dreifache Neuausrichtung | Competivation
Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen

Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen

In den letzten Jahren hat die Bedeutung eines verbindenden strategischen Managements weiter zugenommen. Angesichts der dynamischen Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) und neuer geopolitischer Herausforderungen ist die Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. In diesem Zusammenhang erlebt der Begriff Hochleistung in Unternehmen und in der Politik eine Neuinterpretation. Ein wichtiges Handlungsfeld ist hierbei die gestaltende Managementforschung.

 

In unserem ersten Blogpost des Jahres 2026 beschäftige ich mich mit der Frage, was für Europa wichtige Handlungsfelder von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen sind.

 

Hochleistung in Unternehmen und in der Politik neu interpretiert

Für Jeanette zu Fürstenberg, die Europa-Verantwortliche des US-Fonds General Catalyst, besteht eine Chance für den alten Kontinent in der Verbindung von Startups mit der Welt der etablierten Industrieunternehmen. Zu ihren erfolgreichen Investments gehören Mistral in Frankreich und das Rüstungsunternehmen Helsing in Deutschland. Der Fokus dieser Unternehmen liegt auf einer Künstlichen Intelligenz (KI), die hochspezialisiertes Anwendungswissen nutzt. Ihre Publikation „Wie gut wir sind, zeigt sich in Krisenzeiten“ wurde 2025 Managementbuch des Jahres. Die Grundlage für ein europäisches Hochleistungssystem, mit dem eine Reindustrialisierung gelingen kann, bildet für sie Resilienz, die es ermöglicht, sich nach externen Schocks so schnell wie möglich zu erholen.1 2025 hat die Zahl der in Deutschland gegründeten Startups einen Rekordwert erreicht.

Das Thema Hochleistungsorganisation ist nicht neu. Dabei werden Hochleistungsorganisationen durch Hochleistungsteams geprägt. Bereits in den 1950er Jahren hat das britische Tavistock-Institut mit dem soziotechnischen Systemansatz eine erste Grundlage entwickelt. Die Ergebnisse von Beratungsprojekten zu Merkmalen von Hochleistungsorganisationen habe ich1988 in einem Artikel der Zeitschrift Harvard Manager beschrieben. Eine wichtige Erkenntniss ist, dass eine visionäre Führung den Rahmen für stärker selbstorganisiert arbeitende Teams schafft.2

Die McKinsey-Berater Jon Katzenbach und Douglas Smith beschäftigten sich mit der Frage, was Hochleistungsteams kennzeichnet.3 Die weitere Entwicklung hat jedoch gezeigt, dass sich die empirische Forschung trotz großer Anstrengungen mit der Gestaltung von Hochleistungsorganisationen schwertut.4 Durch KI bekommt das Performance Management nun neue Impulse zu einer besseren Verbindung zwischen Strategieumsetzung und Motivation.5

Lernprozess Innovationsstrategie

Inzwischen dominieren US-Tech-Konzerne mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Weltwirtschaft. Ende 2025 kommen 61 der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt aus den USA. Die Dominanz der USA resultiert aus einer einmaligen Stärke von sieben Tech-Giganten, die zusammen einen Börsenwert von 18,3 Billionen Euro erzielen. Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist der Hype um Künstliche Intelligenz (KI). Deutschland ist im Top-100-Ranking mit den Unternehmen SAP (Rang 40), Siemens (72), dem europäischen Gemeinschaftsunternehmen Airbus (91) und der Allianz (100) vertreten. Angesichts der geopolitischen Veränderungen stellt sich bei dieser Machtkonzentration die Frage, wie groß die Gefahr einer Abhängigkeit von den USA ist.6 Bei KI-Chips nimmt für den Marktführer Nvidia der Wettbewerbsdruck zu.

KI-Chips werden immer leistungsfähiger, aber gleichzeitig steigt durch KI das Desinformationsrisiko. Der KI-Chiphersteller Nvidia hat mit einem Weltmarktanteil von 85,2% eine dominierende Position vor Broadcom (10,3%), Marvell (2,1%) und AMD (1,8%). Der Herausforderer AMD und Meta haben ein neues KI-System für Rechenzentren angekündigt (Helios-Plattform), das eine signifikante Leistungssteigerung bringen soll. Nvidia kontert mit der neuen Chipgeneration Rubin.7

Ein Vertrauensverlust droht allerdings bei KI durch das Risiko von Desinformationen aufgrund von Fake Accounts. Dabei fälschen KI-Bots Inhalte, imitieren Personen und posten automatisiert in sozialen Medien. Solche Deepfakes können große wirtschaftliche Schäden anrichten und z.B. den Ruf einer Marke ruinieren.8

Große Sprachmodelle und kostenlose KI-Tools führen nicht selten zu Qualitäts- und Vertrauensverlusten, da sie nicht auf Hochleistung trainiert sind, sondern auf die Produktion von Durchschnittswissen. Wenn KI-Anwender unter Zeitdruck stehen und keine Qualitätsstandards existieren, kann „KI-Brei“ (AI Workslop) entstehen. Zwar liegen so schneller Ergebnisse vor, aber die Qualität sinkt. Mögliche Folgen sind Reputations- und Vertrauensverluste. Wichtig beim Einsatz von KI ist daher nach einer Qualitätskontrolle die fachliche Ergänzung von Inhalten.9

Durch KI und geopolitische Herausforderungen erlebt der Begriff Hochleistung eine Neuinterpretation. Denn nicht jede KI ist vertrauenswürdig. Unter einem vertrauenswürdigen Hochleistungssystem verstehen wir ein System (z.B. ein Unternehmen, eine Region oder einen Staat), das im Vergleich zum Wettbewerb sehr hohe Leistungen erbringt und dem die Empfänger der Leistungen trauen. Außerdem sind diese Leistungsempfänger bereit und in der Lage, für die Leistungen zu zahlen. Hochleistungssysteme müssen daher ihre höheren Preise rechtfertigen (z.B. durch „German Quality“, technische Überlegenheit oder eine Luxusmarke).

Hochleistung neu interpretiert bedeutet, dass Hochleistungssysteme sowohl durch Erfolge als auch durch ein vertrauenswürdiges Verhalten gekennzeichnet sind. Ist weder das eine noch das andere der Fall, sprechen wir von einem Systemversagen. Die meisten soziotechnischen Systeme befinden sich irgendwo dazwischen. Interessant sind die Fälle, bei denen nur eines der beiden Kriterien erfüllt ist. Ein gefährdetes vorhandenes Erfolgsmuster liegt vor, wenn ein bislang erfolgreiches System wie z.B. das der KI-Champions an Vertrauen verliert. Hieraus könnte sich eine Übergangsphase mit neuen Chancen ergeben, wenn z.B. das bislang bei der Digitalisierung weniger erfolgreiche Europa mit Vertrauen punktet.

Lernprozess Innovationsstrategie

Der in Oxford lehrende britische Professor für Globalgeschichte Peter Frankopan sieht die Welt in einer Übergangsphase wie in den 1920er Jahren, in der die alte Ordnung noch nicht tot ist und eine neue noch nicht geboren wurde.10

Die Frage ist daher, wie Europa seine Chancen nutzen und zum Gestalter von vertrauenswürdigen Hochleistungssysteme werden kann.

 

Strategische Neuausrichtung in einer Phase des Übergangs

In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 haben Dax-Unternehmen sechs Milliarden Euro für Restrukturierungen aufgewendet. Die höchsten Restrukturierungskosten gab es 2025 bei Mercedes (1,4 Mrd. €), Volkswagen (900 Mill. €) sowie Siemens und der Commerzbank (jeweils 500 Mill. €). Besonders betroffen sind die Branchen Automobil, Maschinenbau und Chemie. In der deutschen Industrie waren Ende September 2025 120.300 Menschen weniger beschäftigt als ein Jahr früher. Dabei setzen viele Unternehmen auf üppige Abfindungen. Häufig folgt auf eine Restrukturierungsrunde die nächste, ohne die grundlegenden Probleme zu lösen. Hierzu müsste nach einer Restrukturierung eine strategische Neuausrichtung stattfinden.11

Der Begriff strategische Neuausrichtung eines Unternehmens (Realignment) beschreibt einen innovativen Ansatz zur Abstimmung vorhandener und neuer Systemelemente (z.B. Geschäftsmodell, Strategie, Technologien, Kunden, Kompetenzen, Organisation, Kultur und Umfeld). Neuausrichtungen entfalten ihre tiefgreifende Wirkung meist über einen längeren, nicht klar bestimmten Zeitraum in vielen parallelen Lernschritten. Eine wichtige Rolle spielen dabei komplexe Interaktionen, aus deren Verlauf sich spezifische Muster ergeben, die schwer prognostizierbar sind.12

In einer Phase des Übergangs müssen Unternehmen komplexe Prozesse der Neuausrichtung bewältigen. In einem erfolgreichen, innovativen Unternehmen sind wichtige Systemelemente gut aufeinander abgestimmt. Dieses Alignment erfolgt häufig durch Feinabstimmungen, bei denen das Management z.B. die Strategie kontinuierlich an Veränderungen des Umfelds anpasst. Wenn dies unterbleibt, entwickelt sich das Unternehmen in Richtung auf ein Misalignment. Diesen schleichenden Niedergang erkennen Management und Aufsichtsgremium oft zu spät. Das Ergebnis ist ein etabliertes Unternehmen in einer Dauerkrise, die eine Restrukturierung erforderlich macht.

Die Begriffe Restrukturierung und Transformation werden inzwischen häufig synonym verwendet. Beide Begriffe beschreiben einen zeitlich befristeten, umfassenden Wandel. Die inflationäre Verwendung des Transformationsbegriffs vermittelt leider die Illusion einer zeitlichen Begrenztheit komplexer Neuausrichtungsprozesse. Am Beispiel der Künstlichen Intelligenz wird deutlich, dass ein solches statisches Weltbild naiv ist.

Lernprozess Innovationsstrategie

Ein längerfristiges Ziel von strategischen Neuausrichtungen ist die Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen.

 

Handlungsfelder von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen

Bei zunehmenden Polarisierungen zeichnen sich Hochleistungssysteme durch die Fähigkeit eines verbindenden Gestaltens aus. Die Geschichte lehrt uns, dass in Phasen technologischer und politischer Umbrüche die Gefahr einer Polarisierung zunimmt. Dies gilt auch für die von Künstlicher Intelligenz (KI) ausgehenden Veränderungen. Entscheidend ist, dass Menschen sich selbst dabei als aktive Gestalter und nicht als passive Objekte des Wandels sehen. Die Komplementarität von Mensch und KI ist ein gestaltbares System. Die Leistungsfähigkeit eines solchen Systems hängt von der Fähigkeit ab, Verbindungen zwischen den Akteuren und den Systemelementen zu verbessern. Im Rahmen unserer anwendungsorientierten Forschung und Lehre gehen wir von der These aus, dass es bei der Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen auf die folgenden, in der Abbildung dargestellten Handlungsfelder ankommt:

  • Ein verbindendes strategisches Management zur dreifachen Neuausrichtung
  • Hochleistungsteams mit einem dynamischen Selbstbild in einer Phase des Übergangs
  • die Verbindung von vertrauenswürdigen Partnern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sowie
  • eine gestaltende Managementforschung in Reallaboren des Wandels.

Eine interdisziplinäre Hochschullehre steht vor der Aufgabe, für diese Felder die relevanten Kompetenzen zu vermitteln, z.B. beim Thema Unternehmertum für KI-Anwendungen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Im Folgenden gehe ich auf diese Handlungsfelder und Kompetenzen näher ein.

 

Verbindendes strategisches Management zur dreifachen Neuausrichtung

Neue Herausforderungen haben seit den 1960er Jahren zu verschiedenen Entwicklungsstufen des strategischen Managements geführt.13 Wir unterscheiden zwischen

  • einer markt- und finanzorientierten Stufe (Strategie 1.0)
  • einer technologie- und innovationsorientierten Stufe (Strategie 2.0)
  • einer nachhaltigkeitsorientierten Stufe (Stratege 3.0) und
  • einer resilienzorientierten Stufe (Strategie 4.0).

In der gegenwärtigen fünften Entwicklungsstufe (Strategie 5.0) liegt die Herausforderung in einer Verbindung der früheren Stufen. Unternehmen müssen gleichzeitig resilienter, digitaler und nachhaltiger werden.14 Dies erfordert ein verbindendes Gestalten von dreifachen strategischen und organisatorischen Neuausrichtungen. Ein solches Triple Realignment erfolgt im Rahmen von gravierenden Veränderungen des politischen Umfelds. Die gegenwärtige Situation ist historisches Neuland. Daher spielt die kontextuelle Intelligenz des Managements eine wichtige Rolle.15

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Die deutsche Politik sollte mit grundlegenden Reformen den Rahmen für ein verbindendes strategisches Management schaffen. Als sich 2018 erste Zeichen einer gesamtwirtschaftlichen Schwäche zeigten, waren dies Vorboten der schwersten und längsten Industrierezession, die die Bundesrepublik erlebt hat. Die deutsche Industrie hat inzwischen stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Experten fordern neue Ansätze zu einer angebotsorientierten Innovationspolitik und eine Kommunikation, die die Notwendigkeit eines Kurswechsels vermittelt. Die Politik muss die versprochenen grundlegenden Reformen umsetzen. Ein solcher Aufbruch gelingt nur mit Verbundenheit anstelle von Polarisierung.16

In diesem Umfeld erlebt das resilienzorientierte strategische Management einen Bedeutungszuwachs.17 Beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos sind die unterschiedlichen Positionen des US-Präsidenten und der europäischen Vertreter aufeinander geprallt.18 Der kanadische Premierminister Mark Carney regt an, dass sich in einer Welt, in der Großmächte zu Imperialisten werden, die andere Staaten erpressen, Mittelmächte und kleinere Länder vertrauenswürdige Partnerschaften bilden sollten.19

Eine solche Zusammenarbeit spielt nicht nur auf der geopolitischen Ebene eine entscheidende Rolle, sondern auch in Hochleistungsteams.

 

Hochleistungsteams mit einem dynamischen Selbstbild in einer Phase des Übergangs

Black Forest Lab (BFL), das gegenwärtig wertvollste deutsche KI-Startup, kommt aus Freiburg, wurde 2024 gegründet und entwickelt KI-Modelle zur Bildgenerierung ausgehend von Texten. Die Gründer gehören zum Kernteam des Open-Source-KI-Modells Stable Diffusion, dem Text-Bild-Modell, das digitale Bilder aus Texten generiert und 2022 neben ChatGPT den weltweiten KI-Hype auslöste. Die Flux-Modelle von BFL sind inzwischen einer der größten Konkurrenten von Google. Wichtige Impulse für die Arbeit des Gründerteams sind von dem an der LMU München lehrenden Informatik-Professor Björn Ommer ausgegangen. Das Beispiel zeigt, dass auch beim Thema KI in Deutschland Hochleistungsteams entstehen können.20

Neue Ideen und die Gestaltung von etwas Neuem gehen häufig von Personen aus, die einen Flow-Zustand als motivierend empfinden. Den Begriff Flow (im Sinne von „im Fluss sein“) hat der Psychologie-Professor Csikszentmihalyi bereits 1975 geprägt. Gemeint ist damit das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, die meist mit hoher intrinsischer Motivation erfolgt und bei der sich die Zeitwahrnehmung verändert. Interviews, in denen herausragende kreative Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen auf ihr Arbeitsleben zurückblicken, zeigen, dass bei diesen die Motivationswirkung vor allem von dem kreativen Prozess ausgeht. Die Grundlagen für mögliche Flow-Zustände entstehen bei vielen Menschen häufig bereits in deren Jugend ausgehend von ihrem dynamischen Selbstbild.21

In ihrem Buch Growth Mindset unterscheidet die Stanford-Professorin Carol Dweck zwischen einem statischen und einem dynamischen Selbstbild.22 In der folgenden Abbildung sind diese beiden Selbstbilder gegenübergestellt. Hochleistungssysteme haben häufig Führungskräfte mit einem dynamischen Selbstbild. Ein wichtiges Kennzeichen ist, dass diese Menschen zwar ihre Talente kennen, aber stärker auf deren Weiterentwicklung und Lernprozesse setzen. Demgegenüber hoffen Menschen mit einem statischen Weltbild stärker auf die Wirkung ihrer angeborenen Talente.

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Der Microsoft-Chef Satya Nadella schreibt, das Buch habe seine persönliche Entwicklung stark geprägt.23

Das Selbstbild einer Person und ihr Umfeld sind eng miteinander verbunden. Daher entsteht Hochleistung aus einem Zusammenspiel. Die Sozialpsychologin Mary Murphy hat das Selbstbild-Konzept auf Organisationen, ihre Kultur und das sie umgebende Umfeld erweitert:24

  • Danach fördere eine Wachstumskultur das Potenzial aller Mitarbeitenden. Diese Kultur betont Zusammenarbeit, kontinuierliches Lernen und die Entwicklung von Fähigkeiten
  • Eine Geniekultur glaube hingegen an angeborene Talente. Dies führe zu internem Wettbewerb, Risikoaversion und einer geringen Bereitschaft, Fehler zuzugeben.

Handlungsempfehlungen für Führungskräfte sind

  • psychologische Sicherheit schaffen und
  • konstruktives Feedback geben.

Eine vereinfachende Anwendung dieses Ansatzes in der Praxis unterschätzt allerdings die Komplexität der Umsetzung. Dies kann zu einer Demotivation von außergewöhnlichen Talenten führen.

Somit stellt sich die Frage, ob es in Deutschland aktuelle Erfolgsbeispiele für eine Wachstumskultur gibt. Zum Symbol für verbindendes Gestalten ist ein Brückenneubau in Südwestfalen geworden. Die Autobahn Sauerlandlinie ist die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen dem Ruhrgebiet und Hessen. Wegen Einsturzgefahr musste die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid, wo ich aufgewachsen bin, im Dezember 2021 plötzlich gesperrt und später gesprengt werden. Für die Wirtschaft mit ihren vielen Hidden Champions und die Menschen in der Region war das eine Katastrophe. Täglich mussten 20.000 Fahrzeuge über Umgehungsstraßen und durch Wohnsiedlungen umgeleitet werden. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert den Schaden für Betriebe auf rund 1,5 Milliarden Euro. Ein Neubau dauert in Deutschland normalerweise etwa acht bis zehn Jahre. Über die eine Seite der A45-Brücke rollt der Verkehr aber schon wieder nach rekordverdächtigen vier Jahren. Möglich wurde dies durch eine reibungslose Zusammenarbeit der Akteure, ein neues Planungsverfahren und innovative Baumethoden. Der Bundeskanzler sieht hierin ein Vorbild für andere Sanierungen und für den NRW-Ministerpräsidenten heißt der neue Maßstab für Umsetzungsgeschwindigkeit in Deutschland „Rahmede“.25

Wir können daher zusammenfassen, dass die Kultur von soziotechnischen Systemen stark durch das Selbstbild wichtiger Akteure und vorherrschende Gestaltungsmuster beeinflusst wird.

Lernprozess Innovationsstrategie

Hochleistungskulturen sind durch ein dynamisches Selbstbild und verbindendes Gestalten geprägt. Das Gegenteil ist eine Silo- oder im Extremfall Niedergangskultur. Hier dominieren ein statisches Selbstbild und abgrenzendes Gestalten. Beschreibungen von herausragenden Führungspersönlichkeiten heroisieren häufig eine Einzelkämpferkultur. Diesen Personen wird zwar ein dynamisches Selbstbild zugeschrieben. Gleichzeitig entsteht aber der Eindruck, ihre Erfolge seien im Alleingang und in Abgrenzung zu anderen Personen erzielt worden, was so meist nicht der Fall ist. In Deutschland verbreitet war bis vor einigen Jahren eine Selbstzufriedenheitskultur. Man ruhte sich auf den Erfolgen der Vergangenheit aus, das Selbstbild in Politik und Wirtschaft war aber eher statisch und wenig auf die Zukunft gerichtet.

Von Führungskräften geht dabei eine Vorbildwirkung aus. Ihr dynamisches Selbstbild überträgt sich auf die Mitarbeitenden. Umgekehrt sind Führungskräfte mit einem statischen Selbstbild und abgrenzendem Verhalten für das Entstehen von toxischen Kulturen verantwortlich. Ihre Machtposition ermöglicht es Ihnen, Konkurrenten und Mitarbeitende mit einem dynamischen Selbstbild, das sie als Bedrohung empfinden, zu verdrängen. Die Rolle von Beratern ist leider häufig, die Machtposition der „Statiker“ zu sichern und auszubauen. Versuche der Externen, statische Selbstbilder zu verändern, stoßen meist auf Ablehnung und scheitern. Eine Überprüfung der dysfunktionale Selbstbilder von Führungskräften ist daher Aufgabe von Aufsichtsgremien, die rechtzeitig Konsequenzen ziehen müssen. Geschieht dies nicht, droht ein Systemversagen.

Auf dem Weg zu einem Hochleistungssystem befindet sich Europa gegenwärtig in einer schwierigen Lage.

 

Verbindung von vertrauenswürdigen Partnern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Europa benötigt zunächst ein Resilienzprogramm gegen seine Feinde von außen und innen. Der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama geht davon aus, dass der Trumpismus auch ohne Trump fortbestehen wird. Für offene demokratische Gesellschaften sei das eine brandgefährliche Entwicklung. Er befürchtet einen Rückfall in die Weltordnung des 19. Jahrhunderts. Daher käme es darauf an, dass die westlichen Gesellschaften genügend Widerstandskraft entwickeln. Es sei auch zu berücksichtigen, dass die Tech-Milliardäre primär nach ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen handeln. Die größte Gefahr für Europa sei Resignation.26

Marc Tüngler, der Chef der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, beklagt den fehlenden Rückenwind aus der Politik, der für Innovationen und die Neuaufstellung der Wirtschaft notwendig sei. Deutschland sei z.B. beim Strompreis international nicht mehr wettbewerbsfähig. Verantwortlich dafür sei die Politik. Wichtige Hebel wären daher eine verbesserte Standortpolitik und ein innovationsfreundlicheres Klima. Von dem notwendigen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik seien wir weit entfernt. Für 2026 erwartet er von der Politik ein Jahr der Entscheidungen.27

In seinem Buch „Wir Krisenakrobaten“ beschreibt Stephan Grünewald, der Mitgründer des Kölner Meinungsforschungsunternehmens Rheingold die Hoffnung auf Selbstwirksamkeit, die es unserer Gesellschaft ermöglichen würde, die Vielzahl der gegenwärtigen Krisen zu meistern. Seine Empfehlung besteht in sechs Punkten:

  1. Wahrhaftigkeit (klare Benennung von Problemen)
  2.  Fokussierung (erfolgreiche nationale Projekte)
  3. Beteiligung (den eigenen Beitrag deutlich machen)
  4. Fairness (Zumutungen müssen als gerecht empfunden werden)
  5. Streitkultur (produktiver mit Perspektivwechseln umgehen) und
  6. Verbundenheit, (die wieder neu gelernt werden muss).

Gegenwärtig würde leider noch ein Silodenken vorherrschen („Silodarität“).28

Um neuer Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft zu werden, ist Martin Keller aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt. In der Gemeinschaft arbeiten 18 selbstständige Forschungszentren mit fast 48.000 Menschen und einem Etat von mehr als sechs Milliarden Euro. Keller möchte mit einem Plan for Action erreichen, dass Deutschland in ausgewählten Innovationsfeldern weltweit führend bleibt oder wird. Hierzu sei eine engere Zusammenarbeit notwendig, z.B. im Rahmen von Public-Private-Partnerships (PPP), in denen Politik, Forschung und Unternehmen kooperieren, um so wettbewerbsfähiger zu werden. Er meint, es sei an der Zeit, alte Strukturen aufzubrechen.29

In seinem Buch „Visionen braucht das Land“ fordert der Mitinitiator der Zukunft-Fabrik 2050 Jochen Andritzky von der Politik die Entwicklung von Zukunftsbildern, über die man diskutieren kann und die Orientierung geben: Dieser Ansatz sei erfolgversprechender als kurzfristige Scheinlösungen zur Symptombekämpfung.30 Eine solche Rückbesinnung auf die Kraft von Visionen liefert wichtige Impulse für die Managementforschung, die sich in der Vergangenheit oft mit inkrementellen Verbesserungen zufrieden gegeben hat. Die gestaltende Managementforschung strebt hierbei eine stärkere Praxisorientierung an.

 

Gestaltende Managementforschung in Reallaboren des Wandels

Aus einem Forschungsprojekt bei Würth ist ein KI-Startup hervorgegangen, das das Handwerk revolutionieren könnte. Ziel des Forschungsprojekts des Großhändlers von Montage- und Befestigungsmaterial Würth und des KI-Labs der TU München war es, Anfragen von Handwerkskunden im Vertrieb schneller zu bearbeiten. Hieraus ist im März 2024 die Ausgründung Mercura AI entstanden, die mit Hilfe von KI versucht, mehrere Probleme zu lösen:

  • Eine Bewältigung des Fachkräftemangels
  • die Produktivitätssteigerung bei Aufgaben mit hoher Komplexität und
  • eine schnellere Bearbeitung von Anfragen und Angeboten.

Mercura AI kombiniert semantische Modelle, das Erkennen von Anforderungen,
unternehmensspezifische Regeln und das Lernen aus bisherigen Angeboten. Dabei verarbeitet die Software neben Text auch Sprache. Die Gründer haben KI-Kompetenz mit Branchenerfahrung verbunden. Das Beispiel zeigt, welches Potenzial eine gestaltende Managementforschung in Unternehmen hat.31

Wichtige Impulse für die gestaltende Managementforschung sind von dem Nobelpreisträger Herbert Simon ausgegangen. Sein 1969 erschienenes Buch „The Sciences of the Artificial“ ist nicht nur ein Grundlagenwerk für KI, sondern hat auch die Design-Theorie stark geprägt. Die Grundidee ist, dass es neben den Naturwissenschaften eine universelle Wissenschaft des Gestaltens gibt. Hieraus hat sich die Design-Methoden-Bewegung entwickelt. Mit einer Gestaltung des Möglichen (contingent) beschäftigen sich nicht nur die Technikwissenschaften, sondern auch die Managementwissenschaft. In den Technikwissenschaften ist die Gestaltung von Neuem ein selbstverständliches Ziel. In den Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften hat die von Menschen ausgehende Komplexität einzelner Systeme und Subsysteme eine spezifische Vielfalt, die rein empirisch schwer zu erforschen ist. Die bahnbrechende Arbeit von Simon betont die Interdisziplinarität des Gestaltens.32

Reallabore des Wandels eröffnen für die Managementforschung neue Möglichkeiten. Unter einem Reallabor (Living Lab, Real World Lab oder Sandbox) versteht man einen Forschungs- und Anwendungsraum in der realen Welt, in dem z.B. Unternehmen mit ihren Partnern innovative Geschäftsmodelle gestalten. Dabei verbinden sie Forschen, Lernen und Handeln, fördern die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ermöglichen die Erprobung neuer rechtlicher Rahmenbedingung (z.B. durch eine Anwendung von Experimentierklauseln). Das Konzept ist in den 1990er Jahren vor allem durch die Arbeiten des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bekannt geworden.33 In Europa möchte man mit Reallaboren vor allem moderne Formen der Regulierung schaffen (z.B. bei der Stadtentwicklung). In der Managementforschung werden Reallabore bislang relativ wenig angewendet. So dominieren bei Dissertationen empirische Ansätze. Der Vorteil von Reallaboren liegt in einer besseren Verbindung von Theorie und Praxis.

Eine gestaltende Managementforschung findet nicht nur an Hochschulen, sondern auch stärker in der Praxis statt. Hochschullehrer betreuen zunehmend gestaltungsorientierte Forschungsansätze von Mitarbeitenden in deren Unternehmen. Angewendet wird dieser Ansatz vor allem bei Bachelor- und Masterarbeiten in dualen Studiengängen, in denen das Studium parallel zu einer Tätigkeit in der Praxis organisiert ist. In der Vergangenheit ist dies häufiger auch in externen Dissertationen und Habilitationen z.B. von Managementberatern erfolgt. Der Fokus lag hier stärker auf praktischer Relevanz. Die Lösung komplexer Probleme erfordert eine Forschung durch interdisziplinäre Teams, deren Mitglieder dann ihren Abschluss in ihrem jeweiligen Fachgebiet erhalten. Hochschulen sollten gemeinsam mit Praxispartnern derartige Projekte in Programmen zusammenfassen, die auch aufeinander aufbauen können (z.B. zur Gestaltung einer souveränen KI aus Europa).34

In der folgenden Abbildung sind verschiedene Ausprägungsmöglichkeiten einer gestaltenden Managementforschung zusammengefasst. Hierbei unterscheiden wir zwischen der Abschlussart, dem Beschäftigungsverhältnis des Forschenden sowie den Projekt- und Programmformen. Für eine berufsbegleitende Promotion des Mitarbeitenden einer Beratung bietet es sich z.B. an, die Ergebnisse von Projekten aus mehreren Organisationen zu vergleichen und daraus neue Erkenntnisse abzuleiten. Wichtig bei diesem Forschungsansatz erscheint, dass gestaltungsorientierte Forschungsprojekte ausgehend von den theoretischen Grundlagen35 der Fokus nun stärker auf einer konkreten Anwendung in der Praxis liegt.

Lernprozess Innovationsstrategie

2026 werden wir diesen Ansatz der Managementforschung im Rahmen der Gestaltung von Hochleistungssystemen weiterentwickeln, in denen Vertrauenswürdigkeit zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil geworden ist. Ein Vorbild ist dabei das Startup-Ökosystem in München, von dem andere Regionen lernen können.36

 

Fazit

  • Hochleistungssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie sowohl erfolgreich als auch vertrauenswürdig sind. In der gegenwärtigen Übergangsphase sollte Europa dies als Chance nutzen
  • Hierzu müssen Unternehmen komplexe Prozesse einer Neuausrichtung bewältigen und sowohl resilienter als auch digitaler und nachhaltiger werden
  • Ein solches verbindendes strategisches Management (Strategie 5.0) ist eines der Handlungsfelder von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen
  • Ein weiteres Handlungsfeld ist die Förderung von Hochleistungsteams mit einem dynamischen Selbstbild
  • Dies erfordert vertrauenswürdige Partner und einen stärkeren Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik
  • Reallabore des Wandels eröffnen neue Möglichkeiten für eine gestaltende Managementforschung.

 

Literatur

[1] zu Fürstenberg, J., Kloepfer, I., Wie gut wir sind, zeigt sich in Krisenzeiten – Ein Weckruf, Piper 2025

[2] Servatius, H.G., Eine Organisation auf Leistung trimmen. In: Harvard Manager, 1988, Nr. 4, S. 128-134

[3] Katzenbach, J.R., Smith, D.R., The Wisdom of Teams – Creating the High Performance Organization, Harvard Business School Press 1993

[4] de Waal, A., What Makes a High Performance Organization, Warden Press 2019

[5] Servatius, H.G., KI als Werkzeug für das strategische Management. In: Competivation Blog, 01.05.2025

[6] Sommer, U., US-Konzerne sind so stark wie nie. In: Handelsblatt, 29. Dezember 2025, S. 1, 4-6

[7] Alvarez de Souza Soares, P., Holtermann, P., AMD will Nvidias Monopol beenden. In: Handelsblatt, 7. Januar 2026, S. 18-19

[8] Knees, C., Desinformation als Geschäftsrisiko. In: Handelsblatt, 7. Januar 2026, S. 20-21

[9] Merten, M., Unternehmen versinken in KI-Schrott. In: Handelsblatt, 9. Januar 2026, S. 20-21

[10] Frankopan, P., „Was hat Europa außer Handtaschen und Champagner?“ (Interview). In: Handelsblatt, 19./ 20./ 21. Dezember 2025, S. 12-13

[11] Fröndhoff, B., et al., Milliarden für den Umbau. In: Handelsblatt, 26. November 2025, S. 1, 4-5

[12] Servatius, H.G., Disruption der Management Education für KI-basierte Neuausrichtungen. In: Competivation Blog, 10.10.2025

[13] Servatius, H.G., Entwicklung und Wandel des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 19.09.2025

[14] Servatius, H.G., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 07.06.2024

[15] Servatius, H.G., Strategisch führen mit kontextueller und beziehungsorientierter Intelligenz. In: Competivation Blog, 14.03.2023

[16] Huchzermeier, D. et al., Wirtschaft im Reformstau. In: Handelsblatt, 2./ 3./ 4. Jamuar 2026, S. 1, 6-7

[17] Servatius, H.G., Resilienzorientiertes strategisches Management. In: Competivation Blog, 15.03.2024

[18] Meiritz, A., „Ein Nein werden wir uns sicherlich merken“. In: Handelsblatt, 22. Januar 2026, S. 1, 4-5

[19] Koch, M., Kann eine Allianz der Mittelmächte Trump bremsen? In: Handelsblatt, 22. Januar 2026, S. 5

[20] Bomke, L., Deutschlands KI-Hoffnung. In: Handelsblatt, 2. Dezember 2025, S. 1

[21] Czikszentmihalyi, M., Creativity – Flow and the Psychology of Discovery and Invention, Harper Collins 1996

[22] Dweck, C., Mindset – The New Psychology of Success, Random House 2006

[23] Nadella, S., Hit Refresh – The Quest to Rediscover Microsoft´s Soul and Imagine a Better Future for Everyone, Harper Collins 2017

[24] Murphy, M.C., Cultures of Growth – How the New Science of Mindset Can Transform Individuals, Teams and Organizations, Simon & Schuster 2024

[25] Herwig, M., Linnhoff, C., Neue A 45-Brücke freigegeben. In: Rheinische Post, 23. Dezember 2025, S. A6

[26] Fukuyama, F., „Der Trumpismus ist ein Aufschrei gegen die Moderne“ (Interview). In: Handelsblatt, 5./ 6./ 7. Dezember 2025, S. 12-13

[27] Tüngler, M., „Friedric Merz hat es – noch – in der Hand“ (Interview). In: Handelsblatt, 11. Dezember 2025, S. 22-23

[28] Grünewald, S., Wir Krisenakrobaten – Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft, Kiepenheuer & Witsch 2025

[29] Delhaes, D., Architekt eines deutschen Forschungsaufbruchs. In: Handelsblatt, 30. Dezember 2025, S. 13

[30] Andritzky, J., Visionen braucht das Land – Für eine langfristige Politik mit Mut zur Zukunft, Herder 2026

[31] Bomke, L., Mit KI das Handwerk revolutionieren. In: Handelsblatt, 7. Januar 2026, S. 26

[32] Simon, H.A., The Sciences of the Artificial, 3. Aufl., MIT Press 1996

[33] Mitchell, W.J., City of Bits – Space, Place, and the Infobahn, MIT Press 1995

[34] Servatius, H.G., KI und die Zukunft der Management Education. In: Competivation Blog, 09.04.2025

[35] Seckler, C., et al., Design Sciences Across Industries – Building Bridges for Advancing Impactful Business Research. In: Schmalenbach Journal of Business Research, 09. Dezember 2025

[36] Banze, S., Freisinger, G.M., Der München-Code. In: Manager Magazin, Februar 2026, S. 30-36

Triple strategic realignment

Triple strategic realignment

Many companies are currently facing the task of becoming more digital, more sustainable and more resilient. The automotive industry provides an example of this triple strategic realignment. The necessary complex process requires the change of a system of interconnected fields of action. The question arises as to how companies can succeed in mastering such a process together with politics, science and society.

 

In this blog post, I explain the difference between the terms transformation and realignment and explain why the concept of transformation is based on an outdated understanding of management that is unfortunately still widespread.

 

Automotive companies that need to become more digital, sustainable and resilient

Established automotive companies are in the fifth development stage of a connective strategic management,1  in which they must become more digital, more sustainable and more resilient. So far, management theory and practice have provided little guidance for such a triple realignment. However, it is becoming increasingly clear that the idea of a comprehensive, temporary transformation is illusory and will not lead to the desired results.

When we published our book on the ecological reorientation of automotive companies in 1994, we never thought that the mobility turnaround in Germany would take so long.2 Ultimately, a strategic reorientation towards sustainable forms of propulsion only came about in response to political and competitive pressure. Traditional companies in the industry are now facing a threat from disruptive stakeholder ecosystems.3 They are looking for suitable answers and are preparing for a complex change with various options.

Digitalization is the second important area of realignment and is being driven primarily by large tech companies and start-ups. It has taken place in various waves and affects both the automotive product and key business processes. Digital technologies have the character of game changers, which the general public has become aware of at the latest since the hype surrounding generative artificial intelligence (AI).4 The design of innovative stakeholder ecosystems is also crucial in this field. Trustworthy AI certainly opens up opportunities for Europe.

Parallel to these developments, the geopolitical crises have increased the importance of a resilience-oriented realignment.5 The focus here is on improving the resilience of Western companies in the various stages of value creation. Relevant fields include raw materials, batteries, semiconductors and AI applications. For example, the leading US chip manufacturer Nvidia is heavily dependent on the Taiwanese contract manufacturer TSMC.6 This example shows that although this third dimension of realignment is linked to the other dimensions, it requires specific approaches.

The following diagram illustrates the three dimensions of realignment. The specific approaches relate to the transitions

– from analog to digital, but also trustworthy

– from primarily financially oriented to sustainable, but also realistic and

– from dependent to resilient but also strategic.

This is a key challenge for the European economy and politics in the coming years.

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To this end, it is important to understand the difference between the widely used term transformation and the term realignment.

 

Difference between transformation and realignment

The term transformation has a long history of development. As early as 1944, Karl Polanyi used it as a political term of struggle to express his demand for a change in the capitalist system.7 In the 1990s, consultants understood the term transformation of organizations to mean comprehensive change.8 In doing so, they sought to differentiate themselves from the reengineering concept, which was perceived as too mechanistic. Today, transformation has become a buzzword with unclear content. This is clearly illustrated by the current term twin transformation, which suggests that digital and green change have a twin character. 9

In order to bring clarity to this confusion of terms, we differentiate between a temporal and a content dimension in organizational change. We define transformation as a temporary, comprehensive change. This brings a transformation task close to restructuring and is now also interpreted in this sense by many management consultants. In contrast, we understand realignment as a longer-term, specific change, e.g. with a focus on digitalization, sustainability or resilience.

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The idea that a digital transformation is possible in the short term and comprehensively underestimates the complexity of the task. We believe this idea is illusory. Such a transformation illusion is the cause of many failures.

The term alignment of a company describes a well-coordinated connection of important system elements (e.g. business model, strategy, innovation, core competencies, organization, IT systems, culture and stakeholders) with regard to a common vision and purpose. In the course of their development, such alignment has been lost in many companies and at the same time the task of realignment in the sense of a realization arises.10

Based on these definitions, I would like to explore the question of what the complexity of a triple realignment consists of and what approach companies can use to overcome this complexity.

 

Complexity of a triple realignment

A key finding is that the complexity of a triple realignment lies in the connection of different fields of action. This triple realignment requires the change of a complex system. The transformation illusion consists of the assumption that such a change is possible with the help of one-off top-down planning. This mechanistic strategy paradigm is outdated and has now been superseded by a new paradigm that focuses on managing complexity.11 The diagram shows important fields of action for such a

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Over the past sixty years, strategic management has developed in five stages. Strategy 5.0 connects the development stages. Companies manage this connectivity in various fields of action. A common vision plays an important role here as a bracket for an innovation, sustainability and resilience strategy. The focal points of a realignment of business models result from these strategies.

A second field of action is responding to or shaping disruptive stakeholder ecosystems. The research and development (R&D) management of companies, together with stakeholders from politics, science and society, is aimed at achieving competitive advantages in innovative technologies.

Field of action number three is digital, sustainable and resilient value creation. A current topic here is increasing productivity with AI-based business processes and knowledge-intensive applications. This topic affects almost all sectors and company sizes.

Mastering these fields of action requires a change in human resource management and culture as well as the development of new skills. Important impetus for overcoming complexity comes from connective leadership with agile methods, which start-ups and digital champions have implemented more consistently than established companies.

There is a close connection between this and changes in the organization, IT architecture and project management. Established companies find it difficult to transfer the concept of a platform organization with agile teams developed by digital champions to their own situation.

Action area number six is value enhancement with financial and non-financial reporting. Many companies limit themselves to a reactive approach in order to comply with new sustainability guidelines. It makes more sense to see sustainability as an opportunity for innovation.

A promising approach to this triple realignment, which connects various fields of action, is based on a breakdown into phases and learning loops. This approach differs fundamentally from rigid roadmap concepts,12 which are widely used in the literature but have often failed in practice.

 

Procedure for a triple realignment

Structuring the approach of complex tasks into phases and learning loops is based on the action learning model, which also forms the basis for agile methods. Similar to the scaling of agile teams, the challenge here is to bring the entire organization together in an iterative process. In practice, it has proven useful to divide each of the learning loops into the six phases shown in the diagram.

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A realignment begins with an analysis of the company’s specific initial situation combined with a look into the future (foresight). Particular attention should be paid to the early recognition of possible radical changes. This requires a high level of contextual intelligence in order to correctly assess the complexity of external developments.

In the next phase, the task is to develop a vision for a triple realignment. One trigger may be the need to overcome crises and regain resilience. For many companies, the topic of sustainability has a meaningful effect. Digital technologies provide the potential for renewal. It is crucial to involve employees in this process and to credibly convey a spirit of optimism that provides the positive energy for the subsequent phases.

The vision forms the framework for prioritizing the dimensions of digital, sustainable and resilient as well as the fields of action for a realignment. In an initial learning loop, the company works on the challenges with the highest priority. Lower-priority tasks are completed according to the same pattern in later learning loops. This iterative approach makes an important contribution to overcoming complexity. Management often reassesses the current situation of the company and its environment after each learning loop.

In many companies, a triple realignment fails due to the existing governance model. By governance, we mean the interplay between human resource management, culture, organization and control. The supervisory board must ensure that the governance is suitable for changing this complex system and take appropriate measures if this is not the case. This fourth phase is therefore crucial to overall success. A misconceived approach to transformation contributes to an increased likelihood of joint failure between the board, management, employees and external advisors. It is possible that a restructuring may be necessary before the realignment. However, it is important to communicate this clearly and not hide behind a vaguely formulated transformation concept.

Another important hurdle is implementation in the form of programs and projects, which takes place in phase five. Coordinating the fields of action with the help of agile and transparent performance management has proven its worth here. A suitable approach is the Objectives and Key Results (OKR) method. This is used successfully by start-ups and successful digital giants, but still frequently encounters the barriers of a silo culture in established companies. In this respect, the success of the individual phases builds on each other. Without suitable governance in phase four, the coordination of the fields of action will not succeed. Feedback is therefore of great importance in this process.

The sixth and final phase is human resource development in the form of specific action learning by many. In view of the growing importance of generative AI, companies are increasingly faced with the question of how they should organize the further training of many employees during an ongoing digital realignment. As there has been nothing comparable in recent economic history, new approaches are needed here. These should start with school education. Unfortunately, Germany has largely missed out on this and is now facing the need to further develop its education system. However, the economy cannot wait for this and must take the initiative itself when it comes to human resource development.

Our practical experience shows that this approach has the character of a framework concept that each company must adapt to its specific situation. We support managers in this adaptation by combining consulting with personnel development. In this way, we achieve a better price-performance ratio for our clients than with traditional management consulting.

 

Conclusion

– Companies must currently master a triple strategic realignment and become more digital as well as more sustainable and resilient

– We understand the term realignment to mean a long-term, specific change

– The complexity of a triple realignment lies in the processing of different fields of action that are linked to each other

– In this form of change, an iterative process structured in phases and learning loops has proven its worth

 

Literature

[1] Servatius, H.G., Strategy 5.0 for mastering the new challenges. In: Competivation Blog, 28.06.2022

[2] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Pieper 1994

[3] Servatius, H.G., Designing innovative stakeholder ecosystems. In: Competivation Blog, 10.01.2023

[4] Kaufmann, T., Servatius, H.G., Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, SpringerVieweg 2020

[5] Servatius, H.G., Resilience-oriented strategic management. In: Competivation Blog, 15.03.2023

[6] Hofer, J. et al, Nvidia’s Taiwan risk. In: Handelsblatt, May 28, 2024, p.1, 4-5

[7] Polanyi, K., The Great Transformation – Political and Economic Origins of Societies and Economic Systems, Suhrkamp 1973

[8] Goullart, F.J., Kelly, J.N., Transforming the Organization, Mc Graw Hill 1995

[9] Christmann, A.S., et al, The Twin Transformation Butterfly. In: Business Information Systems Engineering, January 23, 2024

[10] Trevor, J., Re:Align – A Leadership Blueprint for Overcoming Disruption and Improving Performance, Bloomsbury 2022

[11] Servatius, H.G., With a strategy 5.0 to success with Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S.(Eds.), With digitalization and sustainability to a climate-neutral company, SpringerGabler 2023, pp.71-94

[12] Rogers, D.L., The Digital Transformation Roadmap – Rebuild Your Organization for Continuous Change, Columbia Business School Publishing 2023

Triple strategic realignment

Dreifache strategische Neuausrichtung

Gegenwärtig stehen viele Unternehmen vor der Aufgabe, digitaler, nachhaltiger und resilienter zu werden. Ein Beispiel für diese dreifache strategische Neuausrichtung liefert die Automobilindustrie. Der notwendige komplexe Prozess erfordert den Wandel eines Systems verbundener Handlungsfelder. Es stellt sich die Frage, wie es Unternehmen gemeinsam mit der Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gelingen kann, einen derartigen Prozess zu meistern.

 

In diesem Blogpost erläutere ich den Unterschied zwischen den Begriffen Transformation und Neuausrichtung und begründe, warum das Transformationskonzept auf einem nicht mehr zeitgemäßen Managementverständnis basiert, das leider immer noch weit verbreitet ist.

 

Automobilunternehmen, die digitaler, nachhaltiger und resilienter werden müssen

Etablierte Automobilunternehmen befinden sich in der fünften Entwicklungsstufe eines verbindenden strategischen Managements,1 in der sie digitaler, nachhaltiger und resilienter werden müssen. Für eine solche dreifache Neuausrichtung (Triple Realignment) liefern die Managementtheorie und -praxis bislang kaum Anleitungen. Immer deutlicher wird aber, dass die Vorstellung von einer umfassenden, befristeten Transformation illusionär ist und nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt.

Als wir 1994 unser Buch zum ökologischen Umsteuern von Automobilunternehmen publiziert haben, hätten wir nicht gedacht, dass die Mobilitätswende in Deutschland so lange dauert.2 Letztlich ist eine strategische Neuausrichtung auf nachhaltige Antriebsformen erst als Reaktion auf den Druck der Politik und des Wettbewerbs erfolgt. Die traditionellen Unternehmen der Branche befinden sich heute in einer Bedrohungslage, die von disruptiven Stakeholder-Ökosystemen ausgeht.3 Sie sind auf der Suche nach geeigneten Antworten und stellen sich auf einen komplexen Wandel mit verschiedenen Optionen ein.

Die Digitalisierung als zweites wichtiges Feld einer Neuausrichtung wird vor allen von den großen Tech-Konzernen und von Start-ups getrieben. Sie ist in verschiedenen Wellen verlaufen und betrifft sowohl das Produkt Automobil als auch wesentliche Geschäftsprozesse. Digitale Technologien haben den Charakter von Game Changern, was spätestens seit dem Hype um die generative Künstliche Intelligenz (KI) einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden ist.4 Auch in diesem Feld kommt es entscheidend auf die Gestaltung von innovativen Stakeholder-Ökosystemen an. Dabei eröffnet eine vertrauenswürdige KI für Europa durchaus Chancen.

Parallel zu diesen Entwicklungen hat mit den geopolitischen Krisen die Bedeutung einer resilienzorientierten Neuausrichtung zugenommen.5 Im Mittelpunkt steht dabei eine Verbesserung der Widerstandskraft westlicher Unternehmen in den verschiedenen Stufen der Wertschöpfung. Relevante Felder sind Rohstoffe, Batterien, Halbleiter und KI-Anwendungen. So ist z.B. der führende US-Chiphersteller Nvidia stark von dem taiwanesischen Auftragsfertiger TSMC abhängig.6 Das Beispiel zeigt, dass diese dritte Dimension einer Neuausrichtung zwar mit den anderen Dimensionen verbunden ist, aber spezifische Ansätze erfordert.

Die folgende Abbildung veranschaulicht die drei Dimensionen einer Neuausrichtung. Die spezifischen Ansätze betreffen die Übergänge

– von analog zu digitaler, aber auch vertrauenswürdig

– von primär finanzorientiert zu nachhaltiger, aber auch realistisch und

– von abhängig zu resilienter, aber auch strategisch.

Für die europäische Wirtschaft und Politik ist dies eine zentrale Herausforderung der nächsten Jahre.

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Hierzu ist es wichtig, den Unterschied zwischen dem weit verbreiteten Begriff Transformation und dem Begriff Neuausrichtung zu verstehen.

 

Unterschied zwischen Transformation und Neuausrichtung

Der Begriff Transformation hat eine längere Entwicklungsgeschichte. Bereits 1944 verwendet ihn Karl Polanyi als politischen Kampfbegriff, um seiner Forderung nach einem Wandel des kapitalistischen Systems Ausdruck zu verleihen.7 In den 1990er Jahren verstehen Consultants unter dem Begriff Transformation von Organisationen einen umfassenden Wandel.8 Damit streben sie eine Abgrenzung von dem als zu mechanistisch empfundenen Reengineering-Konzept an. Heute ist Transformation zu einem Schlagwort mit unklarem Inhalt geworden. Deutlich wird dies am Beispiel des aktuellen Begriffs Twin Transformation, der suggeriert, dass der digitale und der grüne Wandel einen Zwillingscharakter hätten.9

Um Ordnung in diese Begriffsunklarheiten zu bringen, unterscheiden wir beim Wandel von Organisationen zwischen einer zeitlichen und einer inhaltlichen Dimension. Als Transformation bezeichnen wir einen zeitlich befristeten, umfassenden Wandel. Damit rückt eine Transformationsaufgabe in die Nähe der Sanierung und wird von vielen Managementberatern inzwischen auch in diesem Sinne interpretiert. Demgegenüber verstehen wir unter einer Neuausrichtung einen längerfristig orientierten, spezifischen Wandel z.B. mit den Schwerpunkten Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Resilienz.

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Die Vorstellung, eine digitale Transformation sei kurzfristig und umfassend möglich, unterschätzt die Komplexität der Aufgabe. Wir halten diese Vorstellung für illusionär. Eine solche Transformationsillusion ist die Ursache für viele Fehlschläge.

Der Begriff der Ausrichtung (Alignment) eines Unternehmens beschreibt eine gut abgestimmte Verbindung wichtiger Systemelemente (z.B. Geschäftsmodell, Strategie, Innovation, Kernkompetenzen, Organisation, IT-Systeme, Kultur und Stakeholder) im Hinblick auf eine gemeinsame Vision und einen Sinn. Im Verlauf ihrer Entwicklung ist in vielen Unternehmen ein solches Alignment verloren gegangen und gleichzeitig stellt sich die Aufgabe einer Neuausrichtung im Sine eines Realignments.10

Ausgehend von diesen Definitionen möchte ich im folgenden der Frage nachgehen, worin die Komplexität einer dreifachen Neuausrichtung besteht und mit welcher Vorgehensweise Unternehmen diese Komplexität bewältigen können.

 

Komplexität einer dreifachen Neuausrichtung

Eine zentrale Erkenntnis ist, dass die Komplexität einer dreifachen Neuausrichtung in der Verbindung verschiedener Handlungsfelder liegt. Dieses Triple Realignment erfordert den Wandel eines komplexen Systems. Die Transformationsillusion besteht in der Annahme, ein solcher Wandel sei mit Hilfe einer einmaligen Top-down-Planung möglich. Dieses mechanistische Strategie-Paradigma ist überholt und inzwischen von einem neuen Paradigma verdrängt worden, in dessen Zentrum die Bewältigung von Komplexität steht.11 In der Abbildung sind wichtige Handlungsfelder einer solchen Neuausrichtung dargestellt.

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In den vergangenen sechzig Jahren ist die Entwicklung des strategischen Managements in fünf Stufen verlaufen. Eine Strategie 5.0 verbindet die Entwicklungsstufen. Unternehmen bewältigen diese Konnektivität in verschiedenen Handlungsfeldern. Eine wichtige Rolle spielt dabei die gemeinsame Vision als Klammer für eine Innovations-, Nachhaltigkeits- und Resilienzstrategie. Aus diesen Strategien ergeben sich die Schwerpunkte einer Neuausrichtung der Geschäftsmodelle.

Ein zweites Handlungsfeld ist die Reaktion auf oder Gestaltung von disruptiven Stakeholder-Ökosystemen. Dabei ist das Forschungs- und Entwicklungs (F&E-) Management von Unternehmen gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft auf das Erreichen von Wettbewerbsvorteilen bei innovativen Technologien gerichtet.

Handlungsfeld Nummer drei ist die digitale, nachhaltige und resiliente Wertschöpfung. Ein aktuelles Thema ist hierbei gegenwärtig die Produktivitätssteigerung mit KI-basierten Geschäftsprozessen und wissensintensiven Anwendungen. Dieses Thema betrifft nahezu alle Branchen und Unternehmensgrößen.

Die Bewältigung dieser Handlungsfelder erfordert einen Wandel der Personalführung und Kultur sowie die Entwicklung von neuen Kompetenzen. Wichtige Impulse zur Komplexitätsbewältigung gehen dabei von einer verbindenden Führung mit agilen Methoden aus, die Start-ups und Digital-Champions konsequenter umgesetzt haben als etablierte Unternehmen.

Hierbei besteht ein enger Zusammenhang zum Wandel der Organisation, der IT-Architektur und des Projektmanagements. Etablierten Unternehmen fällt es schwer, das bei Digital-Champions entstandene Konzept einer Plattform-Organisation mit agilen Teams auf ihre eigene Situation zu übertragen.

Handlungsfeld Nummer sechs ist die Wertsteigung mit einer finanziellen und nicht-finanziellen Berichterstattung. Viele Unternehmen beschränken sich auf ein reaktives Vorgehen zur Erfüllung von neuen Nachhaltigkeitsrichtlinien. Sinnvoller erscheint es, das Thema Nachhaltigkeit als Innovationschance zu sehen.

Ein Erfolg versprechendes Vorgehen bei dieser dreifachen Neuausrichtung, das verschiedene Handlungsfelder verbindet, geht von einer Gliederung in Phasen und Lernschleifen aus. Dieses Vorgehen unterscheidet sich grundlegend von starren Roadmap-Konzepten,12 die in der Literatur weit verbreitet, in der Praxis aber häufig gescheitert sind.

 

Vorgehen bei einer dreifachen Neuausrichtung

Eine Gliederung des Vorgehens bei komplexen Aufgaben in Phasen und Lernschleifen basiert auf dem Modell des Action Learning, das auch die Grundlage für agile Methoden bildet. Ähnlich wie bei der Skalierung agiler Teams liegt die Herausforderung hier darin, die gesamte Organisation in einem iterativen Prozess zusammenzuführen. In der Praxis hat es sich bewährt, jede der Lernschleifen in die in der Abbildung dargestellten sechs Phasen zu gliedern.

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Am Anfang einer Neuausrichtung steht die Analyse der spezifischen Ausgangssituation des Unternehmens verbunden mit einem Blick in die Zukunft (Foresight). Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf der Früherkennung möglicher radikaler Veränderungen liegen. Dies erfordert eine ausgeprägte kontextuelle Intelligenz, um die Komplexität externer Entwicklungen richtig einzuschätzen.

In einer nächsten Phase stellt sich die Aufgabe, für die dreifache Neuausrichtung eine Vision zu entwickeln. Ein Auslöser kann die Notwendigkeit sein, Krisen zu meistern und Resilienz zurückzugewinnen. Sinn stiftend wirkt dabei für viele Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit. Dabei liefern digitale Technologien das Potenzial für eine Erneuerung. Entscheidend ist, die Mitarbeitenden in diesen Prozess einzubeziehen und glaubwürdig eine Aufbruchsstimmung zu vermitteln, die die positive Energie für die nachfolgenden Phasen liefert.

Die Vision bildet den Rahmen für eine Priorisierung der Dimensionen digital, nachhaltig und resilient sowie der Handlungsfelder einer Neuausrichtung. In einer ersten Lernschleife bearbeitet das Unternehmen die Herausforderungen mit der höchsten Priorität. Die Erledigung von geringer priorisierten Aufgaben erfolgt nach dem gleichen Muster in späteren Lernschleifen. Dieses iterative Vorgehen leistet einen wichtigen Beitrag zur Komplexitätsbewältigung. Häufig bewertet die Führung nach jeder Lernschleife die aktuelle Situation des Unternehmens und seines Umfelds neu.

In vielen Unternehmen scheitert eine dreifache Neuausrichtung an dem vorhandenen Governance-Modell. Dabei verstehen wir unter Governance das Zusammenspiel von Personalführung, Kultur, Organisation und Kontrolle. Der Aufsichtsrat muss sicherstellen, dass die Governance für den Wandel dieses komplexen Systems geeignet ist und entsprechende Maßnahmen ergreifen, wenn dies nicht der Fall ist. Daher ist diese vierte Phase für den Gesamterfolg von entscheidender Bedeutung. Ein falsch verstandenes Transformationskonzept trägt dazu bei, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines gemeinsames Versagens von Aufsichtsgremium, Führung, Mitarbeitenden und externen Beratern erhöht. Dabei kann es möglich sein, dass vor der Neuausrichtung eine Sanierung erforderlich ist. Wichtig ist, dies dann aber auch klar zu kommunizieren und sich nicht hinter einem vage formulierten Transformationsbegriff zu verstecken.

Eine weitere wichtige Hürde ist die Umsetzung in Form von Programmen und Projekten, die in Phase fünf erfolgt. Hierbei hat sich die Koordination der Handlungsfelder mit Hilfe eines agilen und transparenten Performance Managements bewährt. Ein geeigneter Ansatz ist die Objectives and Key Results (OKR-) Methode. Diese wird von Start-ups und erfolgreichen Digital-Giganten erfolgreich angewendet, stößt in etablierten Unternehmen aber immer noch häufig auf die Barrieren einer Silo-Kultur. Insofern baut der Erfolg der einzelnen Phasen aufeinander auf. Ohne eine geeignete Governance in Phase vier wird die Koordination der Handlungsfelder nicht gelingen. Daher sind bei diesem Prozess die Rückkopplungen von großer Bedeutung.

Die sechste und letzte Phase ist die Personalentwicklung in Form eines spezifischen Handlungslernen von Vielen. Angesichts der zunehmenden Bedeutung der generativen KI stehen Unternehmen zunehmend vor der Frage, wie sie während einer laufenden digitalen Neuausrichtung die Weiterbildung vieler Mitarbeitender gestalten sollen. Da es in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte nichts Vergleichbares gegeben hat, sind hier neue Wege gefragt. Diese müssten schon bei der Schulausbildung beginnen. Leider hat Deutschland das weitgehend verschlafen und steht nun vor einer Weiterentwicklung seines Bildungssystems. Hierauf kann die Wirtschaft aber nicht warten und muss beim Thema Personalentwicklung selbst die Initiative ergreifen.

Unsere praktische Erfahrung zeigt, dass diese Vorgehensweise den Charakter eines Rahmenkonzepts hat, das jedes Unternehmen an seine spezifische Situation anpassen muss. Wir unterstützen Führungskräfte bei dieser Anpassung, indem wir Beratung mit Personalentwicklung verknüpfen. Auf diese Weise erreichen wir für unsere Klienten ein besseres Preis-Leistungsverhältnis als beim klassischen Management Consulting.

 

Fazit

  • Unternehmen müssen gegenwärtig eine dreifache strategische Neuausrichtung  meistern und sowohl digitaler als auch nachhaltiger und resilienter   werden
  • Dabei verstehen wir unter dem Begriff Neuausrichtung einen längerfristig orientierten, spezifischen Wandel
  • Die Komplexität einer dreifachen Neuausrichtung besteht in der Bearbeitung verschiedener Handlungsfelder, die miteinander verbunden sind
  • Bei dieser Form des Wandels hat sich einer iterativer Prozess bewährt, der in Phasen und Lernschleifen gegliedert ist

 

Literatur

[1] Servatius, H.G., Strategie 5.0 zur Bewältigung der neuen Herausforderungen. In: Competivation Blog, 28.06.2022

[2] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Pieper 1994

[3] Servatius, H.G., Gestaltung von innovativen Stakeholder-Ökosystemen. In: Competivation Blog, 10.01.2023

[4] Kaufmann, T., Servatius, H.G., Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, SpringerVieweg 2020

[5] Servatius, H.G., Resilienzorientiertes strategisches Management. In: Competivation Blog, 15.03.2023

[6] Hofer, J. et al., NvidiasTaiwan-Risiko. In: Handelsblatt, 28.Mai 2024, S.1, 4-5

[7] Polanyi, K., The Great Transformation – Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Suhrkamp 1973

[8] Goullart, F.J., Kelly, J.N., Transforming the Organization, Mc Graw Hill 1995

[9] Christmann, A.S., et al., The Twin Transformation Butterfly. In: Business Information Systems Engineering, 23.Januar 2024

[10] Trevor, J., Re:Align – A Leadership Blueprint for Overcoming Disruption and Improving Performance, Bloomsbury 2022

[11] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S.(Hrsg.), Mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zum klimaneutralen Unternehmen, SpringerGabler 2023, S.71-94

[12] Rogers, D.L., The Digital Transformation Roadmap – Rebuild Your Organization for Continuous Change, Columbia Business School Publishing 2023

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