Etablierte Unternehmen nutzen die Chancen digitaler Anwendungen noch relativ wenig. Eine mögliche Erklärung ist die Sorge, in eine zu starke Abhängigkeit von großen Plattformanbietern zu geraten. In dieser Situation kommen Low-Code-Plattformen ins Spiel, die mehr Souveränität versprechen.

 

Ungenutzte Chancen bei digitalen Anwendungen

56,4 Prozent der befragten Unternehmen bewerten einer IDG-Studie zufolge die Relevanz des Internet der Dinge als hoch oder sehr hoch.1 Dennoch nutzen etablierte Unternehmen die Chancen der Digitalisierung eher zögerlich. Sie setzen eher auf Einzelprojekte zur Produktivitätssteigerung als auf neue Anwendungen (Apps) und Geschäftsmodelle.2 Eine Ausnahme ist der Heizungsbauer Viessmann, der seit 2018 seinen Privatkunden ein Contracting-Modell anbietet. Dabei wird die Heizungsanlage nicht mehr verkauft, sondern vermietet. Mittels Fernüberwachung stellt ein Installateur sicher, dass die Anlage reibungslos funktioniert.

Es stellt sich die Frage nach den Ursachen für die Zurückhaltung vieler Unternehmen bei digitalen Innovationen. Eine mögliche Erklärung ist die Sorge, in eine zu starke Abhängigkeit von den großen Anbietern von IoT- und KI-Plattformen wie Amazon oder Microsoft zu geraten, deren Cloudlösungen die Infrastruktur für datengetriebene Apps und Geschäftsmodelle bilden. Der Wettbewerb im Markt der IoT- und KI-Plattformen ist inzwischen in eine entscheidende Phase getreten. Neben dominierenden Cloud-Anbietern konkurrieren IT-Unternehmen wie SAP, Industriekonzerne wie Siemens und KI-Spezialisten wie Bright Machines um die Gunst der Plattformkunden. Umso schwieriger ist die Auswahl der geeigneten Plattformpartner. Dabei spielt die Sorge mit, den Kampf um die Schnittstelle zu Endkunden zu verlieren, an der wettbewerbsentscheidende neue Anwendungen entstehen.

Diese Sorge treibt das Wachstum eines relativ jungen Segments des weltweiten Plattformmarktes: Der Low Code Development Platforms (LCDP). Deren Nutzenversprechen ist, dass die neuen Entwicklungsumgebungen deutlich weniger eigene Programmierkenntnisse erfordern und innovative Anwendungen in kürzerer Zeit ermöglichen.

Damit sind Low-Code-Plattformen ein Beispiel für ein Game-Changer-Thema vom Typ zwei, das aus der disruptiven Wirkung digitaler Technologien entstanden ist.3

 

Mehr Souveränität mit Low-Code-Plattformen

Vorläufer der Low-Code-Plattformen, ein Begriff den Forrester Research 2014 geprägt hat, waren neben den Programmiersprachen der 4. Generation Rapid Application Development (RAD-) Werkzeuge. Das Grundprinzip dieser Plattformen ist, anstelle klassischer Programmiertechniken Entwicklungsumgebungen für Software zu schaffen, die auf visuellen Applikationsdesignern und anderen grafischen Modellierungsmethoden basieren. Dies ist z.B. für Internet of Things (IoT-) Anwendungen von großer Bedeutung. Die Game-Changer-Wirkung beruht im Wesentlichen auf zwei Effekten. Erstens erreichen auch professionelle Programmierer eine erhebliche Produktivitätssteigerung. Und zweitens können Mitarbeiter aus Fachabteilungen (Business Citizens) mit geringeren Programmierkenntnissen Anwendungen entwickeln. Mit diesem Prinzip einer Demokratisierung des Programmierers gelingt es etablierten Unternehmen in Zeiten des Mangels an IT-Fachkräften, Souveränität gegenüber Software-Unternehmen zurückzugewinnen.

 

 

Markets and Markets prognostiziert ein durchschnittliches jährliches Wachstum des Marktes für Low-Code-Platfformen von 44,5 Prozent bis 2022 auf 27.2 Milliarden Dollar.4 Wichtige Anbieter sind neben OutSystems, Salesforce und Microsoft das 2005 in Rotterdam gegründet Unternehmen Mendix. Im August 2018 hat Siemens Mendix für 600 Millionen Euro übernommen. Eines der Ziele war, dass Kunden auf der MindSphere-Plattform von Siemens schneller IoT-Anwendungen entwickeln können. Außerdem wird die Mendix-Plattform auch von SAP und IBM vertrieben.5

 

Möglicher Wendepunkt bei einem Game-Changer-Thema

Low-Code-Plattformen könnten zu einem Wendepunkt (Inflection Point) beim Game-Changer-Thema Disruption durch digitale Technologien werden. Das Konzept eines strategischen Wendepunkts geht auf den früheren Intel-Chef Andy Grove zurück.6 Er beschreibt damit die kritische Zeitspanne in einem Geschäftszyklus, wenn sich wichtige Grundlagen verändern. Die Schwierigkeit ist, sich abzeichnende Wendepunkte frühzeitig zu erkennen und dann mit dem richtigen Timing angemessen zu handeln. Bei Low-Code-Plattformen scheint ein solcher Inflection Point erreicht zu sein.

 

Literatur

[1] Höppner, A.: Die Industrie 4.0 stockt. In: Handelsblatt, 19. Dezember 2019, S. 26

[2] Hoffmann, J.: Neu denken, neu machen. In: Handelsblatt, 4. Dezember 2019, S. 46-47

[3] Servatius, H. G.: Game-Changer-Themen meistern. In: Competivation Blog, 07. Januar 2020

[4] Markets and Markets: Low-Code Development Market, 9. August 2019

[5] Hülskotter, M.: Low-Code-Plattform Mendix wächst tiefer in die SAP-Welt hinein. In: Computerwoche, 25. April 2019

[6] Grove, A.S.: Only the Paranoid Survive – How to Exploit the Crisis Points That Challenge Every Company and Career, New York 1996