk that the priority of change will shift towards sustainability reporting and that innovations will be neglected. It therefore seems necessary to subject the reporting approach to a critical cost-benefit analysis and to develop it further if necessary.

 

Summary of the characteristics of a Strategy 3.0

We have shown that the third development stage of sustainability-oriented strategic management (Strategy 3.0) is based on credible corporate behavior. The challenge here lies in connecting the relevant fields of action. In this way, innovative technologies can be used to create sustainable business models.

This is important, but often not enough. Targeted public funding must also be provided in order to achieve and defend market leadership in volume business. The European economy has often failed to do this well in the past. Better coordinated European programs are therefore needed to open up new green growth areas. The transition to sustainable companies is an evolutionary process. It requires the ability to engage in joint learning processes and more dialog-based action by stakeholders, from the design of the political framework to the implementation of strategies.

These characteristics of strategic sustainability management are summarized in the following table. It is crucial for Europe’s success that politics, science, business and society work better together.

Both sustainability management and innovation management are cross-sectional disciplines that combine the classic business management functional theories.27 This requires connective skills, as does interaction with stakeholders. Training and further education should therefore place a high priority on developing these skills. Interdisciplinary programs and projects are particularly suitable for this. Based on this insight, we are currently designing a new Master’s degree course in sustainability management. In addition, better cooperation between the relevant policy areas also appears necessary in the context of an international sustainability policy.

 

Conclusion

  • With its „Clean Industrial Deal“, the European Union wants to improve the framework conditions for companies when it comes to sustainability.
  • Based on various principles, sustainability-oriented strategic management ties in with the political science school of strategy processes.
  • The pioneers view the fields of action of their company’s sustainability management as an interconnected system.
  • One challenge for European companies lies in designing business models that combine environmental engineering and digital technologies. Public funding plays an important role in achieving market leadership in volume business.
  • With regard to the development of new green growth areas, Europe should learn from past mistakes and improve cooperation between stakeholder ecosystems. This requires the capacity for coordinated programs.
  • In the transition to sustainable companies, it is important to find an appropriate balance between innovation and reporting.

 

Literature

[1] Mintzberg, H., Ahlstrand, B., Lampel, J., Strategie Safari – Eine Reise durch die Wildnis des strategischen Managements, Ueberreuter 1999

[2] Gusbeth, S. et al, Bye-bye, climate protection? In: Handelsblatt, June 14/15/16, 2024, p.44-50

[3] Scheer, O., Volkery, C., Von der Leyen’s new start, In: Handelsblatt, July 19/20/21, 2024, p.1,12-13

[4] Federal Ministry for the Environment, Nature Conservation and Nuclear Safety (ed.), GreenTech made in Germany 2.0 – Environmental Technology Atlas for Germany, 2nd edition, Vahlen 2009

[5] Schneider, A., Schmidpeter, R. (eds.), Corporate Social Responsibility – Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis, 2nd ed., Springer Gabler 2015

[6] Meadows, D., The Limits to Growth – Report of the Club of Rome on the State of Humanity, Deutsche Verlags-Anstalt 1972

[7] The World Commission on Environment and Development, Our Common Future, Oxford University Press 1987

[8] Stern, N., The Economics of Climate Change – The Stern Review, Cambridge University Press 2007

[9] Elkington, J., Cannibals with Forks – Triple Bottom Line of 21st Century Business, Capstone Publishing 1997

[10] Hill, J., Environmental, Social, and Governance (ESG) Investing – A Balanced Analysis of the Theory and Practice of a Sustainable Portfolio, Academic Press 2020

[11] Servatius, H.G., Strategy 5.0 for mastering the new challenges. In: Competivation Blog, 28.06.2022

[12] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Pieper 1994

[13] Schneider, R., Die Ablenkungsfalle – Die versteckten Tricks der Ökologie-Bremser, Oekom 2023

[14] Servatius, H.G., Competitive advantages through the design of a sustainability system. In: Tomaschewski, D., Völker, R. (eds.), Sustainable corporate development, Kohlhammer 2016, pp. 27-32

[15] Vikash, J., et al, The Next „Digital“ – Unlocking $50 Billion GreenTech Opportunity, April 2022

[16] Rest, J., Vorsprung durch Technik. In: Manager Magazin, July 2024, p. 32-38

[17] Osterwalder, A., Pigneur, Y., Business Model Generation – A Handbook for Visionaries, Game Changers, and Challengers, Wiley 2010

[18] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S. (eds.), With digitization and sustainability to climate-neutral companies – strategic frameworks and best practice examples, SpringerGabler 2023, pp. 71-93

[19] Servatius, H.G., Evolution of strategic management. In: Competivation Blog, 28.06.2024

[20] Stratmann, K., Fear of the solar infarction. In: Handelsblatt, July 30, 2024, p. 1, 4-5

[21] Servatius, H.G., Schneidewind, U., Rohlfing, D. (eds.), Smart Energy – Wandel zu einem nachhaltigen Energiesystem, Springer 2012

[22] Backovic, L., Fasse, M., Hubik, F., Concern about Europe’s battery production. In: Handelsblatt, June 27, 2024, p. 22-23

[23] Doerr, J., Speed & Scale – An Action Plan for Solving Our Climate Crisis Now, Portfolio Penguin 2021

[24] Stratmann, K., Billion-dollar business CO2 withdrawal. In: Handelsblatt, June 26, 2024, pp. 10-11

[25] Servatius H.G., Triple strategic realignment. In: Competivation Blog, 17.06.2024

[26] Wermke, I., „Without hopeful values and without whitewashing“. In: Handelsblatt, August 12, 2024, p. 19

[27] Servatius, H.G., Innovation and sustainability systems combine classic management tasks. In: Competivation Blog, 09.09.2021

 

 

Nachhaltigkeitsorientiertes strategisches Management

Nachhaltige Entwicklung von Unternehmen mit einer Sustainability Map

Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze zur Nachhaltigkeitsbewertung suchen Unternehmen nach einem geeigneten konzeptionellen Rahmen für ihre nachhaltige Entwicklung. In der Praxis bewährt hat sich dabei eine Sustainability Map.

In unserem neuen Blogpost erläutern wir ein Vorgehen für die nachhaltige Entwicklung in sechs Schritten.

 

Ansätze zur Nachhaltigkeitsbewertung

In der Vergangenheit ist eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze zur Nachhaltigkeitsbewertung entstanden. Eine erste Gruppe von Kriterienkatalogen stammt von überstaatlichen oder staatlichen Institutionen. Hierzu zählen z.B. die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen. Daneben gibt es eine zweite Gruppe, die von internationalen Organisationen oder Normungsinstituten entwickelt worden ist. Ein Beispiel ist die Zertifizierung nach ISO 14001 für das Umweltmanagement. Eine dritte Gruppe sind Ansätze von Rating-Unternehmen. Ein Beispiel ist das Environment, Social und Governance (ESG-)Rating von MSCI. Die vierte Gruppe sind Reporting-orientierte Ansätze, wie z.B. die Global Reporting Initiative (GRI).1

Von besonderer Relevanz für europäische Unternehmen ist die neue Nachhaltigkeitstaxonomie der EU. Dazu gehört ein Taxonomie-Kompass mit den folgenden sechs Umweltzielen:2

  1. Klimaschutz
  2. Anpassung an den Klimawandel
  3. nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung sowie
  6. Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme.

Außerdem soll die Berichtspflicht für Nachhaltigkeit ab 2024 von gegenwärtig circa 600 Unternehmen in Deutschland auf 15.000 ausgeweitet werden. Grundlage dafür ist die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU.

Für die betroffenen Unternehmen ist dies einerseits mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden, es bieten sich andererseits aber auch Chancen. Viele Manager handeln heute jedoch noch eher reaktiv und nicht proaktiv.

 

Vor- und Nachteile unterschiedlicher Vorgehensweisen

Unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Nachhaltigkeitsbewertung haben spezifische Vor- und Nachteile. So ist ein Nachteil der Nachhaltigkeitsbewertung ausgehend von externen Kriterienkatalogen die verwirrende Vielfalt der unterschiedlichen Ansätze. Außerdem besteht eine Schwierigkeit in der Anpassung an die spezifische Situation des Unternehmens. Ein Vorteil liegt darin, dass diese Kataloge Anregungen für eigene Ansätze liefern können. Darüber hinaus haben die Vorgaben z.B. der EU und von wichtigen Rating-Agenturen eine gewisse Verbindlichkeit und Relevanz.

 

Lernprozess Innovationsstrategie

 

Der Vorteil von Ansätzen, die vom eigenen Geschäftsmodell des Unternehmens und der eigenen Strategie ausgehen, liegt darin, dass diese eine passgenauere Lösung als Basis für eine erfolgreiche nachhaltige Entwicklung des Unternehmens liefern. Ein Nachteil ist allerdings, dass hierzu möglicherweise eine höhere Aktivierungsenergie erforderlich ist. Außerdem fehlt in vielen Unternehmen bislang noch ein konzeptioneller Rahmen für das praktische Vorgehen. Wir haben diese Situation zum Anlass genommen, einen solchen konzeptionellen Rahmen zu entwickeln. Ein bewährter Ausgangspunkt ist ein Beschreibungsrahmen für nachhaltige Geschäftsmodelle.

 

Der Sustainable Business Model Canvas als Rahmen für Nachhaltigkeitsthemen

Viele Unternehmen arbeiten seit langem mit einem Business Model Canvas zur Beschreibung ihres vorhandenen Geschäftsmodells und der Entwicklung neuer Geschäftsmodell-Bausteine.3 Diese sogenannten Canvas- oder Leinwand-Konzepte berücksichtigen zwar Nachhaltigkeitsthemen nicht, bilden aber eine gute Grundlage für einen Sustainable Business Model Canvas, den Unternehmen an ihre spezifische Situation anpassen können.4 Neben den bekannten Bausteinen enthält dieses Konzept einige Ergänzungen wie z.B. nachhaltige Energien und Ressourcen und eine nachhaltigkeitsorientierte Interaktion mit Stakeholdern. Außerdem wurden im Nachhaltigkeits-Canvas als neue Bausteine die Beiträge des Unternehmens für eine natürliche Umwelt und den sozialen Zusammenhalt hinzugefügt.

 

 

Der Nutzen dieses Konzepts liegt darin, dass Unternehmen einen Rahmen für die systematische Sammlung ihrer relevanten Nachhaltigkeitsthemen bekommen. Damit ist ein Sustainable Business Model Canvas wesentlich differenzierter als z.B. die Nachhaltigkeitstaxonomie der EU.

Von diesem Ausgangspunkt geht dann die nachhaltige (Weiter-)Entwicklung des Unternehmens aus. Mögliche Wege zur nachhaltigen Entwicklung des Geschäftsmodells eines Unternehmens beschreibt die Nachhaltigkeitsstrategie. Dabei unterscheiden wir zwischen den Ebenen

  • einer Identifikation von Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Risiken z.B. aufgrund von Treibhausgas-Emissionen
  • der Effizienzsteigerung bei Nachhaltigkeitsthemen z.B. durch erneuerbare Energie sowie
  • inkrementellen oder radikalen Nachhaltigkeitsinnovationen z.B. mit neuen Batterietechnologien.

Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie kann mit Änderungen des Geschäftsmodells verbunden sein

 

Lernprozess Innovationsstrategie

 

Im Folgenden skizzieren wir, wie Unternehmen und ihre Stakeholder die nachhaltige Entwicklung als gemeinsamen Lernprozess gestalten können.

 

Nachhaltige Entwicklung als gemeinsamer Lernprozess

Die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens lässt sich in sechs Schritte eines iterativen Prozesses gliedern. Dieser Sustainable Development Cycle ähnelt Lernprozessen, wie sie aus dem Qualitätsmanagement5 und dem strategischen Management6 bekannt sind. Von entscheidender Bedeutung ist dabei eine Verbesserung der Fähigkeiten des Unternehmens. Dies erfordert eine intensive Zusammenarbeit der Organisationseinheiten und eine gute Interaktion mit relevanten Stakeholdern.

 

 

Im ersten Schritt erfolgt eine Analyse und Bewertung der relevanten Nachhaltigkeitsthemen mit Hilfe der neuen Sustainability Map. In dieser Nachhaltigkeitslandkarte sind die Positionen aller relevanten Themen in einer Matrix dargestellt. Neben dieser statischen Betrachtung verdeutlichen Pfeile mögliche Nachhaltigkeitsaktivitäten.

Die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie ist Gegenstand des zweiten Schritts. Dabei kommt es auf eine Verbindung der Handlungsebenen Risikoidentifikation, Effizienzsteigerung und Innovation an.7 Bei der Strategieentwicklung kann die Zusammenarbeit mit Partnern eine wichtige Rolle spielen. Wegen dieser zwei Arten von Verbindungen zwischen Ebenen und mit Partnern sprechen wir von konnektiven Nachhaltigkeitsstrategien. Anregungen kommen dabei von nachhaltigen Geschäftsmodellmustern.8 Hierzu sind in den letzten Jahren verschiedene Mustersammlungen entstanden.9

Aus der Strategie leitet das Unternehmen dann im dritten Schritt Nachhaltigkeitsziele und Schlüsselergebnisse ab. Dabei hat eine Anwendung der bei Intel entstandenen und durch Google bekannt gewordenen Objectives and Key Results (OKR-)Methode den Vorteil, dass transparente Ziele und Ergebnisse die horizontale und vertikale Koordination fördern.10 In seinem neuen Buch Speed & Scale beschreibt John Doerr, der Chairman des Venture-Capital-Unternehmens Kleiner Perkins, die Anwendung der OKR-Methode bei Nachhaltigkeitsthemen und die Zusammenarbeit von Unternehmen mit der Politik.11

Die Umsetzung der geplanten Aktivitäten zur Risikoidentifikation, Effizienzsteigerung und Innovation erfolgt dann im vierten Schritt. Hieran schließen sich regelmäßige Reviews der Ergebnisse an, aus denen sich Richtungsänderungen ergeben können.

Der sechste und letzte Schritt dieses Sustainable Development Cycles ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dabei kann man zwischen einer Erfüllung des rechtlichen Rahmens z.B. der neuen EU-Taxonomie sowie den Möglichkeiten zur wettbewerblichen Differenzierung und Wertsteigerung durch freiwillige Aktivitäten unterscheiden. Unternehmen haben die Wahl, ob sie sich mit der Rolle eines reinen Nachhaltigkeitsregelerfüllers zufriedengeben wollen oder sich auf dem Weg zum Nachhaltigkeitschampion ehrgeizigere Ziele setzen.

 

Analyse und Bewertung von Nachhaltigkeitsthemen mit einer Sustainability Map

In seinem Buch Sustainable Innovation schreibt der US-Professor Andrew Hargadon, dass die effektivsten Innovationsstrategien zur Landschaft passen, in der sie verfolgt werden.12 Hierzu benötigen Unternehmen eine Nachhaltigkeitslandkarte. Unsere Sustainability Map erfüllt diese Funktion.

Der Grundgedanke ist, die Positionen und Aktivitäten des Unternehmens bei wichtigen Nachhaltigkeitsthemen in einer Matrix darzustellen. Die beiden Achsen der Matrix sind

  • die Bewertung von relevanten Nachhaltigkeitsthemen und -aktivitäten sowie
  • die Ebenen einer konnektiven Nachhaltigkeitsstrategie.

Die Bewertung unterscheidet zwischen problematisch, mittel und gut. Die Ebenen sind die Risikoidentifikation, eine Effizienzsteigerung sowie eine inkrementelle oder radikale Innovation.

 

 

So ergibt sich aus einer Analyse und Bewertung der Ausgangssituation bei einem Nachhaltigkeitsthema eine Position in der Matrix. Wenn das Unternehmen z.B. bei einem risikobehafteten Thema nichts unternimmt, so wird sich seine Position vermutlich verschlechtern. Aktivitäten zur vertieften Beschäftigung mit dem Thema führen zu einer Verbesserung. Weiter gehende Aktivitäten zur Risikobewältigung können einen Ebenenwechsel zur Effizienzsteigerung oder Innovation ergeben. Auf diese Weise wird aus der strategischen Landkarte der Positionen eine dynamische Karte der Aktivitäten.

Der Nutzen einer solchen Sustainability Map liegt darin, dass sie allen Akteuren eine Orientierungshilfe liefert und einen Kommunikationsrahmen für die Strategiearbeit schafft.

Ein Beispiel ist die Position eines Automobilunternehmens beim Nachhaltigkeitsthema Recycling von Batterien. Ein effizientes Recyclingsystem reduziert das Risiko einer internationalen Abhängigkeit. Nach Meinung von Experten würde man so bis 2050 ein Viertel des Eigenbedarfs an Kobalt und Nickel decken.13 Die Nachhaltigkeitsstrategie kann aber auch deutlich über ein effizientes Batterierecycling hinausgehen, wie BMW mit seinem Konzeptfahrzeug Vision Circular zeigt, das aus recyceltem Altmaterial und biobasierten Rohstoffen besteht.14

 

Differenziertes Bild der Rollen eines Unternehmens

Größere Unternehmen arbeiten oft gleichzeitig an vielen Nachhaltigkeitsthemen. Eine Landkarte der Nachhaltigkeitspositionen zeigt ein differenziertes Bild der unterschiedlichen Rollen bei diesen Themen. So kann das Unternehmen beim ersten Thema auf der Ebene der Risikoidentifikation als Beobachter agieren, beim Thema zwei als Verbesserer auf Effizienzsteigerung setzen und erwägen, beim Thema drei als Innovator eine Vorreiterrolle einzunehmen. Ein solches differenziertes Bild liefert eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Fähigkeiten und die Verteilung der benötigten Finanzmittel.

 

 

Diese Rollenanalyse verbessert nicht nur die Transparenz nach innen, sondern liefert auch die Grundlage für eine glaubwürdige Interaktion mit externen Stakeholdern. Unsere Erfahrung aus Praxisprojekten zeigt, dass die nachhaltige Entwicklung von Unternehmen mit der Sustainability Map einen wichtigen Beitrag zur Schließung der bislang vorhandenen konzeptionellen Lücke leisten kann, aber ein gewisses Maß an methodischen Fähigkeiten erfordert.

 

Fazit

  • Die neue Nachhaltigkeitstaxonomie der EU und die entsprechende Berichtspflicht führen zu einer intensiveren Beschäftigung von Unternehmen mit ihrem Nachhaltigkeitsmanagement
  • Ein Vorgehen ausgehend vom eigenen Geschäftsmodell und der eigenen Strategie hat deutliche Vorteile
  • Der Sustainable Development Cycle liefert einen geeigneten konzeptionellen Rahmen
  • Dabei bildet eine Analyse und Bewertung von relevanten Themen mit Hilfe der Nachhaltigkeitslandkarte einen wichtigen ersten Schritt zu einer qualifizierten Nachhaltigkeitsberichterstattung

 

Literatur

[1] Ahrend, K.M.: Geschäftsmodell Nachhaltigkeit – Ökologische und soziale Innovationen als unternehmerische Chance, Berlin 2016, S. 49 ff.

[2] Rat für nachhaltige Entwicklung: EU-Taxonomie – So steht es auf dem Weg zur nachhaltigen Wirtschaft, 22.10.2021

[3] Osterwalder, A., Pigneur, Y.: Business Model Generation, Hoboken 2010

[4] Servatius, H.G.: Nachhaltige Geschäftsmodelle durch eine verbesserte Stakeholder-Interaktion. In: Competivation Blog, 11.04.2018

[5] Schmitt, R., Pfeifer, T.: Qualitätsmanagement – Strategien, Methoden, Techniken, 4. Aufl., München 2010, S.34 ff.

[6] Kaplan, R.S., Norton, D.P.: The Execution Premium – Linking Strategy to Operations for Competitive Advantage, Boston 2008, S. 7 ff.

[7] Servatius, H.G.: Konnektive Geschäftsmodelle mit Nachhaltigkeitsrisiken und Innovationschancen. In: Competivation Blog, 13.10.2021

[8] Gassmann, O., Frankenberger, K., Czik, M.: Geschäftsmodelle entwickeln – 55 innovative Konzepte mit dem St. Galler Business Model Navigator, München 2013

[9] Ahrend, a.a.O., S. 72 ff.

[10] Doerr, J.: Measure What Matters – OKRs: The Simple Idea That Drives 10x Growth, London 2018

[11] Doerr, J.: Speed & Scale – An Action Plan for Solving our Climate Crisis, London 2021

[12] Hargadon, A.: Sustainable Innovation – Build Your Company’s Capacity to Change the World, Stanford 2015, S. 7

[13] Hubik, F., Menzel, S.: Wie Autokonzerne grün werden. In: Handelsblatt, 12./13./14. November 2021, S. 22

[14] Hubik, F.: Das Auto als Rohstoffquelle. In: Handelsblatt, 13. September 2021, S. 18-19

Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Erfolgreiche Nachhaltigkeitsinnovationen mit verbesserten Stakeholder-Beziehungen

Die Probleme bei der Mobilitätswende könnten zu einer Bedrohung für Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie werden. Der Weg zu erfolgreichen Nachhaltigkeitsinnovationen führt über verbesserte Stakeholder-Beziehungen.

 

Stolpersteine bei der Energie- und Mobilitätswende

Bei wichtigen Nachhaltigkeitsthemen wie Solarenergie und Elektromobilität ist die Bilanz des Zusammenspiels zwischen der deutschen Innovationspolitik und dem Innovationsmanagement deutscher Unternehmen besorgniserregend.1 So führt die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Zeitraum von 2000-2025 zu Subventionen in Höhe von über 400 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum sind die meisten deutschen Anbieter von Solartechnik von der Landkarte verschwunden. Bei Lithium-Ionen-Batterien geraten deutsche Automobil-Unternehmen in eine gefährliche Abhängigkeit von ausländischen Herstellern. Obwohl die Lithium-Gewinnung mit erheblichen Umweltproblemen verbunden ist, hat die deutsche Industrie bislang die Chance nicht genutzt, die Wettbewerber mit besseren Batterietechnologien zu überholen. Viele Autofahrer sind allerdings auch noch nicht auf Elektromobilität umgestiegen, weil sie mit der vorhandenen Ladeinfrastruktur unzufrieden sind.

Diese Beispiele zu Nachhaltigkeitsinnovationen im Energie- und Mobilitätssektor verdeutlichen ein Game-Changer-Thema vom Typ drei, bei dem Defizite bei den Beziehungen zu Stakeholdern Durchbrüche erschweren.2

 

Erweiterung des klassischen Innovationsmanagement

Das klassische Innovationsmanagement ist auf den wirtschaftlichen Erfolg mit inkrementellen und radikalen Neuerungen gerichtet. Diese „Profit-Orientierung“ erlebt in Zeiten des Klimawandels eine Erweiterung, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Der Treiber der Erweiterung sind Nachhaltigkeitsinnovationen, die zusätzlich zum wirtschaftlichen Erfolg auf einen ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen gerichtet sind. Neben die Gewinnmaximierung tritt die Suche nach einem höheren Zweck, oder neudeutsch „Purpose“, der in einem Unternehmensleitbild verankert ist.3

 

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass internationale Konzerne wie die BASF, Bosch und SAP in der Value Balancing Alliance an einem Ansatz arbeiten, der versucht, bei der Bilanzierung Auswirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft besser zu erfassen.4 Bislang fehlen für die Corporate Social Responsibility (CSR-) Aktivitäten von Unternehmen einheitliche Standards.

Die Umsetzung von Nachhaltigkeitsinnovationen stellt Unternehmen aber vor neue Herausforderungen. Ähnlich wie das Innovationsmanagement erfordert auch das Nachhaltigkeitsmanagement einen integrierten Ansatz. Das nächste große Thema sind dediziert nachhaltigkeitsorientierte Innovationssysteme (DIS).5 Unsere Initiative „Next Level of Innovation“ zielt darauf ab, den Wandel in Richtung auf eine stärkere Nachhaltigkeitsorientierung von Innovationspolitik und Innovationsmanagement zu unterstützen.6 Eine theoretische Grundlage hierfür liefert die evolutionäre Ökonomie, die lange im Schatten der neoklassischen Mainstream-Ökonomie stand.

 

Defizite bei den Beziehungen zu Stakeholdern

Bei Pionieren des Nachhaltigkeitsmanagements, wie z.B. Henkel, ist eine nachhaltigkeitsorientierte Führung und Organisation tief in der Kultur des Unternehmens verankert. Am Anfang der Entwicklungsgeschichte stehen häufig Nachhaltigkeitsinnovationen und das Thema Nachhaltigkeit durchdringt die gesamte Wertschöpfung. Folgerichtig existiert eine kontinuierlich weiterentwickelte Nachhaltigkeitsstrategie, die in Form messbarer Ergebnisse operationalisiert wird.7 Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wertsteigerung haben viele Unternehmen aber Probleme bei der Gestaltung der immer komplexer werdenden Beziehungen zu Stakeholdern in Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Justiz. Daher kommt einer Verbesserung des Stakeholder Relationship Management die Rolle eines Game Changers bei Nachhaltigkeitssystemen zu.8

 

Ein typisches Muster des Misslingens geht vom Thema „Not in my backyard“ aus. Während ein Großteil der Bevölkerung erneuerbare Energien begrüßt, wehren sich unmittelbar Betroffene gegen die Ansiedlung von Windenergieanlagen oder Stromleitungen. Der Nimby-Effekt ruft die Politik auf den Plan, die versucht einen Interessenausgleich herzustellen. Gelingt dies nicht, sind die Leidtragenden die Unternehmen, deren Verbreitung von Nachhaltigkeitsinnovationen blockiert wird.

Die Schwierigkeit für Unternehmen liegt unter anderen darin, dass bei neuen Themen wie der fünften Generation des Mobilfunks (5G) oder Künstliche Intelligenz (KI) der Verlauf der „Erregungskurve“ bei Bürgern, die sich gegen innovative Technologien wehren und die Reaktionen der Politik nicht einfach zu prognostizieren sind.

 

Drei Phasen gemeinsamer Lernprozesse

Es stellt sich daher die Frage, wie Unternehmen, die an Nachhaltigkeitsinnovationen arbeiten, ihre Beziehungen zu Stakeholdern systematisch verbessern können. Im Rahmen unserer Projekte haben wir gute Erfahrungen mit gemeinsamen Lernprozessen gemacht, die in drei Phasen ablaufen. In der ersten Phase einer solchen Learning Journey geht es darum, frühzeitig die komplexen Muster von Innovationsbarrieren besser zu verstehen. Danach schaffen die Akteure geeignete Kommunikationsformate, die auf einen Interessenausgleich gerichtet sind. Dies mündet in Phase drei in die Gestaltung leistungsfähiger Innovationsökosysteme ein, in denen Barrieren abgebaut und Potenziale ausgeschöpft werden. Auf diese Weise gelingt eine nachhaltige Wertsteigerung in Innovationsfeldern.

 

Das Leitbild des Sicherheitsanbieters Giesecke+Devrient lautet: Creating Confidence. Ralf Wintergerst, der CEO des Unternehmens, fordert für den digitalen Wandel mehr Vernetzung zwischen Politik und Wirtschaft.9 Dies gilt auch für Nachhaltigkeitsinnovationen, bei denen die Akteure in Co-Creation-Prozessen ein gemeinsames Lernen orchestrieren müssen.

Häufig unterschätzt wird bislang die Bedeutung der ersten Phase, in der es darum geht, mögliche Innovationsbarrieren besser zu verstehen. So ist es im Rückblick erstaunlich, wie lange Auflagen für Smart Meter Gateways des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die breite Einführung neuer Gesellschaftsmodelle in Deutschland verzögert. Ein lokales Beispiel ist das von Tesla geplante neue Werk in Grünheide bei Berlin. Auf Antrag der Grünen Liga Brandenburg stoppte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg das Abholzen einer knapp 92 Hektar großen Waldfläche. Der Rodungsstopp gilt so lange, bis über die Eilanträge abschließend entschieden ist.10 Auf diese Weise macht der US-Elektroauto-Hersteller erste Erfahrungen mit dem deutschen Naturschutz. Kritiker sprechen von ökonomischem Analphabetismus und fordern eine Änderung des Verbandsklagerechts.11

Die spannende Frage ist, mit welchen vorhandenen oder neuen Kommunikationsformaten es gelingen kann, die Stakeholder-Beziehungen bei Nachhaltigkeitsinnovationen zu verbessern. Ein Problem ist dabei die zunehmende Polarisierung der Positionen, die es immer schwieriger macht, Zielkonflikte zwischen den Dimensionen einer ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit zu bewältigen. Eine theoretische Grundlage hierfür liefert die Verknüpfung der Theorie komplexer Systeme mit der Erforschung von „wicked“ (boshaften) Problemen.12 Derartige Probleme sind unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass es verschiedene Stakeholder gibt, bei deren Werten und Prioritäten gravierende Unterschiede bestehen.13

Bei der Gestaltung leistungsfähiger Innovationsökosysteme besteht die Chance für Europa darin, das Modell einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft weiterzuentwickeln und sich so von anderen Politikmodellen zu differenzieren. Ein Innovationsfeld, bei dem Unternehmen und Politik seit Jahren versuchen, einen Durchbruch zu erzielen, ist die Wasserstoffwirtschaft.14 Es bleibt abzuwarten, ob und wann dieser gelingt. Die Stellungnahme des Verbands der Automobilindustrie (VDA) zur nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) der Bundesregierung und zur nationalen Umsetzung der Renewable Energy Directive (REDII) zeigt, dass sich die Politik und ein wichtiger Verband in einen konstruktiven Dialogprozess befinden, der hoffentlich zu weiteren konkreten Maßnahmen führt.

 

Organisatorische Implikationen

Das Innovationsmanagement und das Nachhaltigkeitsmanagement sind heute in der Regel in unterschiedlichen Organisationseinheiten angesiedelt. Beide Einheiten haben komplexe, koordinierende Aufgaben mit großer strategischer Bedeutung für die Unternehmensentwicklung. Außerdem spielen beide Einheiten eine wichtige Rolle bei der Kommunikation mit dem Kapitalmarkt, der Politik und der Öffentlichkeit.

Im Rahmen eines engagierten Wandels zu nachhaltigkeitsorientierten Innovationssystemen konvergieren diese Aufgaben und die Abstimmung zwischen dem Innovations- und dem Nachhaltigkeitsmanagement wird immer wichtiger.

 

Ähnlich wie beim digitalen Wandel stoßen traditionelle Organisationskonzepte bei einer Bewältigung dieser Konvergenz an ihre Grenzen. Eine mögliche Lösung sind evolutionäre Organisationsformen, die darauf gerichtet sind, gemeinsame Lernprozesse mit Kunden und Stakeholdern zu fördern. In unserem Buch „Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer“ behandeln wir dieses Thema als Baustein eines Management 4.0.15 Die Gestaltung und Befähigung solcher evolutionären Organisationen betrachten wir als wichtiges Feld für die Managementforschung.

 

Literatur

[1] Dohmen, F. et al.: Grüner Blackout. In: Der Spiegel, 4. Mai 2019, S. 12-21

[2] Servatius, H.G.: Game-Changer-Themen meistern. In: Competivation Blog, 07. Januar 2020

[3] Reiman, J.: The Story of Purpose – The Path to Creating a Brighter Brand, a Greater Company and a Lasting Legacy, Hoboken 2013

[4] Fockenbrock, D.: Konzerne gründen Wertallianz. In: Handelsblatt, 19. August 2019

[5] Urmetzer, S., Pyka, A.: Innovation Systems for Sustainability. In: Filho, W.L. et al. (Hrsg.): Encyclopedia of the UN Sustainable Development Goals – Decent Work and Economic Growth, Cham 2019

[6] Competivation: Nachhaltigkeitsinnovationen

[7] Servatius, H.G.: Wettbewerbsvorteile durch die Gestaltung eines Nachhaltigkeitssystems. In: Thomaschewski, D., Völker, R. (Hrsg.), Nachhaltige Unternehmensentwicklung – Herausforderungen für die Unternehmensführung des 21. Jahrhunderts, Stuttgart 2016, S. 27-32

[8] Baugh, A.: Stakeholder Engagement – The Game Changer for Program Management, Boca Raton 2015

[9] Wintergerst, R.: Digitale Probleme meistern. In: Handelsblatt, 13. Februar 2020, S. 48

[10] Neuerer, D.: Gericht bremst Tesla-Projekt aus. In: Handelsblatt, 17. Februar 2020, S. 5

[11] Sigmund, T.: Willkommen in Absurdistan. In: Handelsblatt, 18. Februar 2020, S. 16

[12] Waddock, S. et al.: The Complexity of Wicked Problems in Large Scale Change. In: Journal of Organizational Change Management, 2015, S. 993-1012

[13] Head. B.W., Alford, J.: Wicked Problems – Implications for Public Policy and Management. In: Administration and Society, 2015, S. 711-739

[14] Knitterscheidt, K. et al.: Ein Molekül macht Karriere. In: Handelsblatt, 7./8./9. Februar 2020, S. 40-45

[15] Kaufmann, T., Servatius, H.G.: Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, Wiesbaden 2020

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