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Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Gestaltende Innovationsforschung zu KI-Anwendungen

Weltweit stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, bei der Künstlichen Intelligenz (KI) nicht den Anschluss zu verlieren und mit KI-Werkzeugen, die ihr spezifisches Wissen nutzen, Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Entwicklung führt zur Renaissance einer gestaltenden Management- und Innovationsforschung, die das Ziel hat, Theorie und Praxis zu verbinden. Dabei verlagert sich die Forschung von der empirischen Arbeit an Universitäten zu einem verbindenden Gestalten in Reallaboren des Wandels.

 

In diesem Blogpost skizziere ich die Entwicklung des gestaltenden Forschungsansatzes, zeige seine Vorteile auf und erläutere ein allgemeines Vorgehenskonzept.

 

Jahr der Entscheidung bei der Anwendung von KI

2026 könnte zum Jahr werden, in dem sich für viele Unternehmen entscheidet, ob bei der Anwendung von KI der Durchbruch gelingt oder ob es bei isolierten Pilotprojekten bleibt. Nach einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Forrester berichten nur 15 Prozent der Entscheider, dass der Einsatz von KI bislang messbar zum operativen Ergebnis ihrer Unternehmen beigetragen hat. Dies könnte dazu führen, dass diese rund ein Viertel ihrer geplanten Ausgaben für KI auf 2027 verschieben. Die Gefahr bei einer zu zögerlichen KI-Anwendung ist jedoch, dass so ein Rückstand entsteht, der nur schwer aufzuholen ist.1

Andererseits gelingt es Vorreiter-Unternehmen, mit einer an ihre spezifische Situation angepassten KI deutliche Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Pioniere praktizieren eine gestaltende Management- und Innovationsforschung, um so die Grundlage für Erfolge zu schaffen. Ein Beispiel ist Siemens, das das weltweite größte und breiteste Angebot an industriellen KI-Anwendungen gestalten und seinen Unternehmenswert verdoppeln möchte.2

Das Institut der Deutschen Wirtschaftsforschung (IW) prognostiziert, dass das Potenzial zur Steigerung der Bruttowertschöpfung durch den Einsatz von KI bis 2034 in Deutschland bei 440 Milliarden Euro liegt. Davon entfallen 110 Milliarden Euro auf mögliche Innovationen und 330 Milliarden Euro auf einer Steigerung der Produktivität. Für den Industriestandort Deutschland bildet vor allem die Anwendung von KI eine Chance. Das hat auch Google, die Tochter des US-Technologiekonzerns Alphabet erkannt. Man wird in Deutschland 5,5 Milliarden Euro investieren und in Berlin ein Zentrum für KI-Anwendungen eröffnen, wo auch eigene Forscher angesiedelt sind.3

Aus dieser neuen Lage ergeben sich spannende Implikationen für die Gestaltung von KI-Ökosystemen.

 

Gestaltung von KI-Ökosystemen

Die Chance für etablierte Unternehmen liegt in einer wissensspezifischen KI, bei der KI-Werkzeuge das spezielle Know-how der Unternehmen nutzen und verstärken.4 Dies gelingt am besten in KI-Ökosystemen.

Unter dem Begriff KI-Ökosystem versteht man ein dynamisches Netzwerk mit guten Verbindungen zwischen verschiedenen Akteuren, die KI-Technologien nutzen, um Innovationen zu gestalten und zu verbreiten. KI-Ökosysteme können auf eine Region konzentriert sein und sich um einen Kern herum entwickelt haben, z.B. eine Universität oder ein Unternehmen. Das bekannteste und einflussreichste KI-Ökosystem der Welt ist im Silicon Valley in der San Francisco Bay Area entstanden. Den Kern des Silicon Valley hat in den 1930er Jahren die Stanford University nahe Palo Alto gebildet. 1939 gründeten Bill Hewlett und David Packard dort in einer Garage das Unternehmen HP. Später haben sich hier führende Halbleiter-Unternehmen, die dem Tal seinen Namen gegeben haben und einige der großen KI-Anbieter angesiedelt.

Die Stanford University ist das Vorbild für Helmut Schöneberger gewesen, den Chef des Münchner Gründerzentrums Unternehmertum. Entscheidend für den Erfolg waren dabei die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und die Unterstützung durch die BMW-Gesellschafterin Susanne Klatten: Daneben sind in München weitere Gründerzentren entstanden, wie z.B. das Center for Digital Technology and Management (CDTM), das den transdisziplinären Master-Studiengang Technology Management anbietet, dabei eng mit Industriepartnern zusammenarbeitet und über 250 Unternehmensgründungen hervorgebracht hat.

2025 haben Startups in München 3,3 Milliarden Euro Risikokapital erhalten und damit bei diesem Kriterium Berlin auf Rang 2 verdrängt, wo Jungunternehmen 2,7 Milliarden Euro einsammeln konnten. Daneben sind aber auch in anderen deutschen Regionen KI-Ökosysteme mit erfolgreichen Startups entstanden.

Schlüsselakteure in KI-Ökosystemen sind:

  • Verantwortliche in relevanten Politikfeldern und auf verschiedenen Ebenen von Ländern und Regionen
  • Universitäten und Schulen
  • KI-Startups, die als Ausgründungen entstanden sind oder sich in einer Region angesiedelt haben
  • Wagniskapitalgeber, die mit Venture Capital das Wachstum der KI-Startups finanzieren
  • große Anbieter von KI-Hardware und -Software, die mit ihrer Kapitalkraft die Finanzmärkte prägen und einen erheblichen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft haben sowie
  • etablierte Unternehmen und ihre Mitarbeitenden, die KI anwenden, mit Startups zusammenarbeiten und sich an ihnen beteiligen.

Ein interessantes Beispiel für neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups liefert die Pharmaforschung.

Lernprozess Innovationsstrategie

In der Pharmabranche beschleunigen Techbio-Unternehmen, wie das französische Startup Owkin mithilfe von KI die frühe Wirkstoffforschung. Eine erste Welle von Medikamenten, die so entwickelt wurden, befindet sich in klinischen Studien. Eine mögliche Form der Zusammenarbeit ist, dass KI-Biotechs die frühe Wirkstoffsuche übernehmen und etablierte Pharma-Unternehmen die späteren Phasen und die Vermarktung. Eine andere Option ist, dass Pharma-Unternehmen die KI-Startups akquirieren und entsprechende eigene Kompetenzen aufbauen. In jedem Fall steht die forschungsintensive Branche vor einem grundlegenden Wandel, bei dem die Gestaltung von KI-Ökosystemen ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.5 Das Beispiel verdeutlicht, dass sich mit dem Wandel von Branchen auch die Managementforschung verändert.

Künstliche Intelligenz ist aber nicht nur Treiber von Produktivität und Innovation, sondern stellt auch eine potenzielle Bedrohung dar. Angesichts der Veränderungen der Geopolitik kommt es für Europa darauf an, Gestaltungsmacht zurückzugewinnen. Ein wichtiges Mittel hierzu kann eine vertrauenswürdige KI sein. Die jüngste Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung mit dem US-Startup Anthropic verdeutlicht, wie politisch die Gestaltung von KI-Ökosystemen inzwischen geworden ist.6 Auch dies führt zu gravierenden Veränderungen in der Managementforschung.

Ein wichtiger Aspekt, der bei KI-Ökosystemen häufig übersehen wird, sind die ökologischen und sozialen Wirkungen, die von KI-Technologien ausgehen. So erfordern große Sprachmodelle die Arbeit von Crawlern, die Daten zusammentragen und Annatoren, die Texte und Bilder kommentieren, bewerten und beschriften. Diese Arbeit läuft versteckt von der Öffentlichkeit häufig in Ländern des „globalen Südens“ ab. Die Transparenz dieser Lieferketten ist gering.7

 

Managementforschung in Reallaboren des Wandels

In der betriebswirtschaftlichen Forschung dominieren seit langem empirische Ansätze, die überwiegend von Universitäten ausgehen. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten publizieren die Autoren in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die Praktiker aber nur selten lesen. Die Kritik an diesem Rückzug in einen „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ bemängelt, die praktische Relevanz der Forschung habe abgenommen. Diese Kritik ist nicht neu, aber stärker geworden.8

Die Universitäten verteidigen ihre Position mit dem Argument, die Praxisrelevanz der empirischen Forschung basiere auf „Exkursionen ins Feld“, in denen die Sichtweisen relevanter Akteure analysiert würden. Das Ziel der Arbeiten liegt jedoch in der Regel nicht darin, konkrete Objekte wie z.B. neue KI-basierte Geschäftsmodelle in ihrem spezifischen Kontext zu gestalten.9

Insofern unterscheidet sich die betriebswirtschaftliche Forschung von dem gestaltenden Ansatz der Technikwissenschaften, der überwiegend in Laboren und Pilotanlagen abläuft.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung einer inter- oder transdisziplinären Forschung nimmt auch in der Managementwissenschaft inzwischen der Anteil eines verbindenden Gestaltens zu. Diese praxisnahe, Design-orientierte Forschung erfolgt zunehmend in Reallaboren des Wandels.10 Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz, die als Motor für die Gründung von Startups und eine Neuausrichtung etablierter Unternehmen wirkt. Wir vertreten die Auffassung, die Managementforschung sollte nach einer Phase des Rückzugs in Universitäten wieder stärker in der Praxis stattfinden und dabei gestaltende Ansätze nutzen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit dieser Antwort auf die Fragen nach dem Wie und Wo der Forschungsansätze beginnt ein neues Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der Managementforschung. Ein wichtiges Kennzeichen dieser Neuausrichtung auf ein Connective Design ist eine Forschung, in der Wissenschaftler, Berater und Praktiker ihre verschiedenen Perspektiven und Stärken zusammenführen. Der Nutzen liegt in einer besseren Lösung komplexer Probleme ausgehend von neuen wissenschaftlichen Erkentnissen.11

Ein Beispiel liefert die Entwicklung von humanoiden Robotern. In dem rasant wachsenden Markt haben die Unternehmen die besten Chancen, die Software- und Hardware-Kompetenz verbinden. Dabei sind Daten aus der realen Welt der größte Engpass. Der Metzinger Hersteller Neura Robotics hat sich daher entschieden, Trainingshallen für Roboter zu errichten. Eines der ersten dieser Gyms entsteht in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München im Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) am Flughafen München. Im internationalen Wettbewerb mit Unternehmen aus den USA und aus China kommt es bei dieser KI-Anwendung auf eine schnelle Skalierung an.12

Da die gestaltende Managementforschung weniger verbreitet ist, möchte ich kurz ihre Entwicklungsgeschichte skizzieren. Persönlich habe ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder erlebt, wie unterschiedlich die Denk- und Sprachmuster der relevanten Akteure in Theorie und Praxis sind.

 

Grundlagen und Pioniere einer gestaltenden Managementforschung

Die gestaltende Managementforschung basiert auf ähnlichen Grundlagen und wurde durch einige Pioniere geprägt.13 Diese Grundlagen sind:

  1. Das von dem Sozialpsychologen Kurt Lewin ausgegangene Action Research. Lewin setzte sich für eine Verbindung von Theorie und Praxis ein, um reale Probleme zu lösen.
  2. Die durch den Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon geprägte allgemeine Design-Theorie.14 Simon versteht hierunter eine Wissenschaft des Gestaltens von menschengemachten Artefakten und Systemen.
  3. Die von dem Harvard-Professor Chris Argyris konzipierte Action Science.15 Argyris Ziel ist es vor allem, Wissen nutzbar zu machen, um Handlungen in Organisationen zu verbessern.
  4. Dem von Alan Hevner an der Universität South Florida entwickelten Ansatz des Design Science Research (DSR).16 Bei diesem vor allem in der Wirtschaftsinformatik verbreiteten Konzept steht die Lösung von komplexen, realen Problemen durch innovative IT-Systeme im Mittelpunkt.
  5. Das von verschiedenen Wissenschaftlern beschriebene Action Design Research (ADR), das Action Research und Design Science Research verbindet.
Lernprozess Innovationsstrategie

Pioniere einer gestaltenden Managementforschung sind unter anderem die an der Universität Eindhoven lehrenden Joan Ernst van Aken und Georges Romme sowie David Denyer von der Cranfield University in Großbritannien. Van Aken verfolgt das Ziel, die Kluft zwischen Managementtheorie und -praxis zu verringern. Im Vordergrund steht dabei eine transdisziplinäre Forschung zur Lösung praktischer Managementprobleme. Ausgehend von der Design-Theorie erprobt Romme iterative Prozesse bei der Organisationsgestaltung.17 Denyer sieht Managementwissen als gestaltbare Ressource, um reale Probleme zu lösen. Sein Ansatz zur Lösungsorientierung versucht, den Praxistransfer durch Wirkmechanismen und eine Evidenzprüfung mit verschiedenen Informationsquellen zu sichern.

Besonders deutlich werden die Vorteile eines gestaltungsorientierten Ansatzes in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung.

 

Vorteile in der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Bei der Anwendung von KI entfalten sich die Vorteile einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung vor allem in Unternehmen, die diesen Ansatz in selbstähnlichen Strategie 5.0-Laboren praktizieren. Das Ziel eines solchen Reallabors ist eine Verbindung der verschiedenen Handlungsfelder für KI-Anwendungen.18 Dabei hilft es, wenn das Gegenstromprinzip aus top-down entstehender KI-Strategie und einer sich bottom-up entwickelnden harmonischen Vielfalt der KI-Anwendungen funktioniert.

Nach unserer Erfahrung aus einer Reihe an Projekten haben die folgenden Vorteile eine besondere Bedeutung:

  • Die Beseitigung von Innovationsbarrieren
  • leistungsfähige und vertrauenswürdige Innovationsökosysteme
  • motivierte Hochleistungsteams
  • ein verbindendes Gestalten als Kernkompetenz
  • ein verbesserter Technologietransfer
  • beschleunigte Lernschleifen mit agilen Methoden sowie
  • konkrete Ergebnisse und messbare Erfolge für alle Stakeholder.

Diese Vorteile ermöglichen eine Neuausrichtung von Innovationssystemen.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die Defizite bei der deutschen Energie- und Mobilitätswende sind ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Innovationsbarrieren zu beseitigen.19 Hierbei geht es darum, neue Erkenntnisse der Innovationsforschung in praktisches Handeln umzusetzen.

Das Ziel ist die Gestaltung von leistungsfähigen und vertrauenswürdigen Innovationsökosystemen.20 Ein Kennzeichen dieser Systeme ist die bessere Zusammenarbeit der Akteure aus den Sektoren Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Schlüsselrolle bei der gestaltenden Innovationsforschung haben motivierte Hochleistungsteams.21 Führungskräften kommt die Aufgabe zu, ein unternehmerisches Selbstbild vorzuleben und zu fördern. Dies beginnt bei der Ausbildung und setzt sich in der beruflichen Tätigkeit fort.

Eine dabei zu entwickelnde Kernkompetenz ist das verbindende Gestalten.22 Dies erfordert eine Neuausrichtung von Lehre und Forschung mit KI als Werkzeug. Eine solche Human-Centric AI durchdringt alle Disziplinen.

Ein positiver Nebeneffekt ist der verbesserte Technologietransfer.23 Dabei geht es um eine Überwindung des deutschen Paradoxes zwischen Stärken in der Grundlagenforschung und Schwächen bei der Vermarktung.

Ein Mittel hierzu sind beschleunigte Lernschleifen in Organisationen.24 Dabei kommen agile Methoden zum Einsatz. Wichtig ist, ein allgemeines Vorgehenskonzept an spezifische Problemtypen und die jeweilige Situation anzupassen.

Dabei sollten sich alle Stakeholder an konkreten Ergebnissen und messbaren Erfolgen orientieren.25 Bei gemeinsamen Programmen erfolgt dies mit Hilfe eines transparenten Performance Managements.

Im Folgenden möchte ich ein geeignetes Vorgehenskonzept erläutern.

 

Schritte eines allgemeinen Vorgehenskonzepts

Ein Beispiel für gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung ist die KI-basierte strategische und organisatorische Neuausrichtung eines Unternehmens.26 Bei Themen wie diesem hat sich ein allgemeines Vorgehenskonzept bewährt, das aus den in der Abbildung dargestellten sechs Schritten besteht.

Lernprozess Innovationsstrategie

Der erste Schritt ist eine Analyse des Standes der Forschung sowie von Best-Practise-Beispielen und der spezifischen Ausgangssituation. Hierbei stellt sich die Aufgabe, eine interne und eine externe Perspektive in einem Audit zu verbinden.

Entscheidend ist dann, ein umfassendes Verständnis der Problemkomplexität zu entwickeln, deren Ursachen zu verstehen und sich dabei zwischen den relevanten Akteuren abzustimmen. Erfolgreicher als disziplinäre Forschungsansätze ist dabei eine Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche mit der Praxis.

Auch bei der anschließenden Gestaltung und Auswahl von kreativen Lösungsansätzen spielen transdisziplinäre Teams eine wichtige Rolle. Was für eine einzelne Organisation Neuland, ist kann dabei in der Summe durchaus zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen.

Ein prägendes Kennzeichen der Design-orientierten Innovationsforschung ist die Durchführung von Pilotprojekten für Minimum Viable Solutions (MVS). Diese „minimal funktionsfähigen Lösungen“ werden in Reallaboren des Wandels getestet. Für etablierte Unternehmen erfordert das Arbeiten in Lernschleifen häufig einen Wandel des Mindset. Bei dieser Aufgabe kann die Personalentwicklung unterstützen.

Der fünfte Schritt ist die Planung und Durchführung der Umsetzung. Dies ist eng verbunden mit einer Finanzierung der Skalierung. Deutsche Startups beklagen seit langem Nachteile z.B. gegenüber den USA. Daher ist gerade bei diesem Schritt eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen anzustreben.

Parallel dazu erfolgt eine transparente Leistungsmessung z.B. mit der Objectives and Key Results (OKR-) Methode. Transparent bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Performance Management nicht in sektoralen Silos stattfindet. Für eine Politik, die zwar Ziele festlegt, aber die Erfolgsmessung vernachlässigt, ist dies mit einem Lernprozess verbunden, der auf eine gemeinsame Systemgestaltung durch Innovationsmanager gerichtet ist.

 

Innovationsmanager gestalten komplexe, evolutionäre Systeme

Bereits in unserer 2014 erschienenen Buchpublikation „Der Innovationsmanager“ sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine zentrale Aufgabe von Innovationsmanagern in der Gestaltung von Innovationssystemen und einer Verbindung verschiedener Handlungsfelder liegt.27 Danach haben wir uns intensiv mit der verhaltensökonomischen Perspektive eines solchen verbindenden Gestaltens beschäftigt.28

Die wissenschaftliche Grundlage für das Connective Design bildet die Theorie komplexer, evolutionärer Systeme. Die Übertragung dieses Ansatzes auf sozio-technische Systeme hat einen Paradigmenwechsel im strategischen Management ausgelöst.29 Das neue Management-Paradigma haben US-amerikanische Digital-Unternehmen besser gemeistert als die europäische Wirtschaft.30

Eine weitere Erkenntnis ist, dass es sich bei der Innovationsforschung um eine transdisziplinäre Gestaltungsaufgabe handelt.

 

Inter- oder transdisziplinär?

Wir verwenden bewusst den Begriff transdisziplinär, um deutlich zu machen, dass es nicht nur wie bei dem Begriff interdisziplinär um die Vermittlung zwischen wissenschaftlichen Fächern geht, sondern auch um die Einbeziehung von nichtwissenschaftlichen Akteuren und eine Verbindung zwischen der Theorie und einem praktischen Gestalten.31 Die besondere Komplexität einer transdisziplinären Innovationsforschung resultiert aus

  • der Heterogenität der Disziplinen, die von der naturwissenschaftlichen und technischen Forschung über verschiedene Politikfelder bis zur Managementwissenschaft und Organisationspsychologie reicht
  • den verschiedenen Interessen und Denkmustern z.B. von Wissenschaftlern und Praktikern
  • der Dynamik der Entwicklung und der Anzahl von Ebenen, von der Geopolitik bis zum einzelnen Menschen sowie
  • den unterschiedlichen Rollen der Akteure, z.B. als neutraler Beobachter oder persönlich Betroffener.

Leider mangelt es der transdisziplinären Innovationsforschung in Universitäten bislang an Anerkennung. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Ein wichtiger Grund ist wohl, dass das traditionelle Wissenschafts- und Publikationssystem eher disziplinäre Spitzenleistungen honoriert. Dies ist eine Chance für die anwendungsorientierte Forschung.

 

Transdisziplinäre Forschung zu Nachhaltigkeitsinnovationen

Unsere 1994 erschienene Buchpublikation zum „ökologischen Umsteuern“ von Automobilunternehmen ist aus Beratungsprojekten und einer begleitenden Forschung an der Universität Stuttgart entstanden.32 Diese Forschung war transdisziplinär, aber nur eingeschränkt gestaltend, weil deutsche Unternehmen und die Politik damals unsere Empfehlungen z.B. zu neuen Antriebssystemen nicht umgesetzt haben.

Dreißig Jahre später kämpft die für die deutsche Wirtschaft so wichtige Branche mit gravierenden Problemen. VW, der nach Fahrzeugabsatz zweitgrößte Automobilhersteller weltweit, befindet sich in einem Prozess der strategischen und organisatorischen Neuausrichtung.33 Gleichzeitig sind die geopolitischen Rahmenbedingungen von extremer Unsicherheit geprägt.

Das Beispiel verdeutlicht, dass beim Thema Nachhaltigkeitsinnovation eine transdisziplinäre und gestaltende Forschung für die Sicherung des Wohlstands unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist. 34 In den letzten Jahren hat sich das Thema dynamisch weiterentwickelt. Dabei ist die Verbindung von Umwelttechnik und Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Aus der Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit Digital Greentech Startups können neue Marktführer entstehen, wenn es der europäischen Politik gelingt, die Rahmenbedingungen zu verbessern. 35

Ein Beispiel ist das deutsch-luxemburgische Startup R3 Robotics, das eine KI-gestützte Robotik-Plattform für das Batterierecycling entwickelt hat. Auf diese Weise kann Europa seine Abhängigkeit von Importen verringern und die Nachhaltigkeit von Batterien erhöhen.36

Nach meiner persönlichen Erfahrung sind Studierende an solchen Themen nach wie vor sehr interessiert, weil sie die sich ergebenden Karrierechancen erkennen. Hiervon gehen für unser Expertenetzwerk wichtige Impulse aus.

 

Verbindung von Managementberatung und Personalentwicklung mit einer gestaltenden Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Unser Expertennetzwerk Competivation verbindet seit langem Managementberatung und Personalentwicklung. Der Vorteil für die Klienten ist ein besseres Preis-Leistungsverhältnis als bei traditionellen Consultants, da ein Schwerpunkt auf der Qualifikation der Mitarbeitenden liegt, die aktiv in die Projekte eingebunden sind.

Seit einigen Jahren ergänzen wir diese Dienstleistung durch eine gestaltende Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung. Dabei betreuen wir die Abschlussarbeiten von dualen Studierenden und externen Doktoranden, die in der Klientenorganisation an entsprechenden Projekten arbeiten. Hierbei liegt der Vorteil darin, dass die Forschung auf die spezifische Situation des Unternehmens zugeschnitten ist. Die Forschenden und ihr Unternehmen profitieren von der langen Erfahrung unserer Experten.

Lernprozess Innovationsstrategie

Mit diesem Ansatz hat Competivation ein internationales Alleinstellungsmerkmal geschaffen, das auf die Bedürfnisse des KI-Zeitalters ausgerichtet ist.

Eine gestaltende Forschung hat auch weit reichende Implikationen für die Hochschullehre. Dabei verstehen wir uns als innovativen Bildungsanbieter, der die Fähigkeit zu einem KI-unterstützten verbindenden Gestalten von Lösungen für komplexe Managementprobleme vermittelt.37

 

Fazit

  • Bei der Anwendung von KI stehen viele Unternehmen vor der Aufgabe, ihre Position zu verteidigen und mit einem spezifischen Ansatz Wettbewerbsvorteile zu erzielen
  • Dabei kommt es entscheidend auf die Gestaltung von KI-Ökosystemen an
  • Parallel zu dieser Entwicklung verlagern sich Forschungsansatz und -ort in Richtung auf eine gestaltende Innovationsforschung in Reallaboren des Wandels
  • Dabei erlebt die gestaltende Management- und Innovationsforschung eine Renaissance, die sich aus einer Reihe von Vorteilen ergibt
  • Bei diesem transdisziplinären Forschungsansatz hat sich ein Vorgehen in sechs Schritten bewährt, das an den jeweiligen Problemtyp und die Situation angepasst wird.

 

Literatur

[1] Bomke, L., Wie Unternehmen den KI-Stresstest bestehen. In: Handelsblatt, 18. Februar 2026, S. 24

[2] Busch, R., „Wir erschaffen das industrielle Gegenstück zu ChatGPT“ (Interview). In: Manager Magazin, März 2026, S. 86-90

[3] Scheer, O., Das 440-Milliarden-Euro-Potenzial. In: Handelsblatt, 25. Februar 2026, S. 12

[4] Servatius, H.G., Wettbewerbsvorteile mit wissensspezifischer KI. In: Competivation Blog, 11.02.2025

[5] Smolak, H., Mehr Wirkstoffe, weniger Jobs? In: Handelsblatt, 24. Februar 2026, S. 22

[6] Matthes, S., Die Verfassungskrise der Maschinen. In: Handelsblatt, 13./14./15. März 2026, S. 5

[7] Muldoon, J., Feeding the Machine – Hinter den Kulissen der KI-Imperien, Harper Collins 2025

[8] Servatius, H.G., KI und die Zukunft der Management Education. In: Competivation Blog, 09.04.2025

[9] Servatius, H.G., KI als Werkzeug für das strategische Management. In: Competivation Blog, 01.05.2025

[10] Servatius, H.G., Gestaltung von vertrauenswürdigen Hochleistungssystemen. In: Competivation Blog, 29.01.2026

[11] Servatius, H.G., Lernen, Lösungen für komplexe Managementprobleme zu gestalten. In: Competivation Blog, 15.07.2025

[12] Buchenau, M., et al., Die deutschen Konkurrenten der Tesla-Roboter. In: Handelsblatt, 25.03.2026, S. 22-23

[13] Obdenakker, R., Cuijpers, C., Design Science Methodology for the Management Science – From Foundations to Implementation, Springer 2025

[14] Simon, H.A., The Sciences of the Artificial, 3. Aufl., MIT Press1996

[15] Argyris, C., Putnam, R., McLain Smith, A., Action Science – Concepts, Methods and Skills for Research and Intervention, Jossey-Bass 1985

[16] Hevner, A.R., et al., Design Science in Information Systems Research. In: MIS Quarterly, März 2004, S. 75-105

[17] Romme, G., The Quest for Professionalism – The Case of Management and Entrepreneurship, Paperbackshop UK Import 2016

[18] Servatius, H.G., Fraktale Organisation von Strategie 5.0-Laboren. In: Competivation Blog, 28.03.2023

[19] Servatius, H.G., Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen Narrativ. In: Competivation Blog, 16.05.2022

[20] Servatius, H.G., Design von smarten Innovationsökosystemen. In: Competivation Blog, 12.05.2017

[21] Servatius, H.G., Eine Organisation auf Leistung trimmen. In: Harvard Manager, 1988, Nr. 4, S. 128-134

[22] Servatius, H.G., Let‘s Connect! Personalentwicklung für Stakeholder-Ökosysteme. In: IM+io, 2023, Heft 1, S. 40-41

[23] Servatius, H.G., Innovationsstrategien gemeinsam mit Stakeholdern gestalten. In: Competivation Blog, 31.08.2018

[24] Servatius, H.G., GenAI-basierte strategische Lernschleifen als verbindendes Prozessmuster. In: Competivation Blog, 15.08.2024

[25] Servatius, H.G., Von der digitalen Fitness zu Key Performance Indicators. In: Competivation Blog, 05.07.2017

[26] Servatius, H.G., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 07.06.2024

[27] Servatius, H.G., Gestaltung des Innovationssystems von Unternehmen. In: Servatius, H.G., Piller, F.D., (Hrsg.), Der Innovationsmanager – Wertsteigerung durch ein ganzheitliches Innovationsmanagement, Symposion 2014, S. 21-64

[28] Servatius, H.G., Wie Manager das Innovationssystem verhaltensökonomisch gestalten. In: IM+io, September 2015, Heft 3, S. 20-27

[29] Servatius, H.G., Entwicklung und Wandel des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 19.09.2025

[30] Servatius, H.G., Von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen. In: Competivation Blog, 12.07.2024

[31] Schmohl, T., Philipp, T. (Hrsg.), Handbuch transdisziplinäre Didaktik, Transcript 2021

[32] Berger, R., Servatius, H.G., Krätzer, A., Die Zukunft des Autos hat erst begonnen – Ökologisches Umsteuern als Chance, Piper 1994

[33] Backovic, L., Weniger Volkswagen wagen. In: Handelsblatt, 20./ 21./ 22. März 2026, S. 50-54

[34] Servatius, H.G., Konnektivität bei Nachhaltigkeitsinnovationen. In: Competivation Blog, 01.02.2022

[35] Servatius, H.G., Mit einer Strategie 5.0 zu Erfolgen bei Digital GreenTech. In: Fesidis, B., Röß, S.A., Rummel, S. (Hrsg.), Mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zum klimaneutralen Unternehmen, SpringerGabler 2023, S. 71-94

[36] Höpner, A., Mit KI Elektroautos recyceln. In: Handelsblatt, 23. März 2026, S. 29

[37] Servatius H.G., Disruption der Management Education für KI-basierte Neuausrichtungen. In: Competivation Blog, 10.10.2025

Von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen

Von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen

Sechs der sieben wertvollsten Unternehmen der Welt sind führend bei Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI). Daneben gehen beim aktuellen Thema generative KI wichtige Impulse von Start-ups aus. Daher stellt sich die Frage, was etablierte Unternehmen von diesen Digital-Champions lernen können. Die Suche nach Antworten auf diese Frage führt uns zu einem Paradigmenwechsel im strategischen Management, der lange Zeit von etablierten Unternehmen nicht verstanden worden ist. Eng damit verbunden ist ein Wandel der Personalführung und Kultur.

 

In diesem Blogpost erläutere ich einen Ansatz, der zum Erfolg der Digital-Unternehmen beigetragen hat. In den USA nennt man diesen Ansatz „geeky leadership style“.

 

Steigerung des Unternehmenswertes der „großen Sechs“

Zu den sieben wertvollsten Unternehmen der Welt gehören (Stand 27.06.2024) Microsoft, Apple, Nvidia, Alphabet, Amazon und Meta. Diese „großen Sechs“ aus den USA profitieren in unterschiedlichem Maße von dem gegenwärtigen Boom bei der generativen Künstlichen Intelligenz.1 Allein Microsoft ist zurzeit 77 Prozent mehr wert als alle 40 Dax-Unternehmen zusammen.

Der Erfolg der US-Unternehmen basiert aber nicht nur auf ihrer Digitalkompetenz, sondern auch auf Managementinnovationen. Diese Kombination hat zu einem Vorsprung gegenüber etablierten Unternehmen geführt. Während die Kompetenz in den unterschiedlichen Wellen der Digitalisierung offensichtlich ist, sind die neuen Managementansätze in den Erfolgsphasen der Digital-Unternehmen weit weniger transparent.

 

Ursachen der Erfolgsphasen von Digital-Unternehmen

Wir sind daher der Frage nachgegangen, was die europäische Wirtschaft von erfolgreichen Digital-Unternehmen lernen kann. Das Ergebnis ist eine Kausalkette, die mit der Verbindung der ersten Entwicklungsstufe eines markt- und finanzorientierten strategischen Managements mit der zweiten, durch Technologie und Innovation bestimmten Stufe beginnt. Diese Verbindung hat Theorie verändernd gewirkt und zu einem Paradigmenwechsel von einem eher mechanistischen zu einem komplexitätsbewältigenden strategischen Management geführt. Dieser Paradigmenwechsel prägte die Kultur in den Erfolgsphasen von Digital-Unternehmen. In diesen Phasen ist eine innovationsfördernde Personalführung und disruptive Unternehmenskultur entstanden, die für etablierte Unternehmen eine schwer zu überwindende Barriere darstellt.

Lernprozess Innovationsstrategie

Diese drei Ursachen möchte ich in den folgenden Abschnitten erläutern. Ein besseres Verständnis der Ursachen kann dazu beitragen, dass etablierten Unternehmen der digitale Wandel besser gelingt. Eine Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings die Bereitschaft, zu lernen und traditionelle kulturelle Normen zu hinterfragen. Den Ausgangspunkt bildet eine systemorientierte Verbindung der Strategie 1.0 und der Strategie 2.0.

 

Systemorientierte Verbindung von Strategie 1.0 und 2.0

Seit Anfang der 1980er Jahre hat eine Erweiterung des traditionellen markt- und finanzorientierten strategischen Managements (Strategie 1.0) um eine technologie- und innovationsorientierte zweite Entwicklungsstufe stattgefunden (Strategie 2.0).2 Diese Erweiterung haben erfolgreichen Digital-Unternehmen zu ihrem Vorteil genutzt. Deren Erfolg basiert zum einen auf ihrem Vorsprung bei digitalen Technologien. Mindestens ebenso wichtig ist die systemorientierte Integration eines analyseorientierten strategischen Handelns und einer innovationsfördernden Kultur. Auf diese Weise ist es ihnen gelungen, einen neuen integrierten Ansatz zur Gestaltung von Innovationsystemen zu realisieren.3 Dieser Ansatz ist nicht auf das eigene Unternehmen beschränkt, sondern bezieht Start-up-Ökosysteme mit ein.

In erfolgreichen Start-up-Ökosystemen arbeiten vier Sektoren partnerschaftlich zusammen. Die Politik fördert aktiv die Bildung, neue Technologien und Innovationen. Der Wissenschaft gelingt die erfolgreiche Ausgründung von Start-ups. Wagniskapitalgeber und ein Corporate Venture Management finanzieren nicht nur die Gründung, sondern auch die Skalierung der Start-ups. Und auch die Gesellschaft spielt eine wichtige Rolle, indem sie ein positives Innovationsklima und attraktive Rahmenbedingungen schafft.

Lernprozess Innovationsstrategie

Dieses Zusammenspiel hat mit mehreren Jahrzehnten Vorsprung gegenüber Europa zur Erfolgsgeschichte des Silicon Valleys geführt.4 Das Beispiel zeigt jedoch auch das Spannungsverhältnis zwischen dem gegenwärtigen KI-Boom und den explodierenden Lebenshaltungskosten an der US-amerikanischen Westküste.

Die Entwicklung von Start-up-Ökosystemen wurde durch die in den 1960er Jahren entstandene Design-Wissenschaft5 und Methoden wie dem Design Thinking befruchtet.6 Das Design Thinking unterstützt den interdisziplinären Lernprozess zur Gestaltung von digitalen Geschäftsmodellen. Dabei wirken innovative Technologien als Ermöglicher von neuen Formen der Problemlösung und Befriedigung von Kundenbedürfnissen. Das bereits in den 1940er Jahren von dem Psychologie-Professor Kurt Lewin in den USA entwickelte Action Research7 liefert die theoretische Basis für Lernschleifen, die von Hypothesen ausgehen, etwas gestalten, das man bei Kunden testen kann und deren Ergebnisse zu möglichen Richtungsänderungen führen. Anfang der 1990er Jahren sind auf dieser Grundlage agile Methoden zur Softwareentwicklung wie Scrum entstanden.8 So sind aus Start-ups, die diese Konzepte nutzen, die wertvollsten Unternehmen der Welt geworden.

Das Beispiel Amazon zeigt, dass diese Unternehmen auch kritische Phasen meistern mussten. Nach dem Scheitern eines Projekts zur Verbesserung der Zusammenarbeit von Funktionsbereichen erkannte Jeff Bezos die Notwendigkeit eines Richtungswechsels. Er führte das „Zwei-Pizza-Prinzip“ für agile Teams ein und setzte die Konzentration von Projektleitern auf ein einzelnes Projekt durch (Single-Threaded Leaders). Damit agile Teams möglichst selbständig arbeiten können, war die Entwicklung einer modularen IT-Architektur notwendig. Diese interne Initiative bildete den Ausgangspunkt für die Gründung von Amazon Web Services (AWS), dem heutigen Weltmarktführer im Cloud-Geschäft.9

Die theoretische Grundlage für derartige Aktivitäten lieferte ein Paradigmenwechsel im strategischen Management, der sich in den 1990er Jahren vollzogen hat. Ich möchte kurz schildern, wie ich diese Zeit erlebt habe.

 

Paradigmenwechsel von mechanistisch zu komplexitätsbewältigend

Nach rund einem Jahrzehnt in der Strategieberatung hatte ich damals den Eindruck, dass die vorhandenen, relativ mechanistische Strategiekonzepte nicht ausreichend sind, um die Komplexität von Innovations- und Nachhaltigkeitsthemen zu bewältigen. Auf der Suche nach besseren Lösungsansätzen bin ich auf die Evolutions- und Komplexitätstheorien gestoßen und habe über den notwendig erscheinenden Paradigmenwechsel im strategischen Management 1991 an der Universität Stuttgart extern habilitiert.10

Lernprozess Innovationsstrategie

Ein komplexitätsbewältigendes strategisches Management basiert auf drei theoretischen Grundlagen, die sich wechselseitig beeinflusst haben. Als erstes sind in verschiedenen Disziplinen Evolutionstheorien entstanden, Sie betrachten die dynamische Abfolge von Ungleichgewichten als Balance zwischen Chaos und Ordnung, dessen Ergebnis von den Anfangsbedingungen abhängt.11 Wichtige Impulse gingen dann von dem 1984 in den USA gegründeten Santa Fe Institute und der dort entwickelten Theorie komplexer adaptiver Systeme aus. Diese beschäftigt sich mit der Schaffung von geeigneten Rahmenbedingungen für eine stärker selbstorganisierte Interaktion kompetenter Akteure am „Chaosrand“, die auf einfachen Regeln basiert.12 Einen Beitrag zur Anwendung in Organisationen leistet die Theorie komplexer interaktiver Beziehungsprozesse. Im Mittelpunkt stehen hierbei lokale, nicht lineare Interaktionen von Akteuren, aus deren Verlauf sich Muster ergeben, die schwer prognostizierbar sind.13

Diese relativ abstrakt klingenden Gedanken waren in den 1990er Jahren etablierten Unternehmen schwer zu vermitteln. Daher sind auch die großen Beratungsunternehmen nicht auf diesen Zug aufgesprungen. Dennoch haben die Theorien ihren Weg in die Praxis gefunden. Dieser Weg führte von der Stanford University zu Google. Mit der fortschreitenden Digitalisierung hat dann die Bedeutung der Evolutions- und Komplexitätstheorien stark zugenommen.

1995 erschien das Buch Competing on the Edge der späteren Google-Managerin Shona Brown und der Stanford-Professorin Kathleen Eisenhardt, die versuchen die Komplexitätstheorien auf das strategische Management zu übertragen.14 Ihre Handlungsempfehlungen gliedern sie in die Felder Chaosrand, Zeit-Harmonie und zeitliche Taktung. Im Mittelpunkt steht dabei eine Komplexitätsbewältigung durch die Suche nach der richtigen Balance. Im Feld Chaosrand lauten die Handlungsempfehlungen:

  • Mit professioneller Improvisation die Mitte zwischen zu viel Struktur und zu viel Durcheinander suchen und
  • durch gemeinsame Anpassung Synergien zwischen Geschäften nutzen, um so die Balance zwischen zu viel Kooperation und zu viel Egoismus zu finden.

Die Empfehlungen im Feld Zeit-Harmonie sind:

  • Durch gezielte Erneuerung Vorteile aus der Zukunft und der Vergangenheit ableiten und
  • Experimente durchführen, um mit Erfahrung heute das Morgen zu gestalten.

Die letzte Empfehlung betrifft die zeitliche Taktung. Sie lautet:

  • Das Tempo vorgeben, um so Übergänge zu synchronisieren und den richtigen eigenen Rhythmus zu finden.

Diese Handlungsempfehlungen haben die Personalführung und Kultur von Google und anderen Digital-Unternehmen geprägt.

 

Innovationsfördernde Personalführung und disruptive Unternehmenskultur

In Digital-Unternehmen hat sich ein spezifischer Führungsstil entwickelt, den man in den USA als „geeky leadership style“ bezeichnet. Der Begriff Geek (oder deutsch Geck) erlebt dabei einen Bedeutungswandel zum Positiven. Diese Form der Personalführung ist kulturprägend. Charakteristisch hierfür sind die folgenden vier kulturellen Normen:15

  • Eine spezifische wissenschaftliche Vorgehensweise (Science)
  • persönliche Verantwortung (Ownership)
  • eine hohe Geschwindigkeit von Iterationen (Speed) und
  • Offenheit (Openness).

Der disruptive Charakter einer solchen Kultur liegt darin, dass sie für etablierte Unternehmen aufgrund von Verhaltensbarrieren schwer zu entwickeln ist. Dies möchte ich kurz erläutern.

Lernprozess Innovationsstrategie

Die auf dem Action Learning und der Design-Theorie basierende wissenschaftliche Vorgehensweise ist auf ein datenbasiertes, lernendes Gestalten gerichtet. Diese Erkenntnisse haben Digital-Unternehmen wie Google frühzeitig genutzt und Infrastrukturen für das Testen von Hypothesen entwickelt. Die Testergebnisse bilden dann den Ausgangsunkt für eine intensive, faktenorientierte Argumentation der Akteure. Demgegenüber beruhen Entscheidungen in etablierten Unternehmen stärker auf den Überzeugungen und der Macht von Führungskräften sowie auf den Meinungen von Experten. Der kulturelle Wandel zu einem stärker wissenschaftlich orientierten Vorgehen kann in etablierten Unternehmen daher Widerstand auslösen, weil die Verantwortlichen einen Bedeutungsverlust befürchten. Die Personalentwicklung an Hochschulen und in der Praxis sollte hier ein bewusstes Gegengewicht schaffen.

Charakteristisch für digitale Start-ups ist eine persönliche Verantwortung der Führungskräfte mit einem höheren Grad an Autonomie, einer Ermächtigung agiler Teams und weniger Koordinationsaufwand. Etablierte Unternehmen kämpfen hingegen oft mit einer zunehmenden Bürokratisierung, bei der viele mitreden dürfen und ihre Macht demonstrieren, indem sie ein Veto einlegen. Auch Microsoft stand vor der Herausforderung, eine Ownership-Kultur zurückzugewinnen, was unter der Führung von Satya Nadella gelungen ist. In der Öffentlichkeit viel diskutiert wird der Versuch des Unternehmens Bayer, Bürokratie mit Hilfe des Humanocracy-Konzepts abzubauen, das der Management-Guru Gary Hamel entwickelt hat.16 Es bleibt abzuwarten, wie erfolgreich dieser Versuch ist.

Eine Wurzel des „geeky leadership styles“ ist das 2001 geschriebene agile Manifest, das die Geschwindigkeit von schnellen Iterationen betont. Etablierte Hardware-orientierte Unternehmen tun sich häufig schwer, dieses bei der Softwareentwicklung entstandene Vorgehen mit ihrem existierenden Produktinnovationsprozess zu verknüpfen. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Software z.B. in der Automobilindustrie werden hybride Ansätze immer wichtiger, die die vorhandenen Kompetenzen mit Digitalkompetenz verbinden. Ein Erfolgsindikator hierfür ist, dass die Unternehmen ihre gesetzten Zeitziele erreichen und nicht Opfer des 90-Prozent-Syndroms werden, bei dem die Akteure zu spät merken, dass sie ihre Ziele verfehlen.

Charakteristika der kulturellen Norm Offenheit sind das Teilen von Informationen, Empfänglichkeit für andere Argumente, die Bereitschaft, Situationen neu zu bewerten und die eigene Richtung zu ändern. Das Gegenteil von Offenheit sind weit verbreitete defensive Verhaltensmuster, die der Harvard-Professor Chris Argyris bereits seit den 1980er Jahren als Kennzeichen etablierter Unternehmen beschrieben hat.17 Die negative Konsequenz ist oft, dass die Gemeinschaft diejenigen bestraft, die gegen herrschende Normen verstoßen. Eine Extremform defensiver Verhaltensmuster ist die stillschweigende Duldung unethischer oder strafbarer Aktivitäten. Hingegen erkennt man eine durch Offenheit geprägte Kultur z.B. daran, dass junge Mitarbeitende ihrem Chef in einem internen Meeting offen widersprechen dürfen, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen.

Dieses Beispiel führt uns zu einem Ansatz, wie etablierte Unternehmen die kulturelle Distanz zur digitalen Welt verringern können.

 

Kulturelle Normen anpassen und vorleben

Führungskräfte etablierter Unternehmen haben die Aufgabe, einen individuellen Zugang zu den kulturellen Normen erfolgreicher Digital-Unternehmen zu finden. Dabei kann die Kenntnis der skizzierten theoretischen Grundlagen hilfreich sein. Der Erfolg in der digitalen Welt bedeutet jedoch nicht, dass diese Normen 1:1 auf ein etabliertes Unternehmen übertragbar sind. Sie bedürfen einer Anpassung an die spezifische Situation und an die Rahmenbedingungen des jeweiligen Unternehmens. Nachdem bezüglich dieser situativen Anpassung ein Konsens besteht, kommt es darauf an, dass die Führungskräfte veränderte kulturelle Normen vorleben. Eine wichtige Rolle spielt dann eine entsprechende Personalentwicklung und Beförderungspolitik. Daher ist die Vorstellung von einer schnellen, umfassenden digitalen Transformation unrealistisch. Eine erfolgreiche digitale Neuausrichtung in etablierten Unternehmen verläuft eher als spezifischer, längerfristiger Prozess.18

 

Zusammenarbeit mit Start-ups als eine zu wenig genutzte Chance

Eine Möglichkeit für etablierte Organisationen, von erfolgreichen Digital-Unternehmen zu lernen, besteht in einer verstärkten Zusammenarbeit mit Start-ups. Leider wird diese Chance zu wenig genutzt. So kommt eine Studie des Deutschen Start-up-Monitors zu dem Ergebnis, dass die Kooperation von Konzernen und Mittelständlern mit jungen Unternehmen von 2020 bis 2023 um zehn Prozent zurückgegangen ist. Die Chefin des Start-up-Verbands Verena Pausder sieht in dieser Rückwärtsentwicklung ein Alarmsignal und fördert eine Neuauflage der Partnerkultur.19 Gerade das aktuelle Thema der generativen Künstlichen Intelligenz böte hierzu vielfältige Ansätze. Zwar gibt es eine Reihe von Initiativen, wie die seit 2018 in Ostwestfalen stattfindende Konferenz „Hinterland of Things“, die verschiedenen Akteure vernetzt. Aber insgesamt existiert bei der Gestaltung von Start-up-Ökosystemen noch ein erhebliches Ausbaupotenzial.

 

Fazit

  • Viele der wertvollsten Unternehmen der Welt haben sich in relativ kurzer Zeit von Start-ups zu Digital-Champions entwickelt
  • Zur Beantwortung der Frage, was etablierte Unternehmen hieraus lernen können, haben wir die Entwicklung des strategischen Managements analysiert
  • Im Unterschied zu etablierten Unternehmen haben Digital-Unternehmen in ihren Erfolgsphasen einen Paradigmenwechsel im strategischen Management von mechanistisch zu komplexitätsbewältigend aktiv vorangetrieben
  • Eine wichtige Rolle hat dabei ein Wandel der Personalführung und Kultur gespielt
  • Führungskräfte in etablierte Unternehmen stehen vor der Aufgabe, situativ angepasste kulturelle Normen vorzuleben
  • Dabei sollten sie stärker die Möglichkeit nutzen, mit Start-ups zusammenzuarbeiten

 

Literatur

[1] Sommer, U., KI entfacht Kursfeuerwerk. In: Handelsblatt, 27. Dezember 2023, S.1, 4, 6

[2] Servatius, H.G., Evolution des strategischen Managements. In: Competivation Blog, 28.06.2024

[3] Servatius, H.G., Gestaltung des Innovationssystems von Unternehmen. In: Servatius, H.G., Piller, F.T. (Hrsg.), Der Innovationsmanager – Wertsteigerung durch ein ganzheitliches Innovationsmanagement, Symposion 2014, S. 21-64

[4] Keese, C., Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt, Knauer 2014

[5] Simon, H.A., The Sciences of the Artificial, 2.Aufl., MIT Press 1981 (1. Aufl.1969)

[6] Kelly T., Kelly, D., Creative Confidence – Unleashing the Creative Potential within us all, William Collins 2013

[7] Marrow, A.J., Kurt Lewin – Leben und Werk, Ernst Klett 1977

[8] Sutherland, J.J., The Scrum Fieldbook – A Master Class on Accelerating Perfomance, Getting Results, and Defining the Future, Currency 2019

[9] Bryar, C., Carr, B., Working Backwards – Insights, Stories, and Secrets from Inside Amazon, Macmillan 2021

[10] Servatius, H.G., Vom strategischen Management zur evolutionären Führung – Auf dem Wege zu einem ganzheitlichen Denken und Handeln, Poeschel 1991

[11] Beinhocker, E.D., Die Entstehung des Wohlstands – Wie Evolution die Wirtschaft antreibt, mi-Fachverlag 2007

[12] Lewin, R., Die Komplexitätstheorie – Wissenschaft nach der Chaos-Forschung, Hoffmann und Campe 1993

[13] Stacey R., Tools and Techniques of Leadership and Management – Meeting the Challenge of Complexity, Routledge 2012

[14] Brown, S.L., Eisenhardt, K.M., Competing on the Edge – Strategy as Structured Chaos, Harvard Business Review Press 1998

[15] McAfee, A., The Geek Way – The Radical Mindset That Drives Extraordinary Results, Macmillan 2023

[16] Hamel, G., Zanini, M., Humanocracy – Creating Organizations as Amazing as the People Inside Them, Harvard Business Review Press 2020

[17] Argyris, C., Overcoming Organizational Defences – Facilitating Organizational Learning, Allyn and Bacon 1990

[18] Servatius, HG., Dreifache strategische Neuausrichtung. In: Competivation Blog, 07.06.2024

[19] Müller, A., Schimroszik, N., Mittelstand rückt von Start-ups ab. In: Handelsblatt, 13. Juni 2024, S.22

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