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In der September-Ausgabe der Zeitschrift IM+io beschäftigt sich Hans-Gerd Servatius mit den Möglichkeiten eines verhaltensökonomischen Innovationsmanagements.1 Im Interview mit Chefredakteur Wolf-Dietrich Lorenz erläutert er diesen neuen Ansatz.

Wolf-Dietrich Lorenz: Herr Servatius, wie haben sich die wissenschaftlichen Sichtweisen von Managern entwickelt, und welche Rolle spielt dabei die Verhaltensökonomie?

Hans-Gerd Servatius: In den letzten Jahrzehnten haben verschiedene wissenschaftliche Sichtweisen das Managerbild geprägt. Die neoklassische Ökonomie sieht das Denken und Handeln von Managern weitgehend auf Rationalität reduziert. Obwohl der Manager, der in den Lehrbüchern als rationaler Planer und Nutzenoptimierer beschrieben wird, wenig mit der Realität zu tun hat, nimmt die Erforschung dieser Eigenschaften in der Management-Wissenschaft einen großen Raum ein.

Demgegenüber verfolgen wichtige Vertreter der Verhaltensökonomie das Ziel, Verhaltensweisen von Menschen in wirtschaftlichen Situationen zu erforschen, die im Widerspruch zur Modellannahme des rational agierenden Homo ökonomicus stehen. Die Verhaltensökonomie berücksichtigt also stärker die Grenzen der Rationalität, und ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wann Menschen im Allgemeinen und auch Manager Opfer von kognitiven Verzerrungen werden. Diese Sichtweise hat das Managerbild wesentlich erweitert, allerdings in einer einseitigen Weise. So hat sich die Verhaltensökonomie bislang relativ wenig mit kreativen und schöpferischen Aktivitäten beschftigt.

Wir plädieren daher für eine Erweiterung dieser Sichtweise im Rahmen eines verhaltensökonomisch orientierten Innovationsmanagements. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die sätrkere Einbeziehung von strategischer Intuition und unternehmerischer Kreativität. Seit den Arbeiten von Joseph Schumpeter sieht man den Innovator zwar als schöpferischen Gestalter und Zerstörer. Die Rolle von Innovationsmanagern als Gestalter von Innovationssystemen ist bislang aber noch wenig erforscht.

Wolf-Dietrich Lorenz: Welcher konkrete Nutzen für Unternehmensinnovationen lässt sich durch verhaltensökonomische Managementaspekte erzielen?

Hans-Gerd Servatius: Verhaltensökonomische Managementaspekte zielen darauf ab, das Potenzial von Forschern und Innovationsmanagern zu erkennen und gezielt zu entwickeln. Das kann z.B. damit beginnen, Vertrauen in die eigene Kreativität zu fördern. Sie zielen auch darauf ab, Innovationsbarrieren abzubauen. Für primär Effizienz orientierte Führungskräfte ist dies mit einer Erweiterung ihrer Kompetenzen verbunden. Sie lernen, wie man Innovatoren dabei unterstützt, Höchstleistungen zu erbringen, aber auch mit Rückschlägen umzugehen. Der Nutzen für Unternehmensinnovationen besteht also darin, positive Verhaltenseffekte zu verstärken und negative Effekte zu reduzieren.

Wolf-Dietrich Lorenz: Welche Verhaltensmuster zeichnen erfolgreiche verhaltensökonomisch geprägte Innovationsmanager vor allem aus?

Hans-Gerd Servatius: Ein verhaltensökonomisch geprägter Innovationsmanager verfügt neben technischer und wirtschaftlicher Kompetenz über die Fähigkeit, die Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen bei Innovationsprozessen zu verstehen und in einer positiven Weise zu beeinflussen. Ein erfolgreiches Verhaltensmuster ist z.B. das eines Orchestrierers, der die richtigen Akteure zusammenbringt und zu gemeinsamen Erfolgen führt. Ein weiteres wichtiges Muster ist der angemessene Umgang mit Unsicherheit und Widerstand, wie er typisch für Innovationsprozesse ist. Das kann z.B. bedeuten, Organisationsmitgliedern die Angst zu nehmen, sich auf etwas Neues einzulassen. Wichtig ist also, die emotionalen Aspekte des Themas Innovation – und zwar positive wie negative – stärker zu berücksichtigen.

Wolf-Dietrich Lorenz: Wie weit sind die Kultur und das Klima von Unternehmen bereits auf diese neue Sichtweise vorbereitet?

Hans-Gerd Servatius: Viele der sogenannten Hidden Champions haben das immer schon mehr oder weniger intuitiv richtig gemacht. Auch in Großunternehmen gibt es neben der Bürokratie häufig Inseln mit einem innovationsfördernden Klima. Richtig deutlich wird der Anpassungsbedarf gegenwärtig aber beim digitalen Wandel, der neue agilere Verhaltensmuster erfordert, wie sie z.B. in Startups verbreitet sind. Großunternehmen erkennen gegenwärtig, dass in vielen Mitarbeitern Potenziale stecken, die sie besser nutzen müssen und den Mitarbeitern macht es Spaß, wenn Sie ihre Fähigkeiten einbringen können und nicht an kulturellen Barrieren scheitern. Das Innovationsmanagement braucht also eine positive Erweiterung der Verhaltensökonomie, die sich verstärkt mit der Ausschöpfung von Potenzialen beschäftigt.

Wolf-Dietrich Lorenz: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Literatur

  1. Servatius, H. G.: Wie Manager das Innovationssystem verhaltensökonomisch gestalten – Ein potenzialorientierter Ansatz: In: IM+io – Das Magazin für Innovation, Organisation und Management, Heft 3, September 2015, S. 20-27