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Reichen die traditionellen empirischen Methoden der Mainstream-BWL aus, um die Gestaltung von Innovationssystemen zu erforschen? Wir plädieren für eine Ergänzung.

 

Grenzen empirischer Forschung in der BWL

Wie entwickelt man das Innovationsmanagement eines Unternehmens weiter? Wie gestaltet man ein Internet of Things (IoT)-Lab, und über welche Kompetenzen sollten dabei die beteiligten Manager verfügen? Dies sind Fragen von hoher praktischer Relevanz, die mit den traditionellen empirischen Forschungsmethoden nicht befriedigend zu beantworten sind. Die Betriebswirtschaftslehre (BWL) als anwendungsorientierte Wissenschaft steht daher vor der Herausforderung, Forschungsansätze zu erproben, die dazu beitragen, derartige Fragen zu beantworten. Hierbei wirkt der digitale Wandel als Beschleuniger, denn für viele Unternehmen ist es von entscheidender Bedeutung, wissenschaftlich fundierte Antworten zu finden. Ein Beispiel ist die Automobilindustrie, die sich disruptiven Technologien und Wettbewerbern stellen muss.1

Ein Ansatz, der die traditionellen Methoden sinnvoll ergänzt, ist die partizipative Forschung, deren Wurzeln in den Sozialwissenschaften liegen.2

 

Wurzeln der partizipativen Forschung

Die Wurzeln der partizipativen Forschung sind die Aktionsforschung, die Praxisforschung und die Community-basierte Forschung. Seit 1946, als Kurt Lewin den Begriff Action Research prgte, ist eine Vielzahl unterschiedlicher Varianten entstanden, die zudem eine regional spezifische Entwicklungsgeschichte haben.

Das Ziel der Aktionforschung ist es, Erfolg versprechende Lösungen für drängende Herausforderungen zu finden. In ähnlicher Weise strebt die Praxisforschung an, wissenschaftlich fundierte Problemlösungen für Praktiker zu entwickeln. Im Mittelpunkt dieses Practitioner-Research-Ansatzes steht das Ziel, zur Verbesserung der Qualitt einer professionellen Praxis beizutragen. Ein etwas anderer Schwerpunkt liegt der Community-basierten Forschung zugrunde. Hier geht es vor allem um die Kompetenzentwicklung der jeweils beteiligten Community oder Akteursgruppe (siehe Abbildung).

Es stellt sich die Frage, warum wir gegenwärtig eine Renaissance der partizipativen Forschung erleben.

 

Elemente der partizipativen Forschung

Die zunehmende Bedeutung der partizipativen Forschung resultiert unter anderem aus der Erkenntnis, dass zur Bewältigung von drängenden Herausforderungen neue Formen der Wissensproduktion benötigt werden. Bei diesem sogenannten Modus 2 zur Erzeugung von Wissen rücken die Systeme Wissenschaft und Praxis näher zusammen.3  Erstaunlicherweise verharren weite Teile der akademischen Betriebswirtschaft aber noch in einem Modus 1-Rahmen, der sich zu verfestigen scheint.

Die Elemente, die eine partizipative Forschung kennzeichnen, sind:

  • Eine wechselseitige Beteiligung von Forschern an praktischen Problemlösungen sowie von Praktikern an deren Erforschung,
  • gemeinsame interdisziplinäre Lernprozesse und
  • das Bestreben, die Unternehmenswirklichkeit zu verstehen und zu gestalten.

Es liegt nahe, diesen Forschungsansatz im Rahmen des Innovationsmanagements und speziell bei der Gestaltung des Innovationssystems von Unternehmen anzuwenden. Die verschiedenen Varianten sind zwar in den Sozialwissenschaften entstanden. Wenn man von deren spezifischen Kontexten abstrahiert, stellt man aber fest, dass in anderen anwendungsorientierten Wissenschaften, wie z. B. den Ingenieurswissenschaften und der Medizin, ähnliche Forschungsmuster verbreitet sind.

 

Nutzen bei der Gestaltung von Innovationssystemen

Die drei skizierten Elemente der partizipativen Forschung sind für die Gestaltung von Innovationssystemen von großer Bedeutung. Die wechselseitige Beteiligung trägt dazu bei, dass Forscher ein vertieftes Verständnis der real existierenden Innovationsprobleme gewinnen und Praktiker neue Innovationskonzepte anwenden.

In einem ersten Schritt schließen die Praktiker häufig Wissenslücken und bilden Communities mit anderen Innovationsmanagern. Ein solcher Erfahrungsaustausch kann innerhalb des Unternehmens aber auch gemeinsam mit Teilnehmern aus anderen Organisationen stattfinden. Von diesen interdisziplinären Lernprozessen profitieren auch die Forscher. Sie erfahren, wie sich beim Innovationsmanagement das praktische Handeln verbessern lässt. Dies erhöht die Glaubwürdigkeit ihrer akademischen Lehre, die ja darauf abzielt, zukünftige Führungskräfte auszubilden.

Das Bestreben, die Unternehmenswirklichkeit zu verstehen und zu gestalten bringt für beide Akteursgruppen Vorteile: Die Praktiker schaffen Wettbewerbsvorteile für ihr Unternehmen, während die Forscher neue Erkenntnisse gewinnen und so einen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt leisten.

Wichtig zu erwähnen ist, dass die partizipative Forschung einen bestimmten Arbeitsstil beschreibt, bei dem der Nutzen durch lngerfristiges Praktizieren entsteht. Diese Erkenntnis ist für forschende Berater nicht neu. In der Betriebswirtschaft kann sie die akademische Welt bereichern.

 

Literatur

  1. Freitag, M.: Bytes, die neuen PS. In: Manager Magazin, September 2015, S. 36-43
  2. von Unger, H.: Partizipative Forschung – Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS, 2014
  3. Nowotny, H.; Scott, P.; Gibbons, M.: Wissenschaft neu denken – Wissen und Öffentlichekeit in einem Zeitalter der Ungewissheit. Weilerswist: Velbrück, 2004