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Innovationsnarrative für eine verbindende KI-Mehrebenen-Strategie

Innovationsnarrative für eine verbindende KI-Mehrebenen-Strategie

Beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) steht Europa vor der Herausforderung, gegenüber den USA und China aufzuholen. Hierzu bedarf es einer verbindenden Mehrebenen-Strategie von der Makroebene der Geopolitik über die Mikroebene einzelner Unternehmen bis zur individuellen Ebene. Eine wichtige Grundlage dieser Strategie bildet die Pluralität von Innovationsnarrativen zu verschiedenen Aspekten des Aufholprozesses. Dieser Ansatz stellt eine Erweiterung der bislang von uns beschriebenen fünften Entwicklungsstufe des konnektiven strategischen Managements dar.

In dem neuen Blogpost gehe ich der Frage nach, wie Innovationsnarrative dazu beitragen können, dass Europa bei der Künstlichen Intelligenz mit einer verbindenden Mehrebenen-Strategie Wettbewerbsvorteile erringt.

 

Suche nach Innovationsnarrativen zur Künstlichen Intelligenz

KI-Experten vertreten die These, der Standort Deutschland habe eine Zukunft, wenn Wissenschaft und Wirtschaft besser zusammenarbeiten würden. Ein Problem sei seit langem die Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktreife Produkte und Dienstleistungen.1 Eine entscheidende Rolle spielen außerdem die politischen Rahmenbedingungen und die Einstellungen der Menschen. Um den Zukunftspessimismus zu überwinden und die Kräfte der Akteure zu verbinden, braucht es überzeugende Innovationsnarrative. Ein aktuelles Thema ist dabei die Künstliche Intelligenz.

Der Begriff Narrativ beschreibt eine sinnstiftende Erzählung, die Emotionen einer Zielgruppe anspricht und handlungsleitend wirkt. Diese klassische Definition bedarf einer differenzierten Betrachtung.

In seinem 1979 erschienenen Buch „Das Wissen der Postmoderne“ setzt sich der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard kritisch mit der Vorstellung von einem Narrativ als großer Erzählung auseinander. Diese Meta-Narrative der Moderne, wie die Aufklärung oder der Kapitalismus, dienten primär einer politischen und philosophischen Rechtfertigung von Herrschaft, Wissenschaft und gesellschaftlichen Normen. Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts hätten die Meta-Narrative ihre Glaubwürdigkeit und verbindende Kraft verloren. An ihre Stelle würden in der Postmoderne kleine Erzählungen treten. Diese Mikro-Narrative seien durch eine begrenzte Reichweite und einen lokalen Kontext gekennzeichnet, die auf wissensspezifischen Sprachspielen basieren. Charakteristisch für die Postmoderne sei eine Vielzahl nebeneinander existierender Erzählungen, die sich ergänzen, widersprechen und das Leben in einer pluralistischen Welt prägen.2

Für unsere heutige Vorstellung von Innovationsnarrativen ist Lyotards Ansatz visionär, da er bereits 1979 die positiven und negativen Wirkungen des KI-Zeitalters mit ihren Mechanismen und Brüchen antizipiert hat. Ein Kernkonzept in seinem Buch ist die Performativität einer postmodernen Welt, in der große Wahrheiten fehlen und Systeme nach dem Prinzip der maximalen Optimierung gestaltet werden. Diese Sichtweise ist tendenziell aber eher technikkritisch und unterschätzt den von Innovationen ausgehenden möglichen Nutzen.

Die Suche nach Innovationsnarrativen zur Künstlichen Intelligenz sollte daher Bedrohungen ernst nehmen, um positive Wirkungen zu erzeugen. Neutral formuliert ist ein Innovationsnarrativ eine strategische Erzählung, die den Sinn einer Neuerung erklärt. Diese Neuerungen können erstrebenswert erscheinen, sind aber häufig auch mit Bedrohungen verbunden. Daher erscheint Skepsis gegenüber einseitigen großen Erzählungen angebracht. Eine Herausforderung liegt in der Pluralität von Mikro-Narrativen, zwischen denen komplexe Wirkungen möglich sind.

Lernprozess Innovationsstrategie

Bedrohungen, die von KI-Technologien ausgehen, sind zunächst einmal existenzielle Risiken wie Arbeitsplatzvernichtung, Kontrollverlust und die Auslöschung der menschlichen Identität. Hinzu kommt ein Kompetenz-Paradoxon, bei dem technische Entwicklungen schneller verlaufen als die menschliche Anpassungsfähigkeit. Von zunehmender Bedeutung sind eine Verfälschung der Wahrheit und gesellschaftliche Spaltung, die sich in gezielter Desinformation und der Verstärkung von Vorurteilen zeigen. Dies führt zu Weckrufen, die eine bessere Regulierung fordern und Menschen als Kontrollinstanz sehen (Human-in-the-Loop).

Erzählungen, die die positiven Wirkungen von Künstlicher Intelligenz betonen, sehen daher den Menschen weiterhin im Mittelpunkt. KI ist lediglich ein Co-Pilot, der von Routineaufgaben entlastet und die menschlichen Fähigkeiten erweitert. Dies ermöglicht wirtschaftliche Chancen und führt zu Wettbewerbsvorteilen durch Produktivitätssteigerung und Innovationsführerschaft, erfordert aber auch neue Berufsbilder. Daneben entsteht ein ökologischer und gesellschaftlicher Nutzen durch eine bessere Bewältigung von komplexen Problemen wie dem Klimawandel und einer Demokratisierung von Autokratien. Wichtige Grundlagen hierfür sind Verantwortung und Vertrauen, die eine ethische Basis bilden, Sicherheit schaffen, Mitgestaltung erleichtern und letztlich Unabhängigkeit von Feinden unserer demokratischen Ordnung gewährleisten.

Die Suche nach Innovationsnarrativen, von denen Europa im Hinblick auf nächste KI-Wellen lernen kann, führt z.B. nach Kanada.

 

Von Kanada im Hinblick auf nächste KI-Wellen lernen

Wichtige Impulse für die Entwicklung der KI in Kanada sind von dem Physik-Nobelpreisträger Geoffrey Hinton ausgegangen. Hierzu zählen

  • die jahrzehntelange Arbeit zu neuronalen Netzen an der Universität Toronto, die ihm bei diesem in den 1980er und 90er Jahren weniger populären Thema den Freiraum und die notwendige finanzielle Unterstützung gegeben hat
  • der Aufbau eines nationalen Forschungsnetzwerks gemeinsam mit anderen KI-Pionieren
  • die Verbindung von Spitzenforschung und kanadischer Wirtschaft sowie
  • die Initiierung der weltweit ersten nationalen KI-Strategie im Jahr 2017.

So ist Kanada zu einem globalen Talent-Magneten geworden. 2023 beendete Hinton seine Zusammenarbeit mit Google und fokussierte sich stärker auf das Thema KI-Sicherheit. Seine Prominenz aufgrund des 2024 erhaltenen Nobelpreises nutzte er, um vor den Gefahren einer unkontrollierten KI zu warnen.3

Die nationale Non-Profit Organisation NEXT Canada verfolgt mit ihrem Innovationsprogramm Next AI das Ziel, Erfolg versprechende Gründer von der Idee bis zur Markreife zu begleiten, um Kanadas Führungsrolle bei der KI auszubauen. Das Programm basiert auf einer Mehrebenen-Strategie. Diese besteht aus

  • einer geographischen Ebene für die Regionen Toronto und Montreal
  • der komplementären Geschäftszyklus-Ebene für Innovationsteams in diesen führenden KI-Regionen und
  • einer Einbettung in die nationale KI-Strategie.

Entscheidend ist die gut koordinierte Verbindung der Ebenen. Angesichts des Erfolgs dieses Ansatzes sollte sich Europa intensiver mit der Entwicklung und Umsetzung von Mehrebenen-Strategien beschäftigen. Ein Beispiel für eine nächste Welle ist die Physical AI.

 

Das Beispiel der Physical AI

Nach Meinung von Robin Rombach, dem Mitgründer des Freiburger KI-Startups Black Forest Lab (BFL), entsteht gegenwärtig eine nächste technologische Welle, die Unternehmen aus Europa neue Möglichkeiten eröffnet. Hierbei geht es um KI-Systeme, die die physische Welt verstehen und mit ihr interagieren (Physical AI). Die Stärken, die Europa einbringt, sind eine relativ große Anzahl an KI-Forschern, eine Reihe von Spitzenuniversitäten und -Forschungseinrichtungen sowie die Vielfalt industrieller Anwendungen, bei denen die KI dazu beiträgt, reale Probleme zu lösen und Branchen neu auszurichten. Startups aus Europa, die inzwischen Milliardenbewertungen erzielen, nutzen diese Chancen mit wissensspezifischen (domain-specific) KI-Modellen, die auf eigenen Forschungsaktivitäten aufbauen und weltweit konkurrenzfähig sind. Ein erheblicher Teil des Wagniskapitals für diese Startups kommt jedoch immer noch aus den USA. Außerdem investieren dort die großen US-Technologiekonzerne Milliarden in Rechenzentren. Diese profitieren von schnellen Genehmigungen und niedrigen Energiekosten.4

Als neuer Wachstumsmarkt zeichnet sich die KI-basierte Robotik ab. Experten erwarten ein weltweites Wachstum des Robotikmarktes bis 2035 auf 2,5 Billionen US-Dollar – das 25-fache des heutigen Niveaus. China hat das Potenzial erkannt und verfolgt eine klare Strategie. Schon heute ist das Land der mit Abstand größte Markt und treibt hochautomatisierte Produktionsstrukturen voran, die ohne menschliche Arbeitskräfte auskommen (Dark-Factories). Das Unternehmen Unitree aus dem ostchinesischen Hangzhou ist der erste Hersteller humanoider Roboter, der auf dem chinesischen Festland börsennotiert ist. Seit den steigenden geopolitischen Spannungen mit den USA strebt die chinesische Regierung an, Unternehmen am heimischen Markt zu listen statt in New York.5

Künstliche Intelligenz wird zunehmend in Endgeräten eingesetzt, z.B. in Autos, wo sie das Fahrverhalten optimieren oder in Logistikrobotern. Diese dezentrale Edge AI ist ein Teilbereich der Physical AI. Während in Rechenzentren die Chips von Nvidia dominieren, kommen bei der Edge AI z.B. die Halbleiter des niederländischen Unternehmens NXP zum Einsatz. Diese müssen energieeffizient sein und eine lange Lebensdauer haben. Hier sind europäische Anbieter weltweit führend. Die Dezentralisierung der KI eröffnet auch für die Endgeräte-Hersteller neue Möglichkeiten.6

 

Modell-Router zur Auswahl der passenden KI

Parallel zu neuen Technologien gewinnt eine Kosten-Nutzen-Betrachtung von KI an Bedeutung. Denn je mehr KI-gestützte Produkte Unternehmen einsetzen, desto höher ist der Verbrauch an Recheneinheiten (Tokens), nach denen KI-Anbieter abrechnen. Angesichts steigender KI-Kosten fragen Kunden verstärkt, was die KI bringt und ob sie für alle Anwendungen die besonders teuren Frontier-Modelle aus den USA einsetzen müssen. Ein hoher Tokenverbrauch (Tokenmaxxing) führt nicht automatisch zu mehr Effizienz. Für weniger komplexe Aufgaben reichen häufig Open-Weight-Modelle, die fertig vortrainiert sind und die ein Unternehmen auf eigenen Servern betreiben kann. Das Berliner Startup Langdock und andere Anbieter haben Routing-Plattformen entwickelt, die Aufgaben analysieren und diese an die am besten geeignete KI weiterleiten. Die differenzierte Kosten-Nutzen-Betrachtung der Kunden ist für KI-Anbieter wie Anthropic und Open AI angesichts ihres geplanten Börsengangs eine Herausforderung.7

Mit den Modell-Routern entsteht ein neuer Milliardenmarkt, der durch das Bedürfnis der Unternehmen getrieben ist, die KI-Kosten in den Griff zu bekommen. An dem Router-Geschäft beteiligt sich auch der Chip-Gigant Nvidia, der mit Nemo Switchyard ein System vorgestellt hat, das die Modellauswahl automatisiert. Das Düsseldorfer Startup Kauz AI richtet sein Router-Geschäft gezielt auf Kunden in Europa aus. Neben den Kosten geht es bei dem Produkt Kauz Selection um die Hoheit über die Daten. Der Vorteil von spezialisierten Router-Anbietern ist, dass sie ihre Produkte ständig an die hohe Modell-Dynamik anpassen. Diesen Vorteil versuchen auch chinesische Anbieter zu nutzen. Insgesamt streben alle Anbieter an, den Kunden wieder mehr Macht zu geben.8

Die Disruption durch KI mit einem besseren Preis-Leistungsverhältnis geht ebenfalls von dem Pekinger Startup Moonshot aus. Dessen neues Open-Weight-Modell Kimi K3 erreicht sehr gute Ergebnisse, setzt dabei aber nicht auf das Gesetz der großen Masse (Scaling Law) und die Illusion, dass mehr Daten und Rechenleistung immer zu besseren Ergebnissen führen. Für den Gründer Yang Zhilin steht die Token-Effizienz im Vordergrund. Dabei kombiniert Moonshot die folgenden vier Ansätze:

  1. Eine Unterscheidung zwischen nicht so wichtigen und länger gespeicherten wichtigen Informationen, was weniger Speicherplatz erfordert und schnellere Antworten ermöglicht (Delta Attention)
  2. die gezielte Aufbereitung von Informationen aus vorherigen Schichten (Attention Residuals), die Ergebnisse weniger verwässert
  3. eine Vielzahl spezialisierter Netze (Mixture of Experts), die genauere Zugriffe auf Informationen ermöglicht sowie
  4. die Zerlegung einer Anfrage in kleine Subaufgaben und parallele Bearbeitung durch einzelne Agentensysteme (Agent Swarm).

Das Beispiel zeigt, dass der KI-Wettbewerb zwischen Wirtschaftsräumen noch härter geworden ist.9 Hier setzen Mehrebenen-Strategien an.

 

Mehrebenen-Strategien als dritte Dimension der Konnektivität

In den vergangenen Jahrzehnten sind mehrere Ansätze für Mehrebenen-Strategien entstanden, die allerdings unterschiedliche Gliederungen und Definitionen der Ebenen verwenden. Das Grundprinzip einer Mehrebenen-Strategie hat bereits Mitte der 1990er Jahre Richard Whittington von der Said Business School der Universität Oxford in seinem Strategy-as-Practice-Konzept beschrieben.10 Die niederländische Transition-Forschung ausgehend von Frank Geels verfolgt ebenfalls seit Anfang der 2000er Jahre einen Multi-Level-Ansatz.11 Die vierte Generation des St. Galler Management-Modells (SGMM) unterscheidet zwischen verschiedenen Ebenen im Sinne von Perspektiven.12 Interessant ist auch der Ansatz der Microfoundations of Strategy, der eine Aggregation von den Individuen nach oben propagiert.13

Angesichts zahlreicher neuer Herausforderungen unterscheidet unsere Gliederung zwischen den Ebenen Makro (Geopolitik und Umwelt), Meso (Staaten und Regionen), Mikro (Unternehmen und Verwaltungen) sowie Gesellschaft und Individuen. Die Verbindung zwischen diesen Ebenen bezeichnen wir als vertikale Konnektivität.

Lernprozess Innovationsstrategie

Auch bei Mehrebenen-Strategien spielt das verbindende Gestalten (Conective Design) eine wichtige Rolle. Diese Fähigkeit haben wir in einer Publikation zur Entwicklung und zum Wandel des strategischen Managements behandelt.14 Der Schwerpunkt liegt hier auf der zeitlichen Konnektivität einer Verbindung der bislang fünf Entwicklungsstufen des strategischen Managements. Dabei spielt immer auch die horizontale Konnektivität auf einer einzelnen Ebene eine wichtige Rolle. Beispiele sind die verschiedenen Politikfelder eines Landes oder die Handlungsfelder und Akteure des Innovationssystems eines Unternehmens.15 Die folgende Abbildung veranschaulicht diese drei Dimensionen der Konnektivität.

Lernprozess Innovationsstrategie

Eine Ursache für Defizite beim Thema Konnektivität ist die zunehmende Dynamik und Komplexität. In einem dynamischer gewordenen Umfeld tun sich Unternehmen mit traditioneller Hierarchie und Silostrukturen schwer, komplexe Probleme zu bewältigen. Parallel zu dieser vertikalen Konnektivität stellt für viele Organisationen die horizontale Konnektivität bei der Umsetzung des IT- und KI-unterstützten Prozessmanagements eine Herausforderung dar.16 Auch zwischen Organisationen bereitet die horizontale Konnektivität Schwierigkeiten. Ein Beispiel ist der Technologietransfer von Universitäten über Startups zu etablierten Unternehmen. Bei Neuausrichtungen z.B. im Rahmen der Energie- und Mobilitätswende hat sich die vertikale Konnektivität zwischen Organisationen als Engpassfaktor erwiesen. Hieraus ergibt sich die Forderung nach verbesserten Formen der Zusammenarbeit. Dies gilt auch für die Politik, Wissenschaft und Wirtschaft allgemein. Der Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka fordert den Abbau von bürokratischen Hürden während des gesamten Innovationspfades.17

Lernprozess Innovationsstrategie

Das Ziel von Mehrebenen-Strategien ist es, Bedrohungen zu bewältigen und positive Wirkungen zu entfalten. Dies möchte ich anhand von Beispielen verdeutlichen und beginne auf der Makro-Ebene mit der Geopolitik und Umwelt.

 

Von der Geopolitik zu Regionen

Die Geopolitik bildet die oberste, rahmensetzende Ebene, die globale Spielregeln und strategische Allianzen prägt. Eine erste wichtige Rolle ist die Sicherung der technologischen Souveränität. Hier geht es darum, Abhängigkeiten zu reduzieren und die eigene Infrastruktur zu schützen. Zwischen den USA, China und Europa herrscht ein regulatorischer Systemwettbewerb um globale Standards. Dabei spielen eine geopolitische Blockbildung und Handelsbarrieren, wie z.B. Exportkontrollen, eine wichtige Rolle. Von zunehmender Bedeutung sind die nationale Sicherheit und Cyber-Abwehr bei einer asymmetrischen Kriegsführung. Globale Gremien ringen um eine Deutungshoheit und Standardisierung z.B. von technischen Protokollen.18 Gegenwärtig werfen die US-Regierung und Tech-Konzerne China vor, seine KI-Modelle mit US-Angeboten zu trainieren (Wissensdestillation). Das chinesische Handelsministerium widerspricht dem.19

Von geopolitischer Bedeutung sind auch die negativen Folgen der KI für die Umwelt. Hierzu zählen der hohe Stromverbrauch für das Training und die Nutzung von großen KI-Modellen, der CO₂-Verbrauch, wenn der Strom aus fossilen Quellen stammt, der enorme Wasserverbrauch zur Kühlung von Servern, der Elektroschrott von schnell veraltender Hardware und der Ressourcenverbrauch z.B. beim Abbau von seltenen Erden. In den USA gibt es bereits Proteste gegen den Neubau riesiger Rechenzentren. Einzelne Bundesstaaten erlassen umfassende neue KI-Gesetze. Die Stimmung in der Bevölkerung kippt. 71 Prozent der US-Amerikaner lehnen ein Rechenzentrum in ihrer Nachbarschaft ab.20 Einen Ausweg böten grüne Rechenzentren, die in kühleren Regionen mit erneuerbaren Energien und geschlossenen Wasserkreisläufen arbeiten.

Auf der Meso-Ebene der Länder und Regionen stellt sich die Frage, wie Deutschland gemeinsam mit anderen Staaten beim Thema KI gegenüber den USA und China aufholen kann. Hierzu ist eine Reihe aufeinander abgestimmter strategischer Programme erforderlich wie

  • die Fokussierung auf KI-Anwendungen, die spezifische Fähigkeiten erfordern
  • eine intensive Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit KI-Startups, deren Wachstum stärker aus Europa finanziert wird
  • die Skalierung von vertrauenswürdiger KI-Infrastruktur
  • eine Neuausrichtung der KI-Aus- und Weiterbildung sowie
  • die Nutzung einer innovationsfördernden Regulierung als Wettbewerbsvorteil.

Noch ist offen, wie viele europäische Anbieter von großen Sprachmodellen es geben sollte. In Japan versucht das Startup Sakana AI, die Abhängigkeit zu verringern. Hierzu arbeitet man mit einem System, in das verschiedene Modelle eingebettet sind. Es funktioniert ähnlich wie ein Dirigent, der einen Schwarm von Agenten koordiniert. Ein solches Orchestrieren ist auch für Europa eine Chance.21 Dabei kann die Vielfalt der Regionen ein Vorteil sein.

Bei der Entwicklung der KI in Regionen leisten Hidden Champions einen wichtigen Beitrag, indem Sie zu Praxispartnern für Forschungsinstitute werden. So wirken die weniger bekannten Weltmarktführer als

  • Datenlieferanten für spezifische KI
  • Investoren in nachhaltigkeitsorientierte Impact-Startups
  • Treiber regionaler KI-Ökosysteme und
  • Magneten für Tech-Talente.

Die Hidden Champions verbessern auf diese Weise nicht nur ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit, sondern stärken auch die Finanzkraft der Kommunen. Ein Beispiel ist der Sensorspezialist ifm electronic mit Hauptsitz in Essen und einem Produktionsstandort in Tettnang am Bodensee. Das Unternehmen hat sich vom Sensorhersteller zur KI-Plattform für die Produktion entwickelt. Die Bedeutung von Hidden Champions für die Entwicklung von Regionen ist seit langem bekannt, ihre mögliche Rolle als KI-Vorreiter aber noch wenig erforscht. Hieraus entstehen gegenwärtig spannende neue Narrative.22

 

Von Unternehmen zu Individuen

Auf der Mikro-Ebene der Unternehmen und Verwaltungen muss man sich mit der Frage beschäftigen, warum etablierten Organisationen eine KI-basierte Erneuerung so schwer fällt. Die Herausforderung liegt wohl darin, eine Reihe von Handlungsfeldern zu verbinden. Hierzu zählen

  • eine Strategie zur Neuausrichtung der Geschäftsmodelle
  • die Überwindung von kulturellen und personellen Barrieren
  • eine Entwicklung von KI-Kompetenzen von der Führungsebene über das Mittelmanagement bis zu Berufseinsteigern
  • die Gestaltung einer leistungsfähigen KI-Infrastruktur gemeinsam mit vertrauenswürdigen Partnern sowie
  • die Integration einzelner Pilotprojekte zu einem koordinierten Prozess des digitalen Wandels.

Trotz des weitverbreiteten Schlagwortes „digitale Transformation“ ist die Anzahl der Organisationen, denen diese Erneuerung gelungen ist, begrenzt.23

Ein Erfolgsbeispiel ist das schwäbische Familienunternehmen Trumpf, das zu den Weltmarktführern beim Einsatz von Lasern in der Blechbearbeitung und Chipherstellung zählt. Das Unternehmen arbeitet an einer neuen Entwicklungsstufe der KI-unterstützten Robotik bei der Blechbearbeitung. So analysiert beim SortMaster Vision die KI mithilfe von Kameras die Lage von Blechteilen, die zu bearbeiten sind und errechnet daraus ein räumliches Bild der Situation, das den Sortiervorgang erleichtert. Dabei lernt die KI kontinuierlich von Daten aus der Praxis ohne eine aufwendige Neuprogrammierung. Trumpf strebt eine Führungsrolle bei KI-Anwendungen in der Produktion an. Das Beispiel zeigt, wie wichtig die Verbindung von spezifischem Wissen und KI-Kompetenz ist. Hiervon können andere Organisationen lernen.24

Noch schlechter als Unternehmen ist es bislang der öffentlichen Verwaltung in Deutschland gelungen, den digitalen Wandel zu meistern. Dabei hätten wir von dem kleinen baltischen Staat Estland lernen können. Um 2000 entstand dort das Government-as-a-Plattform-Konzept. Danach stellt der Staat eine Plattform bereit, auf der alle Dienste aufbauen. Er definiert Standards, garantiert Sicherheit und Funktionalität. Hierauf basiert die Datenleitung X-Road, die aus einem Open-Source-Projekt entstanden ist. Die Grundidee war, dass Daten dezentral bei den einzelnen Organisationen verbleiben, aber zirkulieren können. Dies ist zu einem Exportschlager geworden, den das Unternehmen Cybernetica in mehr als 20 Ländern als Dienstleister einsetzt. Deutschland gehört nicht dazu, weil man hier schon vor langem eine nächste Generation entwickeln wollte, die besser ist.25

Der gegenwärtige deutsche Digitalminister plant einen gemeinsamen Baukasten aus Standards, Software und Infrastruktur. Dieser „Deutschland-Stack“ soll die Behörden schlanker machen. Der Plan trifft allerdings auf vorhandene Fachverfahren und Software-Architekturen. Ein erstes sichtbares Produkt für die Bürger soll die „Deutschland-App“ werden.26 Kritiker bezeichnen sie als reine „Schaufensterdigitalisierung“. Die Herausforderung liege nicht in der App, sondern in den Prozessen dahinter. Der Ausgang eines Pilotprojektes ist offen.27

Allgemein stellt sich die Frage, welche Implikationen von der KI in einem Industrieland wie Deutschland für die Gesellschaft ausgehen. Angesichts einer Vielzahl von Krisen betreffen diese Implikationen vor allem den Wandel der Arbeitswelt. Hier besteht die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft in wenige Gewinner, die sich durch KI ergebende Chancen nutzen und eine Vielzahl von Verlierern, deren Stellen wegfallen oder sich so verändern, dass sie diesem Druck nicht standhalten. Populisten nutzen die Entwicklung, um von einer Polarisierung zu profitieren. Umso wichtiger ist eine Intensivierung der KI- orientierten Aus- und -weiterbildung als Gegengewicht, um die gesellschaftliche Resilienz zu stärken. Eine bedeutende Rolle können dabei die Alltagserfahrungen von Menschen spielen, die erkennen, wie ihnen die KI z.B. bei juristischen und medizinischen Fragen hilft. Insgesamt erscheint eine bessere Zusammenarbeit verschiedener Politikfelder notwendig, um sich auf diesen Wandel vorzubereiten.28

In der Arbeitswelt zeichnen sich für den Einzelnen auf allen Hierarchieebenen gravierende Umbrüche ab. Dies gilt vor allem für das Management. Für Berufseinsteiger verlieren Routinetätigkeiten, die die KI übernimmt, an Bedeutung. Wichtiger wird es, schon während der Ausbildung Wissen für den Umgang mit KI zu erwerben. Im Mittelmanagement und auf der Top-Ebene verändern sich vor allem die Kompetenzen zur Personalführung. Persönliche Erfahrung bei KI-Strategien und der KI-basierten Produktivitätssteigerung sind inzwischen eine Voraussetzung für Führungspositionen. Dabei übernimmt die KI die Rolle eines Sparringspartners. Die von KI ausgehenden Verwerfungen fallen in eine Zeit, in der Unternehmen ohnehin Hierarchieebenen und Stellen abbauen. Dies trägt zur Verunsicherung bei. Eine wichtige Aufgabe der verbleibenden Führungskräfte ist es, KI-basierte Produktivitätspotenziale auszuschöpfen und frei werdende Kapazitäten für die Gestaltung von Neuem zu nutzen. Ein Innovationsnarrativ sollte diesen positiven Aspekt betonen.29

Kunden der Bank OCBC in Singapur können ihr Portfolio seit kurzem mit einem Avatar besprechen. Dennoch plant die Bank nicht, Personal abzubauen, sondern möchte die Belegschaft vergrößern, um weiter zu wachsen. Damit liegt der OCBC-Chef auf einer Linie mit Singapurs Regierung, die beim Einsatz von KI zu den globalen Vorreitern zählen möchte, aber gleichzeitig sicherstellen will, dass es beim KI-Umbau der Finanzbranche zu keinen massenhaften Jobverlusten kommt. Hierzu gibt es einen Pakt zwischen Regierung, Finanzinstituten und Gewerkschaft. Den Kern bildet ein Weiterbildungs- und Umschulungsprogramm, das darauf abzielt, die Mitarbeitenden für neue Aufgaben zu befähigen. Bei Singapurs führender Bank haben inzwischen alle 40.000 Beschäftigten ein KI-Grundlagentraining erhalten, 11.000 sind für neue Aufgaben qualifiziert worden, die durch den KI-Einsatz entstanden sind. Eine führende Rolle in der Weiterbildung spielt Singapurs Institute of Banking and Finance (IBF).30

 

Verbindende Wirkung trotz Bedrohungen?

Die Betrachtung von möglichen Innovationsnarrativen auf den verschiedenen Ebenen ergibt insgesamt ein vielfältiges Bild. Es stellt sich die Frage, wie diese Narrative im Rahmen einer KI-Mehrebenen-Strategie ihre verbindende Wirkung entfalten können, obwohl von der KI erhebliche Bedrohungen ausgehen.

Wir haben gesehen, dass es auf der Makro-Ebene bei der Geopolitik vor allem um die KI-Vorherrschaft und Verringerung von Abhängigkeiten durch digitale Souveränität geht. KI kann wie z.B. bei großen Rechenzentren negative Wirkungen auf die Umwelt haben. Hieraus ergibt sich die Bedeutung einer grünen KI.

Auf der Meso-Ebene der Länder steht Deutschland vor der Aufgabe, mit einer Reihe aufeinander abgestimmte Programme gegenüber den USA und China aufzuholen. In den einzelnen Regionen sollten die zahlreichen Hidden Champions mit ihrem spezifischen Anwendungswissen eine Treiberrolle übernehmen.

Auf der Mikroebene müssen vor allem etablierte Unternehmen herausfinden, wo die Ursachen für ihre Probleme beim digitalen Wandel liegen und für deren Bewältigung geeignete Lösungen finden. Ob die neuen Ansätze zur Digitalisierung der Verwaltung in Deutschland erfolgreich sind, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall können wir von anderen Ländern lernen.

Die gravierenden Implikationen der KI für die gesellschaftliche Ebene erfordern neue Formen der Resilienz, um die Gefahr einer Spaltung zu verringern. Für jeden Einzelnen verändert sich vor allem in Managementberufen die Arbeit auf allen Hierarchiestufen grundlegend. Diese Punkte sind in der folgenden Abbildung zusammengefasst.

Lernprozess Innovationsstrategie

Bei der Beantwortung der Frage nach der verbindenden Wirkung trotz möglicher Bedrohungen ist eine erste Erkenntnis, dass Mikro-Narrative eine positive und eine negative Ausprägung haben können. Die verbindende Wirkung verstärkt sich bei einem Zusammenwirken der positiven Ausprägungen. Negative Ausprägungen schwächen sie ab. Es kommt daher darauf an, den Verstärkereffekt möglichst vieler positiver Mikro-Narrative zu nutzen.

Eine zweite Erkenntnis ist, dass es dabei keinen Selbstläufereffekt gibt und man gegenüber vereinfachenden, großen KI-Erzählungen skeptisch sein sollte. So ist die technologische Führerschaft der USA angesichts einer autokratischen Regierung äußerst fragil. Dieser Fragilität sollte sich ein europäisches KI-Narrativ bewusst sein, wenn man den Verstärkereffekt einer verbindenden Mehrebenen-Strategie nutzt.

Lernprozess Innovationsstrategie

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich die folgenden Empfehlungen für die Gestaltung einer verbindenden KI-Mehrebenen-Strategie:

  • Im Mittelpunkt des „Brückenbaus“ zwischen den Ebenen sollten Menschen mit ihren gemeinsamen Werten stehen
  • Narrative, die mit Bedrohungen ehrlich umgehen, sind glaubwürdiger als Utopien oder Dystopien und
  • im Rahmen von konstruktiven Zukunftsbildern stärken Geschichten aus dem Alltag von Menschen die Selbstwirksamkeit der Gesellschaft.

Insofern ist die Bewältigung der KI-Herausforderungen eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe, bei der Narrative den möglichen Nutzen für die Menschen verdeutlichen.

 

Implikationen für die Forschung und Lehre

Für die Forschung und Lehre ergibt sich eine Vielzahl spannender Fragen. Wichtige Impulse liefert eine Verbindung der kausalen KI mit der Managementtheorie komplexer, evolutionärer Systeme.31 Entsprechend richten sich im KI-Zeitalter auch Bildungsanbieter wie Universitäten und Business Schools neu aus.32

Lernprozess Innovationsstrategie

Im Fokus stehen dabei die folgenden Handlungsfelder:

  1. KI-Entwicklungs- und -Anwendungskompetenz
  2. ein verbindendes strategisches Management (Strategie 5.0) auf allen Ebenen
  3. der Wandel von Aufgabenfeldern und Geschäftsprozessen durch KI sowie
  4. eine Verbindung der Personalführung mit dem KI-Management.

Besonders gefragt ist gegenwärtig eine duale Aus- und Weiterbildung, die neue theoretische Erkenntnisse und praktische Erfahrungen verknüpft. Ein Thema ist das Vibe Coding, bei dem Softwareentwickler den Code nicht mehr Zeile für Zeile selbst schreiben, sondern einer KI vorgeben, was sie erstellen soll.

Hinweise auf relevante Qualifikationen liefert das Mannheimer Startup Osapiens, das an Agenten-Plattformen arbeitet, die z.B. den Fluss von Nachhaltigkeitsdaten in wichtige Entscheidungen unterstützen. Früher sei es darum gegangen, wer den besten Code schreibt, sagt der Mitgründer Stefan Wawrzinek. Heute wäre es wichtig, das große Ganze zu verstehen, um Strategien in einem umfassenden Sinne zu gestalten.33

 

Fazit

  • Um beim Thema Künstliche Intelligenz Wettbewerbsvorteile zu erzielen, benötigt Europa eine Mehrebenen-Strategie
  • Innovationsnarrative in Form von Mikro-Erzählungen bilden hierfür eine wichtige Grundlage
  • Gegenwärtig entstehen neue Technologiewellen, wie z.B. die Physical AI, bei denen Europa seine Stärken einbringen kann
  • Unser Ansatz zu Mehrebenen-Strategien unterscheidet zwischen Geopolitik und Umwelt (Makro-Ebene), Staaten und Regionen (Meso-Ebene), Unternehmen und Verwaltungen (Mikro-Ebene) sowie der Ebene Gesellschaft und Individuum
  • Eine Verbindung dieser Ebenen bezeichnen wir als vertikale Konnektivität. Diese dritte Dimension neben der zeitlichen und der horizontalen Konnektivität erweitert das verbindende strategische Management (Strategie 5.0)
  • Die Vielfalt an Mikro-Narrativen verdeutlicht das Ziel von Mehrebenen-Strategien, Bedrohungen zu bewältigen und positive Wirkungen zu entfalten
  • Die verbindende Wirkung von Innovationsnarrativen ergibt sich aus dem Verstärkereffekt vieler positiver, kleiner Erzählungen. Gegenüber der Fragilität großer KI-Narrative ist Skepsis angebracht
  • Für die Gestaltung einer KI-Mehrebenen-Strategie folgt, dass von glaubwürdigen Alltagsgeschichten, die den Nutzen für Menschen deutlich machen, eine verbindende Wirkung ausgeht
  • Beispiele liefern erfolgreiche, persönliche Entwicklungen in einer zunehmend durch KI geprägten Arbeitswelt

 

Literatur

[1] Klüwer, T., Zukunft made in Germany – Warum wir jetzt Innovationen fördern müssen, um unseren Wohlstand zu retten, Rowohlt 2025

[2] Lyotard, J.F., Das postmoderne Wissen, 10. Aufl., Passage Verlag 2025

[3] Oppert, S., Geoffrey Hinton – The Untold Story of AI‘s Hidden Risks and the Man Who Warned The World, Independently 2025

[4] Bomke, L., Europas zweite Chance – Milliardenwette auf neue KI-Labore. In: Handelsblatt, 22. Juni 2026, S. 26-27

[5] Benninghoff, M., Chinas neuer Börsenrausch. In: Handelsblatt, 20. August 2026, S. 34-35

[6] Hoffer, J., KI in Endgeräten kommt „schneller als erwartet“. In: Handelsblatt, 25. August 2026, S. 20

[7] Alvarez de Souza Soares, P. et al., Die Rebellion der KI-Kunden. In: Handelsblatt, 10./ 11./ 12. Juli 2026, S. 34-40

[8] Bomke, L., Holtermann, F., Scheuer, S., Die neuen Türsteher der KI-Wirtschaft. In: Handelsblatt, 21./ 22./ 23. August 2026, S. 26-27

[9] Scheuer, S., Dieses chinesische Modell sorgt weltweit für Aufsehen. In: Handelsblatt, 20. Juli 2026, S. 24

[10] Whittington, R., Strategy as Practice, In: Long Range Planning, 1996, Heft 5, S. 731-735

[11] Geels, F., Technological Transitions as Evolutionary Reconfiguration Processes – A Multi-level Perspective and a Case Study. In: Reasearch Policy, 2002, Ausgaben 8-9, S. 1257-1274

[12] Rüegg-Sturm, J., Grand, S., Das St. Galler Management-Modell, 3. Aufl., Haupt 2017

[13] Foss, N.J., Felin, T., Strategic Organization – A Field in Search of Micro Foundations. In: Strategic Organization, November 2005, Heft 3, S. 441-455

[14] Servatius, H.G., Entwicklung und Wandel des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 19.09.2025

[15] Servatius, H.G., Innovationssysteme gestalten und befähigen. In: Competivation Blog, 22.02.2018

[16] Servatius, H.G., Prozessorientierte KI zur Produktivitätssteigerung. In: Competivation Blog, 12.03.2025

[17] Delhaes, D., Forscher und Industrie fordern mehr Freiraum für Innovationen. In: Handelsblatt, 31. August 2026, S. 14

[18] Brands, H., (Hrsg.), Geopolitics of AI – Power, Conflicts, and the Future of Global Order, Johns Hopkins University Press 2026

[19] Gusbeth, S., Heide, D., Der Kampf um die KI-Vorherrschaft. In: Handelsblatt, 04. August 2026, S. 6-7

[20] Heide, D., Alvarez de Souza Soares, P., Die KI-Rebellion der Gouverneure. In: Handelsblatt, 15. Juli 2026, S. 10-11

[21] Kölling, M., Knees, L., Warum Japan nicht auf Anthropic angewiesen ist. In: Handelsblatt, 3./ 4./ 5. Juli 2026, S. 30-31

[22] Simon, H., Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert, Campus 2021

[23] Davenport, T.H., Mittal, N., All in on AI – How Smart Companies Win Big with Artificial Intelligence, Harvard Business Press 2023

[24] Buchenau, M., Trumpf auf dem Weg zum Machinen-Menschen. In: Handelsblatt, 28./ 29./ 30. August 2026, S. 42-43

[25] Lutz, J., Zwei digitale Staaten, von denen Unternehmen träumen. In: Handelsblatt, 15./ 16./ 17. Mai 2026, S. 60-62

[26] Fokul, J., Der Architekt des digitalen Deutschlands. In: Handelsblatt, 15./ 16./ 17. Mai 2026, S. 64-65

[27] Fokuhl, J., Nur ein Chatbot vor dem alten Behördenapparat? In: Handelsblatt, 17. August 2026, S. 12-13

[28] Baecker, D., Digitalisierung, Suhrkamp 2026

[29] Hougaard, R., Carter, J., More Human – How the Power of AI Can Transform the Way You Lead, Harvard Business Review Press 2025

[30] Peer, M., Banken versprechen KI-Umbau ohne Massenentlassungen. In: Handelsblatt, 1. September 2026, S. 36

[31] Servatius, H.G., Eine kausale KI mit komplexen, evolutionären Systemen verbinden. In: Compativation Blog, 13.08.2026

[32] Fleig, S., Künstliche Intelligenz stellt Karriereversprechen infrage. In: Handelsblatt, 4. September 2026, S. 36-37

[33] Schimroszik, N., „Wir rollen monatlich neue KI-Agenten aus“ (Interview mit Stefan Wawrzinek). In: Handelsblatt, 7. September 2026, S. 26-27

Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Weltweit stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, bei der Künstlichen Intelligenz (KI) nicht den Anschluss zu verlieren und mit KI-Werkzeugen, die ihr spezifisches Wissen nutzen, Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Entwicklung führt zur Renaissance einer gestaltenden Management- und Innovationsforschung, die das Ziel hat, Theorie und Praxis zu verbinden. Dabei verlagert sich die Forschung von der empirischen Arbeit an Universitäten zu einem verbindenden Gestalten in Reallaboren des Wandels.

 

In diesem Blogpost skizziere ich die Entwicklung des gestaltenden Forschungsansatzes, zeige seine Vorteile auf und erläutere ein allgemeines Vorgehenskonzept.

 

Jahr der Entscheidung bei der Anwendung von KI

2026 könnte zum Jahr werden, in dem sich für viele Unternehmen entscheidet, ob bei der Anwendung von KI der Durchbruch gelingt oder ob es bei isolierten Pilotprojekten bleibt. Nach einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Forrester berichten nur 15 Prozent der Entscheider, dass der Einsatz von KI bislang messbar zum operativen Ergebnis ihrer Unternehmen beigetragen hat. Dies könnte dazu führen, dass diese rund ein Viertel ihrer geplanten Ausgaben für KI auf 2027 verschieben. Die Gefahr bei einer zu zögerlichen KI-Anwendung ist jedoch, dass so ein Rückstand entsteht, der nur schwer aufzuholen ist.1

Andererseits gelingt es Vorreiter-Unternehmen, mit einer an ihre spezifische Situation angepassten KI deutliche Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Pioniere praktizieren eine gestaltende Management- und Innovationsforschung, um so die Grundlage für Erfolge zu schaffen. Ein Beispiel ist Siemens, das das weltweite größte und breiteste Angebot an industriellen KI-Anwendungen gestalten und seinen Unternehmenswert verdoppeln möchte.2

Das Institut der Deutschen Wirtschaftsforschung (IW) prognostiziert, dass das Potenzial zur Steigerung der Bruttowertschöpfung durch den Einsatz von KI bis 2034 in Deutschland bei 440 Milliarden Euro liegt. Davon entfallen 110 Milliarden Euro auf mögliche Innovationen und 330 Milliarden Euro auf einer Steigerung der Produktivität. Für den Industriestandort Deutschland bildet vor allem die Anwendung von KI eine Chance. Das hat auch Google, die Tochter des US-Technologiekonzerns Alphabet erkannt. Man wird in Deutschland 5,5 Milliarden Euro investieren und in Berlin ein Zentrum für KI-Anwendungen eröffnen, wo auch eigene Forscher angesiedelt sind.3

Aus dieser neuen Lage ergeben sich spannende Implikationen für die Gestaltung von KI-Ökosystemen.

 

Gestaltung von KI-Ökosystemen

Die Chance für etablierte Unternehmen liegt in einer wissensspezifischen KI, bei der KI-Werkzeuge das spezielle Know-how der Unternehmen nutzen und verstärken.4 Dies gelingt am besten in KI-Ökosystemen.

Unter dem Begriff KI-Ökosystem versteht man ein dynamisches Netzwerk mit guten Verbindungen zwischen verschiedenen Akteuren, die KI-Technologien nutzen, um Innovationen zu gestalten und zu verbreiten. KI-Ökosysteme können auf eine Region konzentriert sein und sich um einen Kern herum entwickelt haben, z.B. eine Universität oder ein Unternehmen. Das bekannteste und einflussreichste KI-Ökosystem der Welt ist im Silicon Valley in der San Francisco Bay Area entstanden. Den Kern des Silicon Valley hat in den 1930er Jahren die Stanford University nahe Palo Alto gebildet. 1939 gründeten Bill Hewlett und David Packard dort in einer Garage das Unternehmen HP. Später haben sich hier führende Halbleiter-Unternehmen, die dem Tal seinen Namen gegeben haben und einige der großen KI-Anbieter angesiedelt.

Die Stanford University ist das Vorbild für Helmut Schöneberger gewesen, den Chef des Münchner Gründerzentrums Unternehmertum. Entscheidend für den Erfolg waren dabei die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und die Unterstützung durch die BMW-Gesellschafterin Susanne Klatten: Daneben sind in München weitere Gründerzentren entstanden, wie z.B. das Center for Digital Technology and Management (CDTM), das den transdisziplinären Master-Studiengang Technology Management anbietet, dabei eng mit Industriepartnern zusammenarbeitet und über 250 Unternehmensgründungen hervorgebracht hat.

2025 haben Startups in München 3,3 Milliarden Euro Risikokapital erhalten und damit bei diesem Kriterium Berlin auf Rang 2 verdrängt, wo Jungunternehmen 2,7 Milliarden Euro einsammeln konnten. Daneben sind aber auch in anderen deutschen Regionen KI-Ökosysteme mit erfolgreichen Startups entstanden.

Schlüsselakteure in KI-Ökosystemen sind:

  • Verantwortliche in relevanten Politikfeldern und auf verschiedenen Ebenen von Ländern und Regionen
  • Universitäten und Schulen
  • KI-Startups, die als Ausgründungen entstanden sind oder sich in einer Region angesiedelt haben
  • Wagniskapitalgeber, die mit Venture Capital das Wachstum der KI-Startups finanzieren
  • große Anbieter von KI-Hardware und -Software, die mit ihrer Kapitalkraft die Finanzmärkte prägen und einen erheblichen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft haben sowie
  • etablierte Unternehmen und ihre Mitarbeitenden, die KI anwenden, mit Startups zusammenarbeiten und sich an ihnen beteiligen.

Ein interessantes Beispiel für neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups liefert die Pharmaforschung.

Lernprozess Innovationsstrategie

In der Pharmabranche beschleunigen Techbio-Unternehmen, wie das französische Startup Owkin mithilfe von KI die frühe Wirkstoffforschung. Eine erste Welle von Medikamenten, die so entwickelt wurden, befindet sich in klinischen Studien. Eine mögliche Form der Zusammenarbeit ist, dass KI-Biotechs die frühe Wirkstoffsuche übernehmen und etablierte Pharma-Unternehmen die späteren Phasen und die Vermarktung. Eine andere Option ist, dass Pharma-Unternehmen die KI-Startups akquirieren und entsprechende eigene Kompetenzen aufbauen. In jedem Fall steht die forschungsintensive Branche vor einem grundlegenden Wandel, bei dem die Gestaltung von KI-Ökosystemen ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.5 Das Beispiel verdeutlicht, dass sich mit dem Wandel von Branchen auch die Managementforschung verändert.

Künstliche Intelligenz ist aber nicht nur Treiber von Produktivität und Innovation, sondern stellt auch eine potenzielle Bedrohung dar. Angesichts der Veränderungen der Geopolitik kommt es für Europa darauf an, Gestaltungsmacht zurückzugewinnen. Ein wichtiges Mittel hierzu kann eine vertrauenswürdige KI sein. Die jüngste Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung mit dem US-Startup Anthropic verdeutlicht, wie politisch die Gestaltung von KI-Ökosystemen inzwischen geworden ist.6 Auch dies führt zu gravierenden Veränderungen in der Managementforschung.

Ein wichtiger Aspekt, der bei KI-Ökosystemen häufig übersehen wird, sind die ökologischen und sozialen Wirkungen, die von KI-Technologien ausgehen. So erfordern große Sprachmodelle die Arbeit von Crawlern, die Daten zusammentragen und Annatoren, die Texte und Bilder kommentieren, bewerten und beschriften. Diese Arbeit läuft versteckt von der Öffentlichkeit häufig in Ländern des „globalen Südens“ ab. Die Transparenz dieser Lieferketten ist gering.7

 

Managementforschung in Reallaboren des Wandels

In der betriebswirtschaftlichen Forschung dominieren seit langem empirische Ansätze, die überwiegend von Universitäten ausgehen. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten publizieren die Autoren in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die Praktiker aber nur selten lesen. Die Kritik an diesem Rückzug in einen „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ bemängelt, die praktische Relevanz der Forschung habe abgenommen. Diese Kritik ist nicht neu, aber stärker geworden.8

Die Universitäten verteidigen ihre Position mit dem Argument, die Praxisrelevanz der empirischen Forschung basiere auf „Exkursionen ins Feld“, in denen die Sichtweisen relevanter Akteure analysiert würden. Das Ziel der Arbeiten liegt jedoch in der Regel nicht darin, konkrete Objekte wie z.B. neue KI-basierte Geschäftsmodelle in ihrem spezifischen Kontext zu gestalten.9

Insofern unterscheidet sich die betriebswirtschaftliche Forschung von dem gestaltenden Ansatz der Technikwissenschaften, der überwiegend in Laboren und Pilotanlagen abläuft.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung einer inter- oder transdisziplinären Forschung nimmt auch in der Managementwissenschaft inzwischen der Anteil eines verbindenden Gestaltens zu. Diese praxisnahe, Design-orientierte Forschung erfolgt zunehmend in Reallaboren des Wandels.10 Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz, die als Motor für die Gründung von Startups und eine Neuausrichtung etablierter Unternehmen wirkt. Wir vertreten die Auffassung, die Managementforschung sollte nach einer Phase des Rückzugs in Universitäten wieder stärker in der Praxis stattfinden und dabei gestaltende Ansätze nutzen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit dieser Antwort auf die Fragen nach dem Wie und Wo der Forschungsansätze beginnt ein neues Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der Managementforschung. Ein wichtiges Kennzeichen dieser Neuausrichtung auf ein Connective Design ist eine Forschung, in der Wissenschaftler, Berater und Praktiker ihre verschiedenen Perspektiven und Stärken zusammenführen. Der Nutzen liegt in einer besseren Lösung komplexer Probleme ausgehend von neuen wissenschaftlichen Erkentnissen.11

Ein Beispiel liefert die Entwicklung von humanoiden Robotern. In dem rasant wachsenden Markt haben die Unternehmen die besten Chancen, die Software- und Hardware-Kompetenz verbinden. Dabei sind Daten aus der realen Welt der größte Engpass. Der Metzinger Hersteller Neura Robotics hat sich daher entschieden, Trainingshallen für Roboter zu errichten. Eines der ersten dieser Gyms entsteht in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München im Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) am Flughafen München. Im internationalen Wettbewerb mit Unternehmen aus den USA und aus China kommt es bei dieser KI-Anwendung auf eine schnelle Skalierung an.12

Da die gestaltende Managementforschung weniger verbreitet ist, möchte ich kurz ihre Entwicklungsgeschichte skizzieren. Persönlich habe ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder erlebt, wie unterschiedlich die Denk- und Sprachmuster der relevanten Akteure in Theorie und Praxis sind.

 

Grundlagen und Pioniere einer gestaltenden Managementforschung

Die gestaltende Managementforschung basiert auf ähnlichen Grundlagen und wurde durch einige Pioniere geprägt.13 Diese Grundlagen sind:

  1. Das von dem Sozialpsychologen Kurt Lewin ausgegangene Action Research. Lewin setzte sich für eine Verbindung von Theorie und Praxis ein, um reale Probleme zu lösen.
  2. Die durch den Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon geprägte allgemeine Design-Theorie.14 Simon versteht hierunter eine Wissenschaft des Gestaltens von menschengemachten Artefakten und Systemen.
  3. Die von dem Harvard-Professor Chris Argyris konzipierte Action Science.15 Argyris Ziel ist es vor allem, Wissen nutzbar zu machen, um Handlungen in Organisationen zu verbessern.
  4. Dem von Alan Hevner an der Universität South Florida entwickelten Ansatz des Design Science Research (DSR).16 Bei diesem vor allem in der Wirtschaftsinformatik verbreiteten Konzept steht die Lösung von komplexen, realen Problemen durch innovative IT-Systeme im Mittelpunkt.
  5. Das von verschiedenen Wissenschaftlern beschriebene Action Design Research (ADR), das Action Research und Design Science Research verbindet.
Lernprozess Innovationsstrategie

Pioniere einer gestaltenden Managementforschung sind unter anderem die an der Universität Eindhoven lehrenden Joan Ernst van Aken und Georges Romme sowie David Denyer von der Cranfield University in Großbritannien. Van Aken verfolgt das Ziel, die Kluft zwischen Managementtheorie und -praxis zu verringern. Im Vordergrund steht dabei eine transdisziplinäre Forschung zur Lösung praktischer Managementprobleme. Ausgehend von der Design-Theorie erprobt Romme iterative Prozesse bei der Organisationsgestaltung.17 Denyer sieht Managementwissen als gestaltbare Ressource, um reale Probleme zu lösen. Sein Ansatz zur Lösungsorientierung versucht, den Praxistransfer durch Wirkmechanismen und eine Evidenzprüfung mit verschiedenen Informationsquellen zu sichern.

Besonders deutlich werden die Vorteile eines gestaltungsorientierten Ansatzes in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung.

 

Vorteile in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Bei der Anwendung von KI entfalten sich die Vorteile einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung vor allem in Unternehmen, die diesen Ansatz in selbstähnlichen Strategie 5.0-Laboren praktizieren. Das Ziel eines solchen Reallabors ist eine Verbindung der verschiedenen Handlungsfelder für KI-Anwendungen.18 Dabei hilft es, wenn das Gegenstromprinzip aus top-down entstehender KI-Strategie und einer sich bottom-up entwickelnden harmonischen Vielfalt der KI-Anwendungen funktioniert.

Nach unserer Erfahrung aus einer Reihe an Projekten haben die folgenden Vorteile eine besondere Bedeutung:

  • Die Beseitigung von Innovationsbarrieren
  • leistungsfähige und vertrauenswürdige Innovationsökosysteme
  • motivierte Hochleistungsteams
  • ein verbindendes Gestalten als Kernkompetenz
  • ein verbesserter Technologietransfer
  • beschleunigte Lernschleifen mit agilen Methoden sowie
  • konkrete Ergebnisse und messbare Erfolge für alle Stakeholder.

Diese Vorteile ermöglichen eine Neuausrichtung von Innovationssystemen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die Defizite bei der deutschen Energie- und Mobilitätswende sind ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Innovationsbarrieren zu beseitigen.19 Hierbei geht es darum, neue Erkenntnisse der Innovationsforschung in praktisches Handeln umzusetzen.

Das Ziel ist die Gestaltung von leistungsfähigen und vertrauenswürdigen Innovationsökosystemen.20 Ein Kennzeichen dieser Systeme ist die bessere Zusammenarbeit der Akteure aus den Sektoren Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Schlüsselrolle bei der gestaltenden Innovationsforschung haben motivierte Hochleistungsteams.21 Führungskräften kommt die Aufgabe zu, ein unternehmerisches Selbstbild vorzuleben und zu fördern. Dies beginnt bei der Ausbildung und setzt sich in der beruflichen Tätigkeit fort.

Eine dabei zu entwickelnde Kernkompetenz ist das verbindende Gestalten.22 Dies erfordert eine Neuausrichtung von Lehre und Forschung mit KI als Werkzeug. Eine solche Human-Centric AI durchdringt alle Disziplinen.

Ein positiver Nebeneffekt ist der verbesserte Technologietransfer.23 Dabei geht es um eine Überwindung des deutschen Paradoxes zwischen Stärken in der Grundlagenforschung und Schwächen bei der Vermarktung.

Ein Mittel hierzu sind beschleunigte Lernschleifen in Organisationen.24 Dabei kommen agile Methoden zum Einsatz. Wichtig ist, ein allgemeines Vorgehenskonzept an spezifische Problemtypen und die jeweilige Situation anzupassen.

Dabei sollten sich alle Stakeholder an konkreten Ergebnissen und messbaren Erfolgen orientieren.25 Bei gemeinsamen Programmen erfolgt dies mit Hilfe eines transparenten Performance Managements.

Im Folgenden möchte ich ein geeignetes Vorgehenskonzept erläutern.

 

Schritte eines allgemeinen Vorgehenskonzepts

Ein Beispiel für gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung ist die KI-basierte strategische und organisatorische Neuausrichtung eines Unternehmens.26 Bei Themen wie diesem hat sich ein allgemeines Vorgehenskonzept bewährt, das aus den in der Abbildung dargestellten sechs Schritten besteht.

Lernprozess Innovationsstrategie

Der erste Schritt ist eine Analyse des Standes der Forschung sowie von Best-Practise-Beispielen und der spezifischen Ausgangssituation. Hierbei stellt sich die Aufgabe, eine interne und eine externe Perspektive in einem Audit zu verbinden.

Entscheidend ist dann, ein umfassendes Verständnis der Problemkomplexität zu entwickeln, deren Ursachen zu verstehen und sich dabei zwischen den relevanten Akteuren abzustimmen. Erfolgreicher als disziplinäre Forschungsansätze ist dabei eine Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche mit der Praxis.

Auch bei der anschließenden Gestaltung und Auswahl von kreativen Lösungsansätzen spielen transdisziplinäre Teams eine wichtige Rolle. Was für eine einzelne Organisation Neuland, ist kann dabei in der Summe durchaus zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen.

Ein prägendes Kennzeichen der Design-orientierten Innovationsforschung ist die Durchführung von Pilotprojekten für Minimum Viable Solutions (MVS). Diese „minimal funktionsfähigen Lösungen“ werden in Reallaboren des Wandels getestet. Für etablierte Unternehmen erfordert das Arbeiten in Lernschleifen häufig einen Wandel des Mindset. Bei dieser Aufgabe kann die Personalentwicklung unterstützen.

Der fünfte Schritt ist die Planung und Durchführung der Umsetzung. Dies ist eng verbunden mit einer Finanzierung der Skalierung. Deutsche Startups beklagen seit langem Nachteile z.B. gegenüber den USA. Daher ist gerade bei diesem Schritt eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen anzustreben.

Parallel dazu erfolgt eine transparente Leistungsmessung z.B. mit der Objectives and Key Results (OKR-) Methode. Transparent bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Performance Management nicht in sektoralen Silos stattfindet. Für eine Politik, die zwar Ziele festlegt, aber die Erfolgsmessung vernachlässigt, ist dies mit einem Lernprozess verbunden, der auf eine gemeinsame Systemgestaltung durch Innovationsmanager gerichtet ist.

 

Innovationsmanager gestalten komplexe, evolutionäre Systeme

Bereits in unserer 2014 erschienenen Buchpublikation „Der Innovationsmanager“ sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine zentrale Aufgabe von Innovationsmanagern in der Gestaltung von Innovationssystemen und einer Verbindung verschiedener Handlungsfelder liegt.27 Danach haben wir uns intensiv mit der verhaltensökonomischen Perspektive eines solchen verbindenden Gestaltens beschäftigt.28

Die wissenschaftliche Grundlage für das Connective Design bildet die Theorie komplexer, evolutionärer Systeme. Die Übertragung dieses Ansatzes auf sozio-technische Systeme hat einen Paradigmenwechsel im strategischen Management ausgelöst.29 Das neue Management-Paradigma haben US-amerikanische Digital-Unternehmen besser gemeistert als die europäische Wirtschaft.30

Eine weitere Erkenntnis ist, dass es sich bei der Innovationsforschung um eine transdisziplinäre Gestaltungsaufgabe handelt.

 

Inter- oder transdisziplinär?

Wir verwenden bewusst den Begriff transdisziplinär, um deutlich zu machen, dass es nicht nur wie bei dem Begriff interdisziplinär um die Vermittlung zwischen wissenschaftlichen Fächern geht, sondern auch um die Einbeziehung von nichtwissenschaftlichen Akteuren und eine Verbindung zwischen der Theorie und einem praktischen Gestalten.31 Die besondere Komplexität einer transdisziplinären Innovationsforschung resultiert aus

  • der Heterogenität der Disziplinen, die von der naturwissenschaftlichen und technischen Forschung über verschiedene Politikfelder bis zur Managementwissenschaft und Organisationspsychologie reicht
  • den verschiedenen Interessen und Denkmustern z.B. von Wissenschaftlern und Praktikern
  • der Dynamik der Entwicklung und der Anzahl von Ebenen, von der Geopolitik bis zum einzelnen Menschen sowie
  • den unterschiedlichen Rollen der Akteure, z.B. als neutraler Beobachter oder persönlich Betroffener.

Leider mangelt es der transdisziplinären Innovationsforschung in Universitäten bislang an Anerkennung. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Ein wichtiger Grund ist wohl, dass das traditionelle Wissenschafts- und Publikationssystem eher disziplinäre Spitzenleistungen honoriert. Dies ist eine Chance für die anwendungsorientierte Forschung.

 

Transdisziplinäre Forschung zu Nachhaltigkeitsinnovationen

Unsere 1994 erschienene Buchpublikation zum „ökologischen Umsteuern“ von Automobilunternehmen ist aus Beratungsprojekten und einer begleitenden Forschung an der Universität Stuttgart entstanden.32 Diese Forschung war transdisziplinär, aber nur eingeschränkt gestaltend, weil deutsche Unternehmen und die Politik damals unsere Empfehlungen z.B. zu neuen Antriebssystemen nicht umgesetzt haben.

Dreißig Jahre später kämpft die für die deutsche Wirtschaft so wichtige Branche mit gravierenden Problemen. VW, der nach Fahrzeugabsatz zweitgrößte Automobilhersteller weltweit, befindet sich in einem Prozess der strategischen und organisatorischen Neuausrichtung.33 Gleichzeitig sind die geopolitischen Rahmenbedingungen von extremer Unsicherheit geprägt.

Das Beispiel verdeutlicht, dass beim Thema Nachhaltigkeitsinnovation eine transdisziplinäre und gestaltende Forschung für die Sicherung des Wohlstands unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist. 34 In den letzten Jahren hat sich das Thema dynamisch weiterentwickelt. Dabei ist die Verbindung von Umwelttechnik und Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Aus der Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit Digital Greentech Startups können neue Marktführer entstehen, wenn es der europäischen Politik gelingt, die Rahmenbedingungen zu verbessern. 35

Ein Beispiel ist das deutsch-luxemburgische Startup R3 Robotics, das eine KI-gestützte Robotik-Plattform für das Batterierecycling entwickelt hat. Auf diese Weise kann Europa seine Abhängigkeit von Importen verringern und die Nachhaltigkeit von Batterien erhöhen.36

Nach meiner persönlichen Erfahrung sind Studierende an solchen Themen nach wie vor sehr interessiert, weil sie die sich ergebenden Karrierechancen erkennen. Hiervon gehen für unser Expertenetzwerk wichtige Impulse aus.

 

Verbindung von Managementberatung und Personalentwicklung mit einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Unser Expertennetzwerk Competivation verbindet seit langem Managementberatung und Personalentwicklung. Der Vorteil für die Klienten ist ein besseres Preis-Leistungsverhältnis als bei traditionellen Consultants, da ein Schwerpunkt auf der Qualifikation der Mitarbeitenden liegt, die aktiv in die Projekte eingebunden sind.

Seit einigen Jahren ergänzen wir diese Dienstleistung durch eine gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung. Dabei betreuen wir die Abschlussarbeiten von dualen Studierenden und externen Doktoranden, die in der Klientenorganisation an entsprechenden Projekten arbeiten. Hierbei liegt der Vorteil darin, dass die Forschung auf die spezifische Situation des Unternehmens zugeschnitten ist. Die Forschenden und ihr Unternehmen profitieren von der langen Erfahrung unserer Experten.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit diesem Ansatz hat Competivation ein internationales Alleinstellungsmerkmal geschaffen, das auf die Bedürfnisse des KI-Zeitalters ausgerichtet ist.

Eine gestaltende Forschung hat auch weit reichende Implikationen für die Hochschullehre. Dabei verstehen wir uns als innovativen Bildungsanbieter, der die Fähigkeit zu einem KI-unterstützten verbindenden Gestalten von Lösungen für komplexe Managementprobleme vermittelt.37

 

Fazit

  • Bei der Anwendung von KI stehen viele Unternehmen vor der Aufgabe, ihre Position zu verteidigen und mit einem spezifischen Ansatz Wettbewerbsvorteile zu erzielen
  • Dabei kommt es entscheidend auf die Gestaltung von KI-Ökosystemen an
  • Parallel zu dieser Entwicklung verlagern sich Forschungsansatz und -ort in Richtung auf eine gestaltende Innovationsforschung in Reallaboren des Wandels
  • Dabei erlebt die gestaltende Management- und Innovationsforschung eine Renaissance, die sich aus einer Reihe von Vorteilen ergibt
  • Bei diesem transdisziplinären Forschungsansatz hat sich ein Vorgehen in sechs Schritten bewährt, das an den jeweiligen Problemtyp und die Situation angepasst wird.

 

Literatur

[1] Bomke, L., Wie Unternehmen den KI-Stresstest bestehen. In: Handelsblatt, 18. Februar 2026, S. 24

[2] Busch, R., „Wir erschaffen das industrielle Gegenstück zu ChatGPT“ (Interview). In: Manager Magazin, März 2026, S. 86-90

[3] Scheer, O., Das 440-Milliarden-Euro-Potenzial. In: Handelsblatt, 25. Februar 2026, S. 12

[4] Servatius, H.G., Wettbewerbsvorteile mit wissensspezifischer KI. In: Competivation Blog, 11.02.2025

[5] Smolak, H., Mehr Wirkstoffe, weniger Jobs? In: Handelsblatt, 24. Februar 2026, S. 22

[6] Matthes, S., Die Verfassungskrise der Maschinen. In: Handelsblatt, 13./14./15. März 2026, S. 5

[7] Muldoon, J., Feeding the Machine – Hinter den Kulissen der KI-Imperien, Harper Collins 2025

[8] Servatius, H.G., KI und die Zukunft der Management Education. In: Competivation Blog, 09.04.2025

[9] Servatius, H.G., KI als Werkzeug für das strategische Management. In: Competivation Blog, 01.05.2025

[10] Servatius, H.G., Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen. In: Competivation Blog, 29.01.2026

[11] Servatius, H.G., Lernen, Lösungen für komplexe Managementprobleme zu gestalten. In: Competivation Blog, 15.07.2025

[12] Buchenau, M., et al., Die deutschen Konkurrenten der Tesla-Roboter. In: Handelsblatt, 25.03.2026, S. 22-23

[13] Obdenakker, R., Cuijpers, C., Design Science Methodology for the Management Science – From Foundations to Implementation, Springer 2025

[14] Simon, H.A., The Sciences of the Artificial, 3. Aufl., MIT Press1996

[15] Argyris, C., Putnam, R., McLain Smith, A., Action Science – Concepts, Methods and Skills for Research and Intervention, Jossey-Bass 1985

[16] Hevner, A.R., et al., Design Science in Information Systems Research. In: MIS Quarterly, März 2004, S. 75-105

[17] Romme, G., The Quest for Professionalism – The Case of Management and Entrepreneurship, Paperbackshop UK Import 2016

[18] Servatius, H.G., Fraktale Organisation von Strategie 5.0-Laboren. In: Competivation Blog, 28.03.2023

[19] Servatius, H.G., Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ. In: Competivation Blog, 16.05.2022

[20] Servatius, H.G., Design von smarten Innovationsökosystemen. In: Competivation Blog, 12.05.2017

[21] Servatius, H.G., Eine Organisation auf Leistung trimmen. In: Harvard Manager, 1988, Nr. 4, S. 128-134

[22] Servatius, H.G., Let‘s Connect! Personalentwicklung für Stakeholder-Ökosysteme. In: IM+io, 2023, Heft 1, S. 40-41

[23] Servatius, H.G., Innovationsstrategien gemeinsam mit Stakeholdern gestalten. In: Competivation Blog, 31.08.2018

[24] Servatius, H.G., GenAI-basierte strategische Lernschleifen als verbindendes Prozessmuster. In: Competivation Blog, 15.08.2024

[25] Servatius, H.G., Von der digitalen Fitness zu Key Performance Indicators. In: Competivation Blog, 05.07.2017

[26] Servatius, H.G., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 07.06.2024

[27] Servatius, H.G., Gestaltung des Innovationssystems von Unternehmen. In: Servatius, H.G., Piller, F.D., (Hrsg.), Der Innovationsmanager – Wertsteigerung durch ein ganzheitliches Innovationsmanagement, Symposion 2014, S. 21-64

[28] Servatius, H.G., Wie Manager das Innovationssystem verhaltensökonomisch gestalten. In: IM+io, September 2015, Heft 3, S. 20-27

[29] Servatius, H.G., Entwicklung und Wandel des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 19.09.2025

[30] Servatius, H.G., Von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen. In: Competivation Blog, 12.07.2024

[31] Schmohl, T., Philipp, T. (Hrsg.), Handbuch transdisziplinäre Didaktik, Transcript 2021

[32] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Piper 1994

[33] Backovic, L., Weniger Volkswagen wagen. In: Handelsblatt, 20./ 21./ 22. März 2026, S. 50-54

[34] Servatius, H.G., Konnektivität bei Nachhaltigkeitsinnovationen. In: Competivation Blog, 01.02.2022

[35] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S. (Hrsg.), Mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zum klimaneutralen Unternehmen, SpringerGabler 2023, S. 71-94

[36] Höpner, A., Mit KI Elektroautos recyceln. In: Handelsblatt, 23. März 2026, S. 29

[37] Servatius H.G., Disruption der Management Education für KI-basierte Neuausrichtungen. In: Competivation Blog, 10.10.2025

Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ

Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ

Angesichts einer Vielzahl von Herausforderungen suchen die Wähler und Wählerinnen nach einer neuen sinnstiftenden Erzählung der Wirtschaftspolitik. Zwischen den Parteien gibt es einen zunehmenden Wettbewerb um ein erfolgreiches Narrativ. Ein wichtiges Thema bei der gestrigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen war: Klimaschutz und Industrie in Einklang bringen.

 

In unserem Blogpost stellen wir ein mögliches Narrativ zur Diskussion

 

Von einzelnen Maßnahmen zu einer integrierenden Erzählung

Mit ihrem 2020 erschienenen Buch Neustaat haben CDU/CSU-Politiker und Experten einen beeindruckenden Maßnahmenkatalog für eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik vorgelegt.1 Die 103 Vorschläge bedürfen jedoch der Ergänzung um eine integrierende Erzählung als Klammerfunktion für die einzelnen Maßnahmen.

Unter einem solchen neuen Narrativ der Wirtschaftspolitik verstehen wir eine sinnstiftende Erzählung, die Werte und Emotionen transportiert.2 Das Narrativ ist ein Deutungsangebot der Politik zur Bewältigung von Herausforderungen und Krisen.

Aufgrund der Herausforderungen der Digitalisierung und des Klimawandels sowie der durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine ausgelösten Krisen arbeiten die politischen Parteien in Europa an einem neuen Narrativ für die Wirtschaftspolitik.

 

Zwei Ebenen des neuen Narrativs

Gegenwärtig zeichnet sich die Entstehung eines solchen neuen Narrativs der Wirtschaftspolitik mit zwei komplementären Ebenen ab. Auf der ersten Ebene steht eine konnektive Wirtschaftspolitik, die verschiedene Politikfelder, wie die Innovations-, Nachhaltigkeits-, Digital- und Geopolitik verbindet. Das damit einhergehende Nutzenversprechen für den Wähler sind Problemlösungen, die traditionelle Ressortgrenzen überwinden.3

Auf der zweiten Ebene erfolgen eine gemeinsame Gestaltung von Innovationsfeldern und der Abbau von Innovationsbarrieren. Dies erfordert eine bessere Zusammenarbeit von Stakeholdern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Das Weltwirtschaftsforum hat für dieses gemeinsame Design von Stakeholder-Systemen den Begriff Governance 4.0 geprägt.4

 

Lernprozess Innovationsstrategie

 

Das Narrativ einer verbindenden Wirtschaftspolitik steht in Konkurrenz zu anderen Erzählungen, wie z.B. der von einer Mission Economy. Dieses Konzept der Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzuccato orientiert sich am Erfolg des US-amerikanischen Mondflugprogramms.5 Im Mittelpunkt steht die Vorstellung von einer aktiveren Rolle des Staates im Rahmen der Veränderung des marktwirtschaftlichen Systems. Wie genau die neue Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft in der Mission Economy aussehen soll, bleibt jedoch unklar.

Im Folgenden skizzieren wir die beiden Ebenen einer konnektiven Wirtschaftspolitik, die einen Gegenentwurf zur Mission Economy darstellt.

 

Eine Wirtschaftspolitik, die verschiedene Politikfelder verbindet

Ein Innovationsfeld, bei dem die Notwendigkeit einer verbindenden Wirtschaftspolitik deutlich wird, ist die Künstliche Intelligenz. KI wird die Spielregeln des Wettbewerbs von Unternehmen und Staaten weiter verändern.6 In Deutschland bedarf die 2020 fortgeschriebene KI-Strategie der Bundesregierung einer Überarbeitung und Übersetzung in wirksamere Programme.7 Hierfür sind geeignete Formate zur Einbeziehung der Stakeholder zu finden.

Aufgabe einer verbindenden Wirtschaftspolitik wäre es, die Rahmenbedingungen für einen Aufholprozess Europas und seiner Regionen zu verbessern. Dies erfordert eine KI-Strategie, die verschiedene Politikfelder orchestriert. Aufgabe der Bildungs- und Forschungspolitik wäre es, sowohl die Aus- und Weiterbildung zu erneuern als auch die Forschungsförderung gezielter auf den Technologietransfer auszurichten. Eine Digitalpolitik müsste an der öffentlichen Infrastruktur und Verwaltung ansetzen. In den Bereich der Nachhaltigkeitspolitik fällt die Aufgabe, KI-Anwendungen zur Bewältigung des Klimawandels voranzutreiben und den von KI ausgehenden Abbau von Arbeitsplätzen sozialverträglich zu gestalten. Dies alles erfolgt vor dem Hintergrund veränderter geopolitischer Bedingungen, bei denen Europa vor der Herausforderung steht, seine technologische Souveränität zurückzugewinnen und eigene Wertvorstellungen zu verteidigen.

 

Lernprozess Innovationsstrategie

 

Eine solche Verbindung von Politikfeldern erleichtert die Zusammenarbeit von Stakeholdern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in Innovationsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz.

 

Zusammenarbeit von Stakeholdern in Innovationsfeldern

In Deutschland weitgehend unbemerkt ist Ende der 1950er Jahre an der Stanford University im Silicon Valley die agile Innovationsmethode des Design Thinking entstanden.8 Der Nutzen dieser Methode liegt unter anderem in einer Verbesserung der interdisziplinaren Zusammenarbeit ausgehend von einem gemeinsamen Prozessverständnis. In erfolgreichen Digitalunternehmen und Start-ups ist diese Methode seit langem Standard. Manager etablierter Unternehmen, die Design Thinking einführen wollen, sehen sich jedoch häufig in der Rolle von Missionaren, die auf das traditionelle Mindset ihrer Führungskraft treffen. Die Erfahrungen beim Design Thinking liefern reichlich Material für ein gemeinsames Narrativ von Stakeholdern aus verschiedenen Sektoren.

Ein ähnliches Dilemma wie beim Innovationsmanagement besteht nämlich bei der Zusammenarbeit dieser Bezugsgruppen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, die gemeinsam Innovationsfelder vorantreiben und Innovationsbarrieren abbauen wollen. Es fehlt an einer gemeinsamen Vorgehensmethode und – vielleicht noch wichtiger – an einer verbindenden Grundhaltung als Voraussetzung für erfolgreiche Kooperationen.

 

Lernprozess Innovationsstrategie

 

Zur Überwindung dieser Defizite müssten sich die Akteure aufeinander zubewegen. Wichtig wäre es auch, bei Programmen gemeinsame Ziele und Ergebnisse zu formulieren.9 In innovativen Unternehmen hat sich hierbei die Objectives and Key Results (OKR-) Methode bewährt. Die Schaffung einer neuen Koordinationseinheit wie der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) mag ein weiterer Schritt in diese Richtung sein, wenn es gelingt Partikularinteressen zu überwinden.10 Hierbei könnte ein gemeinsames Narrativ eine wichtige Rolle spielen.

 

Ein entstehendes Narrativ als Lernprozess

Die verantwortlichen Akteure sollten das entstehende neue Narrativ einer verbindenden Wirtschaftspolitik als Lernprozess begreifen. Interessante Anregungen können dabei von atypischen Erfolgsgeschichten wie der des Impfstoffpioniers BioNTech kommen.11 Darüber hinaus wäre es notwendig, dieses Narrativ auszugestalten und in gemeinsamen Projekten zu konkretisieren. Diese Initiativen können auf regionaler, nationaler oder EU-Ebene starten. Wichtig wäre, aus den gewonnenen Erfahrungen die richtigen Schlussfolgerungen abzuleiten. Ein solcher Prozess hat eher evolutionären als transformativen Charakter, auch wenn das Ergebnis ein grundlegender Wandel sein kann.12 In unserer praktischen Arbeit unterstützen wir Akteure auf diesem Weg und freuen uns auf Ihr Feedback.

 

Fazit

  • Aktuelle Herausforderungen und Krisen haben die Suche nach einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ verstärkt
  • Ein Gegenentwurf zum Konzept der Mission Economy ist die konnektive Wirtschaftspolitik
  • Im Mittelpunkt steht dabei eine Verbesserung der Verbindungen zwischen Politikfeldern und Stakeholdern
  • Ein Beispiel für die Notwendigkeit einer solchen sinnstiftenden Erzählung liefert das Innovationsfeld Künstliche Intelligenz

 

Literatur

[1] Heilmann, T., Schön, N. (Hrsg.), Neustaat – Politik und Staat müssen sich ändern, 2. Aufl., München 2020

[2] Jarzebski, S.: Erzählte Politik – Politische Narrative im Bundestagswahlkampf, Wiesbaden 2020

[3] Delhaes, D., Die Bundesregierung rangelt bei der Digitalpolitik weiter um Kompetenzen. In: Handelsblatt, 25.03.2022

[4] Schwab, K., Die Vision einer Governance 4.0, In: Handelsblatt, 21./22./23. Januar 2022, S. 64

[5] Mazzucato, M., Mission Economy – A Moonshot Guide to Changing Capitalism, Dublin 2021

[6] Kaufmann, T., Servatius, H.G., Das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz als Game Changer – Wege zu einem Management 4.0 und einer digitalen Architektur, Wiesbaden 2020

[7] Die Bundesregierung (Hrsg.), Nationale Strategie für Künstliche Intelligenz – AI Made in Germany, Fortschreibung 2020

[8] Arnold, J.E., Creative Engineering – Promoting Innovation by Thinking Differently, Stanford 1959

[9] Doerr, J., Speed & Scale – An Action Plan for Solving Our Climate Crisis Now, New York 2021

[10] DIHK (Hrsg.), DIHK-Impulspapier zur Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI), 10.03.2022

[11] Miller, J., Sahin, A., Türeci, Ö., Projekt Lightspeed – Der Weg zum BioNTech-Impfstoff und zu einer Medizin von morgen, Hamburg 2021, S. 177 ff.

[12] Servatius, H.G., Warum der digitale Wandel evolutionär verläuft. In: Competivation Blog, 09.11.2021

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